Kolumne

Papa-Blog: Von Montag bis Freitag ins Büro? Ein Plädoyer für mehr Homeoffice – auch nach Corona

Experten sagen, Corona läute das Ende der Präsenzkultur in Unternehmen ein. Hoffentlich haben sie Recht! Eine Flexibilisierung der Arbeitswelten ist dringend nötig. Das kommt auch den Familien zugute.

Jürg Ackermann
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Homeoffice während Corona: Die Familie rückt zusammen.

Homeoffice während Corona: Die Familie rückt zusammen.

Alessandro Della Valle / KEYSTONE

Unsere Kinder kennen jetzt einige unserer Arbeitskollegen mit Namen, Bild und Stimme. So viele Anrufe über Skype, so viele Meetings über Zoom, so viele Calls über Teams.

Manchmal platzten sie unverhofft rein, obwohl wir ihnen gesagt hatten, dass sie in der nächsten halben Stunde nicht stören sollten. Doch dann wusste der Ältere bei den Divisionen mit Rest nicht weiter, der Kleinere fand sein Lieblingsauto nicht oder sie waren sich in die Haare geraten und es war unklar, wer zuerst mit dem Streit angefangen hatte.

Ich war noch nie in meinem Leben so froh um die Lautlos-Taste wie während der letzten Wochen.

Nichts wird mehr sein wie vor Corona

So intensiv die zwei Monate während des Lockdown als Familienzeit waren, so gut war es, als vor zehn Tagen die Schulen wieder öffneten. In St. Gallen immerhin zur Hälfte. Unsere Kinder sind in der Gruppe blau. Das heisst, sie sind nur dienstags oder donnerstags (dann dafür den ganzen Tag) in der Schule, respektive im Kindergarten, montags, mittwochs und freitags haben sie nach wie vor frei.

Noch etwas mehr als zwei Wochen, dann ist die Normalität, was den Schulalltag betrifft, endlich auch in St. Gallen wieder hergestellt. Auch wenn sich die Krise zum Glück fürs Erste dem Ende zuneigt, wird nach Corona längst nicht mehr alles so sein wie vor Corona. Vor allem auch was die Arbeitswelten betrifft.

«Der Manager, der seine Wichtigkeit mit Flugmeilen beweisen muss, gehört der Vergangenheit an. Genauso wie der Chef, der behauptet, eine Führungsposition bedinge die Anwesenheit im Büro von Montagmorgen bis Freitagabend»,

schrieb Nicole Althaus in einem Beitrag in der letzten «NZZ am Sonntag». Was Gleichstellungsbehörden jahrzehntelang gepredigt hätten, habe Corona in sechs Wochen umgesetzt.

Hoffentlich erhält Althaus Recht! Es wäre auch ziemlich absurd, wenn Corona dem Homeoffice nicht einen enormen Schub verleihen würde. Die Zeit der Pandemie hat gezeigt, wie einfach vieles mittlerweile auch virtuell geht. Ganze Unternehmen oder Abteilungen arbeiteten von zu Hause aus, ohne dass es jemand gemerkt hätte. Der modernen Technik sei Dank. Da wurden plötzlich Dinge Realität, die vor der Krise niemand für möglich gehalten hätte.

Arbeiten in den eigenen vier Wänden.

Arbeiten in den eigenen vier Wänden.

Sebastian Gollnow / DPA

Diese Entwicklung kommt vor allem auch den Familien zugute. Denn wenn man nicht noch gleichzeitig die Kinder betreuen muss, weil sie wie während des Lockdown nicht in die Krippe, zu den Grosseltern oder in die Schule gehen können, hat das zumindest teilweise Arbeiten zu Hause viele Vorteile. Man hat nicht nur am Morgen mehr Zeit, um die Kinder anzuziehen, gemeinsam zu frühstücken, sie in die Krippe oder in den Kindergarten zu bringen. Zudem fallen die oft stressigen Pendlerwege weg.

Und auch am Abend vereinfacht es vieles, wenn Papa oder Mama nicht ständig auf die Uhr schauen müssen, um noch den Bus zu erwischen, weil die Krippe demnächst zugeht oder die Kinder schon bald nach der Schule nach Hause kommen. Und die Unternehmen brauchen erst noch weniger Büroflächen, weil sich Arbeitsplätze je nach Präsenzmodell auch teilen lassen.

Mehr Zeit zum Kochen und fürs Fussballtraining

Den Arbeitgebern kann es ja letztlich egal sein, wann die Mitarbeiter ihre Jobs erledigen. Niemand sollte mehr schief angeschaut werden, wenn er mal um halb fünf das Büro verlässt, weil er vielleicht seinen Sohn ins Fussballtraining oder seine Tochter in den Geigenunterricht bringen muss. Oder wenn er einmal in der Woche schon um elf Uhr in die Mittagspause geht, weil er an diesem Tag zu Hause für die ganze Familie kocht.

Wenn man nicht grad Buschauffeur, Chirurg oder Pflegekraft in einem Altersheim ist, lassen sich mittlerweile viele Jobs auch noch spätabends erledigen, wenn die Kinder längst im Bett sind. Oder frühmorgens mit einer grossen Tasse Kaffee, wenn alle noch schlafen und die Gedanken oft so klar sind wie nie mehr später am Tag.

Die Stunde der Erbsen zählenden Chefs und argwöhnischen Bürogspänli, die ihre Mitarbeiter und Kollegen kontrollieren, wie viele Stunden sie auf ihrem Bürostuhl sitzen, sind hoffentlich gezählt. Solche Haltungen sind dank Corona definitiv aufs Abstellgleis geraten. Sie hätten schon lange vor dem Lockdown dahin gehört.

Wenn die Wirtschaft irgendwann nach den Corona-Verwerfungen wieder auf das alte Niveau zurückkehrt, wird es für viele Unternehmen möglicherweise entscheidend sein, wie flexibel ihre Arbeitsmodelle sind.

Nur zu Hause arbeiten, wollen wohl die wenigsten. Aber gemischte Modelle mit Präsenzzeiten im Büro und Homeoffice könnten für viele Unternehmen unabdingbar werden, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. Nur so werden sie motivierte und oft Teilzeit angestellte Papas und Mamas überzeugen können, für sie zu arbeiten.

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (8 und 6) in St.Gallen.