Populismus
Ohne Wahrheit gibt es keine Demokratie

Demokratie funktioniert nur, wenn mündige Bürger den Resonanzraum der Vernunft offenhalten.

Christoph Bopp
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Ist die Masse dumm oder intelligent? Spielt keine Rolle, es kommt auf den einzelnen Bürger an.MACIEJ KULCZYNSKI/EPA/Key

Ist die Masse dumm oder intelligent? Spielt keine Rolle, es kommt auf den einzelnen Bürger an.MACIEJ KULCZYNSKI/EPA/Key

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Ein Text über das Lügen, der nicht mit «Donald Trump» beginnt. Womit denn? Mit der Wahrheit.

1873 ungefähr schrieb Friedrich Nietzsche einen Text mit dem etwas umständlichen Titel «Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne». Er erzählt dort von «klugen Tieren», die «das Erkennen erfanden» und glaubten, «im Besitz einer Wahrheit» zu sein. Nietzsche hält das für eine Illusion. Die Sprache kleidet die Welt in willkürliche Metaphern, wo sollte denn da etwas wie «Wahrheit» herkommen? Alles ist eine Frage der Perspektive. Bei Nietzsche läuft es dann auf eine krude Kritik aller Moral heraus und endet schliesslich beim Wunsch, dass der Stärkere doch bitte endlich sein Recht ergreifen möge.

Man könnte – und man hat – Nietzsche vorhalten, dass – wenn er sagt, dass alles Lüge sei, – auch seine Aussagen Lügen seien. Wahrscheinlich würde man ihm damit gar einen Gefallen tun. Von Ernsthaftigkeit kann dann allerdings keine Rede mehr sein.

Das neue Zauberwort «postfaktisch» regt an, dass «Wahrheit» und «Fakten», also «Tatsachen», etwas miteinander zu tun hätten. Die Medien machen jeweils gerne einen «Faktencheck», wenn Politiker oder solche, die es werden wollen, sich am Bildschirm gepiesackt haben. Harte Wahrheiten wären dann Aussagen, die sich mit «Fakten» belegen lassen, die sagen, was der Fall ist. Damit wird auf zwei der geläufigsten philosophischen Wahrheitstheorien angespielt: die Korrespondenztheorie einerseits, deren zentraler Satz vom heiligen Thomas von Aquin stammt, dass nämlich Wahrheit «die Übereinstimmung von Einsicht und Sache» sei; und zweitens die semantische Wahrheitstheorie von Alfred Tarski, der definierte, dass es nur dann berechtigt ist zu sagen: «x ist wahr», wenn «x der Fall ist». Das klingt reichlich rätselhaft und mindestens zirkulär, aber er vermeidet damit das Dilemma, dass es aussersprachliche Tatsachen nicht gibt. Irgendeiner muss mal sagen: «Das und das ist der Fall.» Aber er darf es nicht auf der gleichen Sprachebene sagen wie «Das und das ist wahr». Sonst droht das Lügner-Paradox.

Es gibt so etwas wie «Wahrheit»

Das philosophische Brosamenpicken soll nur klarmachen, dass es durchaus Wahrheit gibt. Dass man nicht einfach ungestraft alles raustrompeten darf. Was allerdings ein (vielleicht nicht nur) philosophisches Problem ist, ist der Umstand, dass es kein Wahrheitskriterium gibt. Man sieht einer Aussage nicht direkt an, ob sie wahr ist oder nicht. Es gibt die eigene Überzeugung, dass auch wahr ist, was man sagt. Nur kann man sich irren. Andererseits ist auch nicht einfach etwas wahr, nur weil es die Mehrheit dafür hält. Wie auch nicht einfach etwas wahr ist, nur weil es in einer heiligen Schrift steht.

Damit müssen wir zurechtkommen. Und wir kommen auch damit zurecht, wenn wir wollen. «Wahrheit» kommt durch Prüfen zustande. Das heisst einerseits, dass es – für uns – keine letzte, nicht mehr hinterfragbare Wahrheit gibt. Es gibt keine Letztbegründung, die funktioniert. Wahrheit ist immer vorläufig. Andererseits heisst es aber auch, dass wir alle beteiligt und gefragt sind bei der Prüfung, ob etwas für wahr zu halten sei oder eher nicht. Aber wollen müssen wir.

