Pandemie
Hoffnung für Allergiker: ein dritter Impfstoff kommt auch in der Schweiz

Bei Menschen mit starken Allergien ist die Verunsicherung, ob und wie sie sich impfen lassen können, gross. Allergiezentren werden mit Anfragen überhäuft. Nun will der Bund einen Impfstoff ohne mRNA-Technologie bestellen.

Anja Stampfli und Niklaus Salzmann
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Der Janssen-Impfstoff basiert auf einer anderen Technologie als die Präparate von Moderna und Pfizer.

Der Janssen-Impfstoff basiert auf einer anderen Technologie als die Präparate von Moderna und Pfizer.

Keystone

Die bisher in der Schweiz verwendeten Impfstoffe gegen Covid-19 sind beide vom gleichen Typ. Sowohl beim Produkt von Pfizer/Biontech als auch bei jenem von Moderna handelt es sich um einen mRNA-Impfstoff. Wer auf den einen allergisch reagiert, erträgt deshalb vermutlich auf den anderen nicht. Doch nun hat der Bund heute bestätigt, in Verhandlungen mit dem Impfstoffhersteller Johnson & Johnson zu stehen. Es geht um den Vektorimpfstoff mit dem Namen «Janssen», entwickelt von der Janssen-Cilag AG. Er ist vom Heilmittelinstitut Swissmedic bereits zugelassen.

Es gehe um eine «kleinere Menge» Impfdosen, sagte Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit gegenüber den Medien. Er bestätigte damit eine Meldung von «Blick Online». Der Impfstoff, über welchen der Bund derzeit verhandelt, ist laut Patrick Mathys primär für Personen vorgesehen, die sich aus medizinischen Gründen nicht mit einem mRNA-Impfstoff schützen könnten, weil sie beispielsweise auf einen Inhaltsstoff allergisch reagierten.

Der Schutz ist etwas tiefer als bei den anderen beiden Impfstoffen, laut der Zulassungsstudie verringert er das Risiko einer Covid-19-Erkrankung um 66 Prozent. Vor schweren Verläufen schützt er zu 85 Prozent. Ein Vorteil des Janssen-Impfstoffes gegenüber den Produkten von Pfizer und Moderna ist hingegen, dass nur eine Injektion nötig ist, es braucht keine zweite Dosis. In anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in Deutschland, wird das Produkt bereits seit einigen Monaten geimpft.

Pollen-, Hausstaub-, Wespenallergie sind kein Problem

Allergien, welche das Impfen mit den Präparaten von Pfizer oder Moderna verunmöglichen, sind allerdings sehr selten. Trotzdem ist die Verunsicherung bei Menschen mit verschiedenen Allergien gross. Lukas Jörg, Spitalfacharzt an der Poliklinik für Allergologie und klinische Immunologie am Inselspital Bern, sagt: «Seit Januar 2021 haben wir zahlreiche Anfragen zu der Covid-19-Impfung und Allergien. Neben unserem regulären Tagesgeschäft behandeln wir pro Tag zusätzlich 40 bis 60 Anfragen und Zuweisungen zur Covid-19-Impfung und zu Allergien oder Nebenwirkungen.»

Nicht anders sieht die Situation bei der Allergiestation der dermatologischen Klinik am Unispital Zürich aus. Die meisten Anfragen können aber telefonisch oder per E-Mail direkt geklärt werden, sodass es keine weitere Konsultation braucht. Meist ist nämlich eine Impfung problemlos möglich, in einigen Fällen empfehlen die Ärztinnen und Ärzte, vor der Impfung ein Antihistaminikum einzunehmen. Nur selten sei eine Testung nötig. Personen, die auf Nahrungsmittel, Pollen, Hausstaubmilben, Tiere, Insektengifte oder Latex allergisch sind, können ganz normal geimpft werden.

Allergener Stoff auch in Abführmitteln

Bei den mRNA-Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna könnten der Stabilisator Tromethamin, der auch in Infusionslösungen, Augentropfen und Crèmes enthalten ist, und der Emulgator Polysorbat 80, der in Lebensmitteln, Kosmetika, und Arzneien verwendet wird, Allergien auslösen. Daneben macht vermutlich vor allem der Hilfsstoff Polyethylenglycol PEG für Probleme verantwortlich. Er war vor Covid-19 noch nie in einem zugelassenen Impfstoff enthalten, ist aber Bestandteil vieler Medikamente, auch unter der Bezeichnung Macrogol als Abführmittel.

Präparate mit PEG als Wirkstoff oder Hilfsstoff haben in Einzelfällen schwere allergische Reaktionen ausgelöst – bis hin zum lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock, der mit Übelkeit, Kreislaufbeschwerden, Herzrasen, Brechreiz oder Erbrechen, Sehstörungen, akuter Atemnot, Konzentrationsstörungen, aber auch Hautreaktionen einhergeht.

Allerdings sind Allergien auf diesen Stoff eine Rarität. In der Zulassungsstudie von Pfizer/Biontech sind allergische Reaktionen bei 0,63 Prozent der Probandinnen und Probanden aufgetreten, die den Impfstoff erhielten. Das war nicht viel mehr als in der Placebogruppe, wo nur ein Scheinpräparat verabreicht wurde: Dort gab es 0,51 Prozent derartige Reaktionen. Allerdings waren Patienten mit schweren Allergien von dieser Studie ausgeschlossen. In Fachkreisen wird das Risiko für eine schwere allergische Reaktion auf eine mRNA-Impfdosis mit rund 1 zu 100'000 angegeben.

Im Zweifel gibt es Hauttests

Um sicher zu gehen, ist es bei bekannten starken Allergien sinnvoll, die Vorgeschichte genau zu betrachten. Da ergibt es sich meist, dass keine Testung nötig ist. Falls doch - zum Beispiel weil jemand auf die Erstimpfung reagiert hat - führt die Poliklinik für Allergologie am Inselspital Prickteste (Hauttestungen) mit den in den Covid-19-Impfungen enthaltenen Zusatzstoffen durch. «Zwischen Januar und August 2021 haben wir über 300 solcher Hauttestungen durchgeführt», sagt Lukas Jörg.

Gemäss dem Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic wurden bis Ende Juli 2021 rund 40 Berichte über anaphylaktische Reaktionen in zeitlichem Zusammenhang mit einer Covid-19-Impfung ausgewertet, darunter sind 3 anaphylaktische Schockreaktionen in der Datenbank verzeichnet.

Über die Erfahrungen in Bern sagt Lukas Jörg: «Wir am Inselspital haben Abklärungen nach schweren Allgemeinreaktionen nach der Erstimpfung im einstelligen Bereich vorgenommen, in Fällen mit milden allergischen Symptomen etwas häufiger. Anaphylaxien sind also sehr selten. Und selbst in diesen Fällen kann oft eine Zweitimpfung, entweder unter Vorbehandlung mit einem Antihistaminikum oder Aufteilung der Impfung auf mehrere Verabreichungen mit kleinerer Dosierung vorgenommen werden.» Menschen mit einem erhöhten allergischen Risiko sollten zudem nach der Injektion 30 Minuten in den Impfzentren oder ärztlichen Praxen verweilen, damit sie bei Bedarf rasch mit einer Adrenalin-Injektion behandelt werden können.

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