Mode aus Pixel: Sich fürs Skype-Meeting mit dem Mauszeiger einkleiden

In Zeiten der Pandemie reduziert sich der Zweck der Mode darauf, sich auf Instagram zu inszenieren und auf Zoom eine gute Falle zu machen. Dafür reichen auch virtuelle Kleider.

Raffael Schuppisser
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 Bluse & Shorts von Alena Akhmadullina. 120.00 USD

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Dressx / DressX

Okay, ich hab’s auch schon getan: Bei einem Skype-Interview habe ich Jackett und Hemd angezogen und unten die Homeoffice-Boxershorts anbehalten. Sieht ja keiner. Warum Hosen? Noch bequemer wäre es freilich, im T-Shirt (oder auch ohne) vor dem Bildschirm zu sitzen und dabei einen schicken virtuellen Anzug zu tragen.

Das soll bald möglich sein. «Softwareentwickler auf der ganzen Welt arbeiten daran», sagt Michaela Larosse vom digitalen Modelabel The Fabricant aus Amsterdam. Das Start-up designt schon jetzt Kleider, die bloss aus Pixel bestehen und nur am Bildschirm getragen werden können. Massgeschneidert passen sie sich den Konturen des Trägers auf einem Foto an. Wie gemacht für Bilder auf Instagram.

Es ist dies Mode für eine Generation, die sich auf digitalen Kanälen inszeniert – und passt bestens in eine Zeit, in der sich pandemiebedingt grosse Teile des Lebens noch immer vor dem Bildschirm abspielen. Stoff ist überbewertet, Fashion funktioniert auch virtuell.

Für Designer öffnet sich so ein ganz neues Spielfeld – ohne physikalische Einschränkungen. «Digital sind auch Anzüge aus Flammen oder Kleider aus Wolken möglich», sagt Larosse. Mit virtuellen Kleidern könne man seiner Identität auf neue Weise Ausdruck geben.

Fibonacci Look von Auroboros Nature - Tech Couture. 1,050 USD.

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Dressx / DressX

Ein grosser Teil der Kollektion mutet dann auch ziemlich extravagant an – als hätten Ausserirdische ihre Fantasien verwirklicht. Doch nicht alles ist so ausgefallen. Der Jumpsut aus 100 Prozent digitaler Baumwolle beispielsweise wirkt dagegen geradezu konventionell.

Digital und luxuriös: Ein Kleid für 9500 Dollar

The Fabricant ist eines von mehreren virtuellen Modelabels, die in den letzten Jahren und Monate entstanden sind. Mit DressX gibt es sogar einen Online-Shop nur für digitale Kleider. Wie bei Zalando klickt man sich durch die einzelnen Modelle und wird auf Schnäppchen aufmerksam gemacht. So ist das Blumenkleid aus 100 Prozent digitalem Samt von Fatemeh Gholami gerade für 40 statt 50 Dollar zu haben.

Wie die reale Mode ist auch die virtuelle von einer grossen Preisspanne geprägt: Die billigsten Teile gibt es für 1 Franken, andere kosten über 100, einige sogar über 1000. Vor zwei Jahren machte The Fabricant Schlagzeilen, als ein Kleid des Labels für 9500 Franken verkauft wurde. Ähnlich wie bei digitaler Kunst garantiert dabei die Blockchain-Technologie, dass das Kleid seine Einzigartigkeit behält und folglich auch weiterverkauft werden kann. In einer Fülle digitaler Kopien lässt sich das Unikat dank eines Non-Fungible-Tokes stets erkennen.

9500 Dollar kostet dieses Kleid von The Fabricant. Getragen von Influencerin Johanna Jaskowska auf Instagram.

9500 Dollar kostet dieses Kleid von The Fabricant. Getragen von Influencerin Johanna Jaskowska auf Instagram.

Der Preis ist natürlich überrissen und lässt sich auf den Hype um die neue Technologie zurückführen. Dennoch besteht kein Zweifel, dass Kunden bereit sind, für digitale Kleider zu bezahlen. Das beste Beispiel ist das Computerspiel «Fortnite». Letztes Jahr verdiente das Studio Epic 1,8 Milliarden Dollar mit dem Verkauf von Outfits und Gegenständen für Spielfiguren. Warum es also nicht auch mit virtueller Mode für Menschen statt Spielfiguren versuchen?

Liesse sich nur schon 1 Prozent der Modebranche digitalisieren, so wäre das ein 250 Milliarden-Dollar Markt. Für die Macher von The Fabricant ist das ein durchaus realistisches Szenario. Die Modebranche steht in der Kritik, einer der grössten Klimasünder zu sein – 10 Prozent der Emissionen gehen auf sie zurück. Digitale Kleider lassen sich nicht nur viel nachhaltiger produzieren, sie müssen auch nicht um die halbe Welt verschifft werden.

Sich mit dem Mauszeiger fürs Skype-Meeting einkleiden

Eine Studie ergab, dass 9 Prozent der retournierten Kleider bloss bestellt wurden, um sie für ein Instagram-Foto zu tragen. Eine Version aus Pixel statt aus Stoff würde es da auch tun. «Virtuelle Kleider werden in Zukunft für die Selbstinszenierung in virtuellen Welten noch viel wichtiger», ist Michaela Larosse überzeugt.

Reflective Maxi Dress von YOONA Technology. 35.00 USD

Reflective Maxi Dress von YOONA Technology. 35.00 USD

Dressx / DressX

Das gilt erst recht dann, wenn man sie auch zu Videokonferenzen trägt. Derzeit kann man bei Zoom und Co. ja bereits virtuelle Hintergründe einblenden, um seine Wohnung etwas aufzupeppen. Da sind virtuelle Kleider nur der nächste logische Schritt.

Und so werden wir dann vielleicht vor einem Skype-Meeting nicht mehr vor dem Kleiderschrank stehen, um das passende Outfit auszusuchen. Sondern uns mit dem Mauszeiger durch eine digitale Kollektion von Massanzügen und Roben klicken.