Ostschweizer Infektiologe Pietro Vernazza: «Die Zahlen zu den jungen Corona-Virus-Erkrankten sind irreführend»

Der Infektiologe Pietro Vernazza widerspricht den Schlagzeilen aus den USA, die vor einer Gefahr für junge Menschen warnen. Die wissenschaftlichen Zahlen aus China und Italien zeigen das Gegenteil.

Bruno Knellwolf
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Pietro Vernazza, Chefarzt Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital St.Gallen.

Pietro Vernazza, Chefarzt Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Das «10vor10» zeigt einen leidenden jungen Mann in einem italienischen Spital. Die «New York Times» meldet, dass in einem Spital 38 Prozent der eingelieferten Coronavirus-Patienten zwischen 20 und 54 Jahre alt waren. Sind also nicht nur primär ältere Leute über 70 Jahre gefährdet, sondern auch jüngere?

Der renommierte Infektiologe Pietro Vernazza vom Kantonsspital St.Gallen winkt ab. Die Zahlen seien irreführend. Niemand hat behauptet, dass es keinen jüngeren Menschen treffen kann. Relevant ist aber nicht, dass in diesem Spital in den USA 190 von 508 Patienten jünger als 54 waren. Das sagt über die Gefährlichkeit nichts aus.

Entscheidend ist das Verhältnis dieser 190 Betroffenen zu allen angesteckten Menschen in diesem Alter. Also wohl zu Hunderttausenden in dieser Region.

Infektion ist für junge Menschen mild

«Wir haben verlässliche Zahlen aus Italien und eine im renommierten Wissenschaftsjournal ‹Science› publizierte Arbeit von Epidemiologen, welche die Ausbreitung in China untersucht haben», sagt Vernazza. Daraus wird deutlich: Rund 85 Prozent aller Infektionen sind erfolgt, ohne dass jemand die Infektion bemerkt hat. 90 Prozent der verstorbenen Patienten sind nachweislich über 70 Jahre alt, 50 Prozent über 80 Jahre.

«Die Infektion ist für junge Menschen mild», erklärt Vernazza, der im Kantonsspital in der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene mittendrin steht. Zwar stirbt in Italien eine von zehn diagnostizierten Personen, gemäss der Erkenntnisse der «Science»-Publikation, sei das statistisch wohl eine von 1000 angesteckten Personen. Jeder Einzelfall sei tragisch, aber oft treffe es – ähnlich wie in der Grippesaison – Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen.

Kaum Tote allein wegen des Corona-Virus

Das deckt sich auch mit den gestern veröffentlichten Zahlen des «Istituto Superiore di Sanità», Italiens oberstem Gesundheitsinstitut. Das durchschnittliche Alter der Verstorbenen liegt bei 79,5 Jahren. Die deutlich am stärksten betroffene Altersgruppe sind die 80- bis 89-Jährigen. Nur fünf Menschen waren unter 40 Jahre, alle waren krank, ehe sie sich mit dem Virus infizierten. Lediglich drei Menschen starben offenbar am Corona-Virus alleine.

Vernazza fordert deshalb, alle teilweise überstürzt getroffenen Entscheidungen in den letzten Wochen nun zu reflektieren. Wenn fast 90 Prozent der Infektionen unbemerkt bleiben, mache es keinen Sinn alle Leute zu testen. Damit widerspricht er den Aussagen des Lausanner Epidemiologen Marcel Salathé in dieser Zeitung. «Die Tests helfen uns im Spital, Patienten mit schweren Infektionen zu behandeln». Dort muss man wissen, wer angesteckt ist.

Kinder sollten immun werden

Vernazza sagt:

«Wenn wir die Schulen schliessen, verhindern wir, dass die Kinder schnell immun werden.»

Wenn aber viele immun werden, wird sich die Krankheit viel langsamer ausbreiten. «Und Kinder werden nicht schwer krank und sterben nie an der Krankheit».

Aufgrund der neuen Erkenntnisse zeige sich, dass viele der Massnahmen vielleicht sogar kontraproduktiv seien. Zwar konnte er den Entscheid, die Schulen zu schliessen, als Sofortmassnahme gut nachvollziehen. Doch nun plädiert er dafür, dass man diesen Entscheid überprüft. Seine Nachfrage beim BAG habe gezeigt, dass die Entscheidung nicht auf wissenschaftlicher Basis erfolgt sei, sondern weil die anderen Länder diese auch durchgeführt haben. «Es ist mindestens denkbar, dass wir viel besser dran wären, wenn die jungen Menschen sehr schnell immun werden.» Davon würden auch gefährdete Personen schneller profitieren. Vernazza bleibt vorsichtig:

«Nicht dass ich schon weiss, was der richtige Weg ist, aber mindestens sollten wir die wissenschaftlichen Fakten besser in die politischen Entscheidungen einbinden.»

Deshalb wäre es auch zu überlegen, ob die Isolationsmassnahmen vor allem auf gefährdete Personen beschränkt werden sollten.und jungen, kaum gefährdeten Menschen der Zugang zu Erholung und Arbeit wieder zugelassen werden sollte.

In Holland wird das bereits so praktiziert. Die Regierung setzt auf die Idee der «Gruppenimmunität», wonach es sinnvoll sei, dass sich möglichst viele junge und gesunde Menschen infizieren, um so eine Art Immunitätsschutz zu bilden.