Kolumne

Papa-Blog: Wie Kinder ihre Eltern zu Spiessern machen

Wer kleine Kinder hat, muss kein Langweiler werden. Doch die Chancen stehen gut. Denn Kinder machen es ihren Eltern leicht, den inneren Bünzli auszuleben.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Symbolbild: Getty

Sie sind ja so verschieden, diese putzigen Kinderlein. Die einen kreischen schrill wie Kreissägen, die anderen heulen dumpf wie ein Nebelhorn. Manche plappern schon am ersten Geburtstag, andere schweigen bis ins dritte Lebensjahr. Doch eines haben alle Kleinkinder dieser Welt gemeinsam: Sie dienen ihre Eltern für vielerlei Handlungen als wunderbare Ausreden.

Zum Beispiel für das Umschiffen sozialer Verpflichtungen. Seien es Feste entfernter Verwandter, das Jahreskonzert von Mutters Laienchor oder das Alumniraclette des Vereins jugendlicher Numismatiker. Solche Treffen werden in der Regel besser, wenn man ihnen nur jedes zweite oder dritte Mal beiwohnt. Kinder sind dabei eine universell akzeptierte Rechtfertigung für Absagen. «Mit der Kleinen wird uns das ein bisschen zu viel», beliebt man da zu sagen. Oder: «Ich hab dann Papatag, sorry gäll.»

Zugegeben: Viele solcher Anlässe fallen dieses Jahr ohnehin wegen des gekrönten Virus unter den Tisch. Doch auch dort, wo sich Menschen noch begegnen, sind Eltern weniger sozialem Druck ausgesetzt. Als Vater kann man jede Runde jederzeit verlassen, ohne unhöflich zu sein. Nicht dass ich mich deswegen immer als erster verabschiede; was gibt es schliesslich Schöneres als planlos in behaglicher Gesellschaft zu verweilen?

Doch manchmal lockt eben auch die Ruhe in den eigenen vier Wänden, der spiessige Rückzug in die Kleinfamilie, die soziale Isolation; hin zu den Balkonpflanzen, der Kaffeemühle, dem angefangenen Hörbuch und dem vertrauten Knarren des Parketts. Kinder ebnen den Weg dorthin. Nicht nur, weil es kompliziert ist, mit ihnen wegzugehen. Sondern weil sie das Stubenhocken sozial akzeptabel machen.

Dass Kinder bestens als Ausreden funktionieren, hat schon der russische Schriftsteller Anton Tschechow im 19. Jahrhundert festgehalten. In seinen «Notizbüchern» heisst es:

«Wenn wir Kinder bekommen, rechtfertigen wir alle unsere Schwächen wie die Neigung zu Kompromissen, zur Spiessigkeit so: Es ist wegen der Kinder. »

Das galt früher, wie es heute gilt. Manche Menschen schieben gar ihre Kinder als Argument vor, wenn sie in eine steuergünstige Schlafgemeinde zügeln. Wenn sie ein Auto kaufen. Oder so häuslich werden, dass sie ihr Nestlein nur noch aus Gewohnheit oder Not verlassen.

Aus Tschechows Feder stammt übrigens auch die beste Kurzgeschichte, die ich kenne. Sie besteht lediglich aus einem Satz und geht so:

«Aus Freude darüber, dass die Gäste endlich aufbrachen, sagte die Hausfrau: Bleiben Sie doch noch ein Weilchen.»

Nun hatte die besagte Hausfrau wohl keine Kinder. Sonst wäre sie in ihrem Vorhaben, endlich ihre Ruhe zu haben, sicher erfolgreicher gewesen. Aus Freude darüber, dass die Gäste endlich aufbrachen, hätte sie wohl gesagt: «Sie können gerne noch ein Weilchen bleiben. Ich muss einfach noch schnell die Kinder ins Bett bringen.»

Der Autor

Adrian Lemmenmeier-Batinić ist seit 21 Monaten Vater einer Tochter. Er wohnt mit seiner Familie in St.Gallen.

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