Kolumne

Papa-Blog: Der rührendste Moment im Leben eines Vaters ereilt einen dort, wo man es nicht erwartet

Es gibt Erlebnisse mit Kindern, die sich einem Vater für immer einbrennen. Die erhellendsten Momente spielen sich nicht etwa im Kreisssaal ab. Sondern, zum Beispiel, am Fussgängerstreifen.

Ralf Streule
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Das Kind, alleine unterwegs auf dem Fussgängerstreifen. Tönt simpel. Ist monumental.

Das Kind, alleine unterwegs auf dem Fussgängerstreifen. Tönt simpel. Ist monumental.

Bild: Hannes Thalmann

Kürzlich habe ich mit meiner Frau über jene Momente gesprochen, die uns als Eltern für immer in Erinnerung bleiben werden. Natürlich waren da die Geburten unserer drei Buben das Thema. Was ich zugeben muss: Die Stunden im Kreisssaal waren zwar emotional, die Erinnerungen fühlen sich aber vage und verschwommen an. Geblieben ist ein undefiniertes Gemisch von aufgeregter und fahriger Müdigkeit, aber nicht etwa eine klar umrissene Erinnerung. Natürlich: sehr schön. Aber auch etwas überfordernd, muss der Papa zugeben.

Ein banales Gschichtli, das zu Tränen rührt

Wo sind sie also sonst, jene Momente, die in voller Klarheit für immer bleiben? Es sind nur selten die Klassiker, die man erwarten würde: Erster Schultag? Erster Kindergartentag? Dann doch eher der Tag, an dem der Älteste erstmals ganz alleine zum Kindergarten schlurfte und wir ihn gewissermassen das erste Mal losliessen.

Meine Frau setzt folgende Situation auf den ersten Platz ihrer Rangliste:

Irgendwann zog der Grosse plötzlich ein Blatt mit einem Gschichtli aus dem Schulmäppli und begann, ihr vorzulesen.

Meine Frau verdrückte ein paar Tränen. Weil der Kleine doch erst gerade noch den Schoppen gebraucht hatte. Gefühlt.

Stolz? Oder traurig? Wahrscheinlich beides.

Der Moment, der mich hell und unverhofft wie ein Blitz traf, war ein anderer. Ich war mit dem Auto unterwegs, ich weiss nicht mehr wohin, als ich hinter einem anderen Fahrzeug an einem Fussgängerstreifen anhalten musste. Ein Kind wartete am Strassenrand. Es war mein Kind! Mit einem Kickboard war der damals Sechsjährige unterwegs, wohl zum ersten Mal durfte er den 15minütigen Weg zur Halle ins Handballtraining alleine zurücklegen. Als er so arglos dastand, dem Fahrer vor mir zuwinkte, über den Fussgängerstreifen trottinettelte, einen zu grossen Rucksack auf dem Rücken, wurde mir fast schwindlig. Weil sich gerade mein grosser Stolz mit irgendetwas Wehmütigem mischte.

Innerhalb von Sekundenbruchteilen wurde mir klar: Der Bub schmeisst sein Leben bald selber, schaut selber nach links und rechts. Er wird uns je länger je weniger brauchen. Und ist gleichzeitig irgendwann dieser Welt ausgeliefert. Mich beschlich ein seltsames Gefühl: Sein Weg über den Fussgängerstreifen war für mich so etwas wie der Beginn vom Abschiednehmen. Nie zuvor wurde mir so deutlich vor Augen geführt, dass das Kindererziehen nur ein Intermezzo in meinem Leben sein wird. Die Mischung aus Stolz und Traurigkeit jenes Moments schwingt bis heute zuweilen im Kopf mit. So glasklar wie damals erlebte ich ihn nie mehr.

Ich habe damals die Scheibe nicht herunter gelassen, um ihm zuzurufen. Vielleicht aus Angst, dass er dann den Blick für den Verkehr verliert. Oder auch ganz einfach, weil ich in jenem Moment schlicht zu absorbiert war mit meinen Gedanken. Am wahrscheinlichsten aber: Ich wollte meinem Bub nicht das Gefühl geben, der Papi habe ihm hinterher spioniert. Ich will immerhin so tun, als könnte ich locker loslassen.

Der Autor

Ralf Streule lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen (8 Jahre, 6 Jahre und 1 Jahr) in Goldach. «Sie können nur Buben», sagt der Kinderarzt.

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