Wahrheit ist etwas, das im intersubjektiven Raum zustande kommt. Ich selbst kann überzeugt sein, dass etwas wahr ist. Hilft mir nicht viel. Wenn ich es einem anderen klarmachen will, muss ich ihn überzeugen, muss ihm zeigen, wie ich die betreffende Wahrheit geprüft habe und welche Gründe mich dazu bewogen haben, diese Wahrheit für wahr zu halten. Wahrheit ist anstrengend. Sie fällt nicht vom Himmel. Sie ist das Resultat einer ernsthaften Bemühung. Klingt jetzt alles sehr hochtrabend. Aber die Alternative ist nicht wünschenswert.

Geistige Trägheit

Warum ist Lügen salonfähig? Warum die Rede vom «postfaktischen Zeitalter»?

Aus verschiedenen Gründen leben wir in unruhigen Zeiten. Die Aufregung ist gross. Auch der Lärm. Verschoben hat sich unter anderem die Beweislast. Die Lautsprecher haben sich verabschiedet von der Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Es ist ihnen gelungen, die Pflicht der Wahrheitsprüfung abzuschieben. Sie haben sich einen Raum gesichert, in dem es automatisch Beifall gibt, wenn sie etwas sagen. Sie sagen natürlich Dinge, die den Leuten, die diesen Raum bevölkern, gefallen. Man redet von einer «Blase». Die viel gerühmten Social Media sind in dieser Beziehung nicht sozial, sondern leisten der Blasenbildung Vorschub. Weil sie «frei» sind, funktionieren sie nicht nach dem Wahrheitsprinzip, sondern nach einem Gravitationsprinzip. Sie ziehen die User an, je mehr schon da sind, desto leichter kommen neue hinzu.

Solche Resonanzräume sind natürlich auch intersubjektiv. Aber sie verhelfen nicht zur Wahrheit, sondern verstärken die eigene Wahrnehmung. Und die Herren, welche diese Räume beschallen, wenden auch einigen Aufwand auf, um diese Beschränktheit auf ein obskures Selbst zu verschleiern. Sie reden von «Schwarmintelligenz», von der «eigentümlichen Kraft der Demokratie», oft auch vom «Volk». Die Pflicht, sich selbst darüber klar zu werden, ob etwas wahr sei, nennen sie gern «political correctness». Besser, man entledigt sich solcher Dinge.

Aber heisst nicht «Demokratie» «Volks-Herrschaft»? Sie heisst so, aber ihr Sinn ist anders. Ihr Vorteil liegt eben darin, dass wir nicht einem anderen folgen sollen. Nicht einem, der uns regiert. Der Souverän in der Demokratie ist nicht «das Volk», sondern der mündige Bürger, der sich informiert und ein wohlüberlegtes Urteil abgibt. Der Glaube daran, dass das funktioniert, basiert auch nicht auf «Schwarmintelligenz» oder Ähnlichem. Auch nicht auf der Intelligenz eines Einzelnen. Sondern darauf, dass wir in unserem Bewusstsein auch einen Resonanzraum haben. Man nennt das «Vernunft». Zu der kommt man, wenn man ruhig überlegt, Argumente abwägt und sich fragt, was ein anderer an meiner Stelle tun würde. Diese Position des nicht anwesenden Dritten ist wichtig. Soll ich damit rechnen, dass er seiner Wut freien Lauf lässt? Dass er das Ressentiment der Vernunft vorzieht? Dass er lieber Sündenböcke sucht, als kühl die Verhältnisse zu analysieren versucht? Lieber nicht. Vernunft ist deshalb nicht langweilig.

Wenn wir uns selbst regieren, wollen wir intelligent regiert werden. Nicht von ressentimentgetriebenen Wutbürgern. Deshalb müssen wir kämpfen. Nicht gegen den Wutbürger. Aber gegen die Ursachen der Wut.