Tarnkleider fürs Digitalzeitalter: Dieser Mantel schützt vor Handytracking

Tarnkleider fürs Digitalzeitalter: Dieser Mantel schützt vor Handytracking

Bild: zvg

Die Maske ist erst der Anfang. Designer stellen Kleidung vor, die einen vor automatischer Gesichtserkennung und Handyortung schützt. Der Modekatalog aus der Zukunft.

Raffael Schuppisser
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Kleider sollen Menschen schön machen und Ausdruck eines persönlichen Stils sein. Deshalb wird auch so viel Hype um sie gemacht. Doch Kleider haben auch einen profanen Zweck. Sie sollen schützen: vor Kälte, Regen, Wind, Sonne und – derzeit besonders wichtig – vor Viren. Die Maske ist, wenn man so will, das Accessoire der Saison. Sie schützt aber nicht nur vor Keimen, sondern auch vor Überwachung.

Wer schon mal versucht hat, sein Handy mit Maske zu entsperren, wird realisiert haben, dass das nur noch mit PIN-Code geht; die Kamera erkennt das Gesicht nicht mehr. Das gilt auch für Überwachungskameras im öffentlichen Raum. Corona führt zu einer Zäsur: Bis zum Jahr 2020 galten Vermummungsverbote – etwa in Hongkong für Protestierende oder im Tessin für muslimische Frauen. Nun gilt Vermummungspflicht für alle.

Dadurch gerät der fortschreitende Überwachungsapparat ins Stocken. Allerdings tüfteln findige Ingenieure bereits an Algorithmen, die Gesichter auch mit Masken zweifelsfrei identifizieren können, der Fokus wird dann ganz von der Mund- auf die Augenpartie verschoben. Doch auch die Designer rüsten auf und kreieren Masken, die mit ihren Prints von den eigentlichen Gesichtern der Träger ablenken. So verwirren etwa die Kreationen der Amerikanerin Kate Rose mit ihren Mustern und Codes Algorithmen regelrecht.

Eine Art Punk-Look fürs Überwachungszeitalter

Es ist ein bemerkenswerter Zufall, dass gerade jetzt Masken zum Gesundheitsschutz getragen werden müssen, wo der Globus von Protestwellen überrollt wird und sich Demonstranten verhüllen, wenn sie etwa gegen Polizeigewalt protestieren. Die Idee, Menschen zu tarnen, damit sie für Überwachungskameras unsichtbar sind, ist indes nicht neu.

Vor zehn Jahren hat der amerikanische Künstler und Forscher Adam Harvey Menschen mit Make-up und Frisuren so verändert, dass Algorithmen sie schlechter identifizieren konnten: eine Art Punk-Look fürs Überwachungszeitalter.

Bild: Adam Harvey

Er hat einen Stoff mit Tarnmuster entwickelt, einen Cyber-Camouflage, der ähnlich funktioniert wie die Masken von Kate Rose, also Gesichtserkennungsalgorithmen irritieren. Unter seiner Kollektion «Anti-Drone Fashion» finden sich Kapuzenpullis und islamisch angehauchte Gewänder, welche die Träger aus der Luft unsichtbar machen sollen.

Während man Harveys Kreationen als eine Mischung aus Kunst- und Forschungsprojekt bezeichnen kann, so gibt es die Masken von Kate Rose auch zu kaufen. Neben den Gesichtsmasken finden sich im Online-Store Adversairial-Fashion auch Pullover, Jacken und Rucksäcke, auf die lauter Fake-Autokennzeichen aufgedruckt sind. Nimmt diese Kennzeichen eine Kamera ins Visier, werden die falschen Informationen ins Überwachungssystem eingespeist und sollen es mit Junk-Daten überlasten.

Ob es funktioniert, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Entscheidend ist: Wer einen solchen Pulli trägt, setzt ein Statement gegen die Überwachung, das doch einiges raffinierter ist als bloss ein Slogan auf einem Shirt.

Ein Mantel undurchdringbar für Handystrahlen

Kameras sind das eine, Tracking von Handy-Signalen das andere. Auch sie werden zur Überwachung eingesetzt, und auch gegen diese Form der Observierung gibt es eine modische Antwort. Zwei holländische Designer haben einen Kapuzenmantel entworfen, in dessen Stoff Kupfer und Nickel eingewoben sind. Das leicht schimmernde Material gibt dem weit geschnittenen Mantel nicht nur eine futuristische Note, es stellt für Strahlen auch eine undurchdringbare Barriere dar.

Weder das Handy in der Tasche kann geortet noch eine Funkverbindung zur kontaktlosen Kreditkarte erstellt werden. Den Anti-Überwachungs-Mantel namens Kovr – was auf das englische «Cover» für Schutz anspielt – gibt es in einer limitierten Auflage im Internet zu kaufen.

Bild: Suzanne Waijers

Zusammen mit einer Tarnmaske getragen, dürfte man damit schon ziemlich inkognito durchs digitale Zeitalter marschieren können. Wobei einen das «Marschieren» doch wieder verraten könnte. Schliesslich hat jeder Mensch einen ihm eigenen Gang und eine spezifische Körperhaltung. Bereits gibt es Algorithmen, die darauf trainiert werden, diese als individuelle Erkennungsmerkmale auslesen zu können.

Vielleicht werden deshalb einst auch die Schuhe nötig sein, welche die Designerin Nina Zhong derzeit entwirft. Sie besitzt eine unebene Sohle, welche den Gang unnatürlich verfremdet. Obschon das nicht bequem sein dürfte, so ist es doch ganz schön clever.