Papa-Blog: Das Gute, das Böse
und die Kinder

In Kinderbüchern wird fast immer alles gut. Das ist etwas langweilig. Aber es vereinfacht das Leben, wenn die Corona-Hiobsbotschaften
sich mehren.

Ralf Streule
Hören
Drucken
Teilen
Ende gut, alles gut: Kaum eine Kindergeschichte schert aus.

Ende gut, alles gut: Kaum eine Kindergeschichte schert aus.

Evgenyatamanenko / iStockphoto

Der Chasperli gibt zum Schluss des Hörspiels dem Dieb gehörig auf den Güx. Die Hexe bei Hänsel und Gretel landet im Ofen. Struppi entgeht nach einem Fall über Bord den Haien, Tim einer Exekution - beide jagen später zusammen wieder Bösewichte.

Kindergeschichten sind fast immer gleich gestrickt: Am Schluss gewinnt das Gute. Für Kinder ist nichts anderes denkbar. In Anflügen von Sarkasmus lasse ich hin und wieder die Geschichten beim Erzählen etwas anders enden. «Struppi fällt über Bord» - ich klappe das Buch zu - «und die Geschichte ist zu Ende». Dieses typische Papa-Witzli führt immer zu grossem Trara, Hörmoluf!

Mitleiden, wenn das Happy End fehlt

Kinderfilme und Kinderbücher sind dermassen voll von guten Enden, dass mein fünfjähriger Sohn kürzlich hübsch umständlich konstatierte: 

«Um die, die es geht, die gewinnen immer.»

Eine Ausnahme machen einige Kindertrickserien aus den 1980ern. «Niklaas, ein Junge aus Flandern» zum Beispiel. In einem Anflug von Nostalgie habe ich auf einem Flohmarkt diese DVD gekauft. Um dann von Folge zu Folge immer mehr zu merken, dass diesem Waisenkind nichts erspart bleibt, dass Niklaas seinen Traum vom Malen nicht verwirklichen kann, dass die Reichen, Bösen sich am Ende durchsetzen. Und dass er, ich hab's vorsorglich im Internet nachgelesen, am Schluss gen Himmel fahren wird. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob ich den Kindern die Geschichte noch weiter antun will. Ich hatte sie anders in Erinnerung. Wo das Happy End fehlt, leidet auch der Papi mit.

Auch die Kinder beginnen sich für Nachrichten zu interessieren

Ausgerechnet in der krisenbedingten schulfreien Zeit haben die Kinder die «Niklaas»-DVD wieder entdeckt. Eine Geschichte ohne gutes Ende, ausgerechnet in unsicheren Corona-Zeiten, ist vielleicht doch nicht das Richtige. Die Corona-Sache hat wie aus dem Nichts einen seltsamen Schleier über alles gelegt und tausend Fragen ausgelöst. Was bringen die kommenden Wochen? Wie viele Hiobsbotschaften haben wir zu erwarten? Wie gross wird die medizinische Katastrophe? Wann dürfen die Kleinen wieder zur Schule? Auch die Kinder haben sich für die Nachrichten zu interessieren begonnen, dürfen die Tagesschau gucken und lauschen still dem Bundesrat, der mit schweren Worten neue Situationen erklärt.

Bei den Kleinen ist das aber in Windeseile auch gleich wieder vergessen. Als kürzlich in den Nachrichten die Rede davon war, dass seit dem Zweiten Weltkrieg keine so grosse Unsicherheit mehr herrschte, blickte unser Ältester von seinem Lucky-Luke-Buch auf. «Papa?», fragte er, und ich stellte mich auf eine schwerwiegende Frage ein. «Mussten die, die im Wilden Westen geteert und gefedert wurden, sich selber wieder abwaschen?»

Es gibt Wichtigeres als Corona-News im Kinderleben. Vielleicht weil das Vertrauen auf ein Happy End tief einprogrammiert ist. Als der Mittlere auf eine Zahl in einer Grafik zeigte und fragte, was diese bedeute, erklärte ich: «Das sind die Leute, die in Italien am Virus gestorben sind.» Er schaute mich an. «Gömmer go Federball spiele?»

Ralf Streule lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen (7 Jahre, 5 Jahre und 8 Monate) in Goldach. «Sie können nur Buben», sagt der Kinderarzt.

Kolumne

Papa-Blog: Wenn das Chaos regiert

Manchmal bleibt einem Vater im Alltagsdurcheinander mit drei Kindern nichts anders übrig, als so zu tun, als habe er alles im Griff. Auch wenn längst alles ausser Kontrolle geraten ist. Ein Beispiel aus den Ferien.
Ralf Streule
Kolumne

Papa-Blog: Lasst die Kinder in Ruhe!

Gute Eltern sind faule Eltern. Faul im Sinne des englischen Autors Tom Hodgkinson. Der Meister des Müssiggangs hat den einzigen Erziehungsratgeber geschrieben, den man kennen muss.
Roger Berhalter