Kolumne
Papa-Blog: Machen wir uns etwas vor! Was wir an Weihnachten von Kindern lernen können

Was legen wir Eltern uns ins Zeug an Weihnachten, um unseren Kindern ein schönes Fest zu bescheren! Da schrecken wir auch nicht davor zurück, unsere Kinder fadengerade anzulügen: Natürlich gibt es das Christkind! Und natürlich kann Corona der Welt nichts anhaben!

Ralf Streule
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Weihnachtsstern?

Weihnachtsstern?

Bild: Susann Basler

Wenn ich abends in der Adventszeit in der Stube sitze, kehrt eine unwirkliche Ruhe ein. Die Kinder sind im Bett, die wilde Weihnachtsaufregung ist für einige Stunden verbannt. Der Kühlschrank surrt leise. Das gebastelte Englein auf dem Schrank lacht vor sich hin, hämisch, scheint mir. Die wenigen übrig gebliebenen Säckli am Adventskalender hängen bewegungslos in den Schnüren. Die halb abgebrannten Kerzen werfen gespenstische Schatten an die Wand.

Die heile Weihnachtswelt zeigt kurzzeitig seine Fratze, die Gedanken driften ab.

Ungewissheiten, Coronaschulden, Verrohung der Werte

Seltsam eigentlich, welch frohe Weihnachtsrituale wir täglich mit den Buben leben, während die Welt gerade aus den Fugen zu geraten scheint. In TV-Diskussionen wird erklärt, dass unsere Kinder mit viel mehr Ungewissheiten leben als wir es seinerzeit in unserer Jugend taten. Und dass die Rechnung für die milliardenschwere Coronahilfe dereinst auf den Schultern unserer Kinder lasten wird. In Sachen Klima ist es ohnehin bereits fünf nach zwölf, ausbaden wird das unser Nachwuchs. Und auf sozialen Medien beschimpfen sich zwei Lager auf skurrilste Art und Weise, Soziologen sprechen von einer Verrohung der Werte.

Doch wir backen fröhlich Guetzli, laden einen Samichlaus ein und erzählen vom Christkindli. Und diskutieren darüber, ob wir nun in den kommenden Tagen Skifahren gehen dürfen oder nicht.

Das Christkind in flagranti erwischen

Die Gedanken ziehen weiter: Der Vorschlag des sechsjährigen Sohns vor dem Zubettgehen amüsierte mich. Er verzichte diesmal an Heiligabend darauf, mit Papi das Christkindli im Quartier zu suchen. Er wolle sich diesmal hinter dem Sofa verstecken, um das Christkind in flagranti zu erwischen. Wir erklären, dass das Chindli nicht vorbeihuschen wird, wenn jemand im Zimmer ist. «Das gschpürt s Christchindli», sagen wir.

Gleichzeitig beschleicht mich das Gefühl, dass unser Achtjähriger langsam am Christkind zweifelt. Er sieht ja, dass es dasselbe Geschenkpapier benutzt wie Mami und Papi. Und die Kollegen in der Schule scheinen sich auch nicht mehr so sicher zu sein. Ich glaube, er möchte ganz einfach ans Christkind glauben, weil Weihnachten dann schöner ist.

Sagen wir irgendwann: «Übrigens, das Christkind gibt es nicht!»

Wann ist es eigentlich Zeit, gegenüber den Kindern Klartext zu reden? Ich meine, aufs Christkind bezogen? Aber vielleicht eben auch auf jene Dinge, die in der Welt schieflaufen? Sollen wir einfach irgendwann sagen: «Ihr habt dann zu bezahlen für unsere Versäumnisse in Sachen Klimaschutz! Die wirtschaftlichen Folgen von Corona werden euch das Leben schwermachen! Es werden noch weit gefährlichere Viren kommen! Und ja, übrigens, das Christkind gibt es nicht!»?

Natürlich nicht. Die Kinder werden behutsam auftauchen aus der heilen Welt. Und wir werden Hiobsbotschaften mit Optimismus garnieren und den Kindern die Landung in der Realität möglichst angenehm gestalten. Und uns vorerst weiter über glänzende Kinderaugen freuen.

Auf der Lauer hinter dem Sofa

Sowieso werden sich die Buben irgendwann hinter dem Sofa der Welt auf die Lauer legen und merken, dass da nicht alles so läuft wie gewünscht. Aber vielleicht ja auch, dass nicht alles so schlimm ist wie gedacht. Dass sich die Welt von Corona erholt, dass wir den Rank schaffen in Sachen Klima. Das Christkind wird's schon richten.

Der Autor

Ralf Streule lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen (8 Jahre, 6 Jahre und 1 Jahr) in Goldach. «Sie können nur Buben», sagt der Kinderarzt.

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