PAARE: «Du hörst nie zu»

Klaus Heer ist seit 35 Jahren Paartherapeut und Autor vieler Ratgeberbücher. Im Interview erzählt er, weshalb das Internet die Gleichberechtigung fördert, weshalb das Äussere das schlechteste aller Auswahlkriterien ist und die Ohren das wichtigste Beziehungsorgan.

Biljana Jovic
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«Der Mensch ist ein Sehnsuchtswesen – ganz zufrieden ist er nie.» (Bild: fotalia)

«Der Mensch ist ein Sehnsuchtswesen – ganz zufrieden ist er nie.» (Bild: fotalia)

Herr Heer, gehen Männer und Frauen heute anders auf die Leute zu als vor zwanzig Jahren?
Klaus Heer:Die markanteste Veränderung ist sicher das Internet mit seinen vielfältigen Kontaktmöglichkeiten in den sozialen Netzen und auf den Partnervermittlungsplattformen. Mann und Frau sitzen dort heute am gleichen Hebel. Kontakte ergeben sich schnell und ungezwungen. Die Leute probieren viel aus, man muss seinen Partner nicht mehr am Dorffest suchen.

Sie meinen also, dass Online-Dating-Börsen bei der Partnersuche durchaus von Vorteil sind?
Heer: Das Internet ist eine sehr gerechte Möglichkeit, sich kennenzulernen. Wer sich gut ausdrücken kann und ein offenes Herz hat, hat auch mehr Chancen. Im Gegensatz zu früher: da zählte eigentlich einzig das Aussehen. Ein dürftiges Kriterium für die Partnerwahl!

Aber der Mensch kann nichts dafür, dass er das Gegenüber im ersten Moment nach seinem Aussehen beurteilt.
Heer: Genau das ist das Problem: Das Aussehen sagt genaugenommen gar nichts über die menschlichen Qualitäten eines Menschen. Es ist das oberflächlichste aller Auswahlkriterien.

Müssen immer noch die Männer die Frauen ansprechen?
Heer: Nein, das sind Überbleibsel alter Konventionen. Kaum jemand hält sich noch daran.

Was halten Sie davon, dass viele Menschen ihr Glück allein über die Liebe definieren?
Heer:Gut ist es nicht. Eigentlich müsste man das Glück in sich selbst finden und es nicht von einem anderen Menschen abhängig machen.

Gehört zu diesem Prozess des Glücklichwerdens auch, dass man lernt, einsam zu sein?
Heer:Nicht einsam, sondern allein und vor allem selbständig. Man sollte nicht ständig «am Tropf» des anderen hängen. Sonst entsteht eine Art Abhängigkeit, die dem Partner die Luft zum Leben wegnimmt, man saugt sich regelrecht aus. Die Erwartungen an den anderen ersticken die Liebe.

Wieso sind es oft die Frauen, die sich abhängig machen?
Heer:Das stimmt so nicht. Männer sind oft genauso unfähig, auf eigenen Füsse zu stehen.

Warum mimen viele Menschen gegen aussen die perfekte Beziehung, selbst wenn sie längst nicht mehr glücklich sind?
Heer:Jede Scheidung ist ein Weltuntergang. Sie wirkt sich aus auf das ganze soziale Netz, auf die Kinder, die Arbeit und die Finanzen. Es gibt den Leuten vorübergehend Halt, wenn sie die Beziehungsfassade aufrechterhalten können.

Wenn sich die Paare dann doch für eine Therapie bei Ihnen durchringen können, welche Sorgen bekommen Sie meistens zu hören?Heer: Die Grenzen der Geschlechter verwischen auch hier allmählich. Aber typische Frauenvorwürfe sind immer noch: «Du tust zu wenig für unsere Beziehung» und «Du willst nicht über unsere Probleme reden».

Wie sieht es bei den Männern aus?
Heer:Sie sagen häufig: «Ich kann es dir nie recht machen», «Wenn ich etwas sagen will, hörst Du mir gar nicht zu», «Du bist unberechenbar», «Du lehnst mich ab, auch im Bett».

Sind Beziehungsprobleme nicht meistens einfach nur Kommunikationsprobleme?
Heer:Paarmissverständnisse sind keine Bagatellen. Vielmehr öffnen sich im gegenseitigen Unverständnis mächtige Abgründe zwischen Mann und Frau. Darum finde ich: Das wichtigste Beziehungsorgan sind die Ohren – und nicht etwa die Geschlechtsorgane. Wenn man einander nicht mehr hören will, steuert man unweigerlich auf das Ende zu.