Der Grossmutter-Effekt: Die Oma weiss, wo es Futter gibt

Die Wechseljahre können lebensrettend sein: Grossmütter kümmern sich dann besser um ihre Enkel. Auch bei den Orcas.

Annika Bangerter
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Bei den Orcas kümmern sich auch die Grossmütter um den Nachwuchs.

Bei den Orcas kümmern sich auch die Grossmütter um den Nachwuchs.

Bild: Imago Images

Wer mit seiner Grossmutter lebt, hat bessere Überlebenschancen. Zumindest, wenn die Oma ein Orcawal ist. Denn diese kümmert sich um ihre Nachkommen, hilft ihnen bei der Futtersuche und teilt die Beute mit ihren Enkeln.

Wie wichtig die Orca-Oma ist, zeigt sich, wenn sie stirbt. So weisen Tiere, die ihre Grossmutter in den voran gegangenen zwei Jahren verloren haben, eine 4,5 höhere Sterberate auf als jene, die weiterhin mit ihrer Oma durchs Meer tauchen. Das berichten Forscher im Fachmagazin «Proceedings of the National Academy of Sciences». Damit bestätigen sie erstmals die sogenannte Grossmutter-Hypothese bei Walen.

Diese Theorie versucht den evolutionären Nutzen der Menopause bei Frauen zu erklären. Denn die Natur ist in der Regel unerbittlich: Ist ein Säugetierweibchen nicht mehr fortpflanzungsfähig, stirbt es. Nur Menschen und einige Walarten wie Orcas oder Beluga- und Narwale kennen die Meno- und die Postmenopause. Also jene längere Lebensphase, in der die Fortpflanzung nicht mehr möglich ist.

Orca-Weibchen können bis 90 Jahre alt werden

Die Grossmutter-Hypothese erklärt dies damit, dass in vorindustriellen Gemeinschaften ältere Frauen sich intensiv um das Wohlergehen ihrer Enkel gekümmert haben. Auf diese Art stellten sie sicher, dass ihre Gene erhalten blieben.

Im Tierreich war bislang erst ein positiver Effekt von Grossmüttern bei Elefanten bekannt. Doch diese seien fortpflanzungsfähig bis zu ihrem Lebensende, schreiben die Studienautoren. Eine Menopause kennen die Dickhäuter nicht.

Anders die Orcas, auch Schwertwale genannt. Deren Weibchen können in freier Wildbahn bis zu 90 Jahre alt werden. Allerdings sind sie nur bis ins Alter von etwa 40 Jahren geschlechtsreif. Forscher der englischen «University of York» haben nun den Einfluss der Wechseljahre auf die Betreuung der Nachkommen untersucht.

Die Orca-Grossmütter führen die Jagd an

Die Wissenschafter kamen dabei zum Schluss: Ist die Orca-Oma nicht mehr fortpflanzungsfähig, profitieren die Enkel am stärksten von ihr. Hat das Weibchen jedoch noch selber Kälber, fällt die Unterstützung für ihre Enkel geringer aus. Sie ist dann entsprechend absorbiert. Zudem braucht das Weibchen mehr Nahrung für die eigene Milchproduktion. Aufgrund des Eigenbedarfs könne es die erbeutete Nahrung weniger grosszügig mit der Gruppe teilen, vermuten die Forscher.

Der Grossmutter-Effekt bei den Schwertwalen zeigt sich besonders deutlich, wenn die Nahrungsgrundlage für die Tiere knapp ist. Das heisst: Je geringer der Lachsbestand, umso bedrohlichere Folgen hat der Tod der Grossmutter für die Enkel. Bereits in früheren Untersuchungen wurde darauf hingewiesen, dass ältere, in der Regel nicht mehr fortpflanzungsfähige Orca-Weibchen ihre Gruppe bei der Futtersuche anführen. Die jüngeren Tiere profitieren dabei von ihren Erfahrungen.

Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Schwertwal-Weibchen eine höhere Lebenserwartung als Männchen aufweisen. Auch als Grossmütter leben sie mit ihren Nachkommen in einem engen Familienverband – und teilen ihr Wissen über die Umwelt mit ihnen.

Forscher vermuten, dass Orca-Omas auch babysitten

Darauf verweist auch Daniel Franks, einer der Autoren der aktuellen Studie, gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian». Frank sagt über die Orca-Omas: «Es ist bekannt, dass sie die Nahrung direkt mit ihren jüngeren Verwandten teilen. Wir vermuten aber auch, dass sie babysitten.» Mit seinem Team hat er die Daten von 378 Orcas untersucht, die in einem Zeitraum von rund 40 Jahren geboren wurden und deren Grossmütter mütterlicherseits bekannt waren.

Um die Hintergründe für die ausgedehnte postreproduktive Lebensphase der Schwertwale besser verstehen zu können, seien weitere Untersuchungen notwendig, schreiben die Forscher. Sie wollen dafür nun Drohnen einsetzen.