Kolumne
Papa-Blog: Zuschauen, wie Legomännchen vor Dinosauriern flüchten

Kinder haben viel Zeit. Jedenfalls Zeit genug, um nicht nur selber zu gamen, sondern auch anderen beim Videospielen zuzusehen. Der Vater fragt sich derweil: Warum machen die das?

Roger Berhalter
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«Papa, komm! Du musst mitschauen!»

«Papa, komm! Du musst mitschauen!»

Bild: Getty

Meine beiden Söhne haben ein neues Hobby: Anderen beim Gamen zuschauen. Seit Wochen sehen sie sich so genannte Walkthroughs an: Videos, die zeigen, wie jemand ein Game von Anfang bis Schluss durchspielt. Im Moment fasziniert sie ein Lego-Dinosaurier-Spiel, weil: Lego. Und Dinosaurier. So viel kann ich nachvollziehen.

Was ich hingegen nicht verstehe: Was ist der Reiz daran, anderen beim Gamen zuzuschauen?

Irgendeinen Reiz muss es haben, schliesslich basiert heute eine ganze Industrie auf diesem Phänomen. Es gibt beliebte Youtuber, die nichts anderes tun, als vor laufender Kamera zu zocken und Sprüche zu klopfen. Und es gibt das Streamingportal Twitch, wo man sich keine Filme oder Serien anschauen kann, sondern eben: Games.

Rätsel lösen, Dinge bauen und Münzen sammeln

«Papa, komm! Du musst mitschauen!», ruft mein älterer Sohn oft, wenn er wieder mal Legomännchen dabei zusieht, wie sie im Dschungel vor Dinosauriern flüchten.

Meist habe ich wenig Lust dazu. Schliesslich fehlt mir, spätestens seit die Kinder auf der Welt sind, zum Gamen die Zeit – und ganz sicher habe ich keine Zeit, anderen dabei zuzusehen! Das wäre ja, als würde ich, statt selber Fussball zu spielen, anderen dabei zusehen, wie sie Fussb... Moment. Schlechtes Beispiel.

Jedenfalls habe ich mich einmal doch zu meinen Söhnen gesetzt und mit ihnen gemeinsam die Legomännchen verfolgt, die vor Dinosauriern flüchten, Rätsel lösen, Dinge bauen und Münzen sammeln.

Ich: «Warum schaust du dir das an?»

Mein Achtjähriger: «Weil es spannend ist.»

«Was ist spannend daran, anderen beim Gamen zuzusehen?»

«Ich sammle Erfahrungen.»

«Aber danach kennst du ja alle Lösungen schon!»

«Die vergesse ich denk wieder.»

Wo soll das noch hinführen? Werden meine Buben irgendwann kein eigenes Leben mehr führen, weil sie ständig anderen Menschen auf digitalen Kanälen zuschauen? Werden sie nie mehr selber aktiv sein, sondern nur noch passiv in den Bildschirm stieren?

Inzwischen schauen sie auch Filmchen, in denen fremde Hände im Zeitraffer ganze Lego-Sets zusammenbauen. Zum Glück hält das die Kleinen nicht davon ab, nach wie vor selber Legofahrzeuge und -raumschiffe zu konstruieren. Dabei schaue ich ihnen sehr gerne zu.

Der Autor

Roger Berhalter lebt mit seiner Frau und den zwei Söhnen (6 und 8 Jahre) in der Stadt St.Gallen. Er teilt sich mit seiner Partnerin die Erwerbs- und Hausarbeit. Am Backofen aber ist er der Chef.

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