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Noch ist unsere Welt zu retten: Vier Visionen für eine Klimawende

Heute geht die Jugend wieder für das Klima auf die Strasse. Ihre Forderung ist klar: Bis 2030 soll die Schweiz CO2-neutral sein. Doch wie geht das? Mit einer
massiven Investition in Solarenergie? Brauchen wir doch Atomstrom? Oder müssen wir uns einfach drastisch einschränken?
Wollen wir unseren Heimatplaneten künftig vor schädlichen Treibhausgasen bewahren, müssen auch Alternativen zu Braunkohlekraftwerken wie demjenigen im ostdeutschen Boxberg gefunden werden. (Bild: Florian Gärtner/Getty; 11. März 2019)

Wollen wir unseren Heimatplaneten künftig vor schädlichen Treibhausgasen bewahren, müssen auch Alternativen zu Braunkohlekraftwerken wie demjenigen im ostdeutschen Boxberg gefunden werden. (Bild: Florian Gärtner/Getty; 11. März 2019)

Umweltjournalist Marcel Hänggi: «Verbote sind nötig»

Der Umweltjournalist Marcel Hänggi ist auch Buchautor und Mitinitiant der Gletscher-Initiative. (Bild: PD)

Der Umweltjournalist Marcel Hänggi ist auch Buchautor und Mitinitiant der Gletscher-Initiative. (Bild: PD)

Wenn die Erhitzung des Klimas begrenzt werden soll, müssen die Treibhausgasemissionen auf null sinken. Konsequenterweise müssen somit auch die fossilen Energieträger (Erdöl, Erdgas und Kohle) verschwinden. Das ist wissenschaftlich unbestritten und, aufgrund des Pariser Klimaabkommens, völkerrechtliche Verpflichtung. Zu streiten ist lediglich über den Weg. Die Treibhausgasemissionen der Schweiz sollen spätestens 2050 netto null erreichen: Das will die Gletscher-Initiative, für die wir ab Mai Unterschriften sammeln.

Fossile Energieträger dürften ab 2050 nicht mehr in Verkehr gebracht werden. Es gibt Stimmen, die sagen: Das Ziel ist richtig, aber der Weg falsch: Bürgerinnen und Bürger sollen eigenverantwortlich das Richtige tun. Der technische Fortschritt wird Lösungen bereitstellen. Und wenn es politische Massnahmen braucht, dann ohne Verbote! Nun: Eigenverantwortung ist die falsche Kategorie. Denn wer viele Treibhausgase emittiert, tut dies nicht auf seine Kosten, sondern auf Kosten aller. Wenn Einzelne nicht fliegen, nicht Auto fahren, ihr Haus besser dämmen oder kein Fleisch essen: gut! Aber ein globales Problem löst man so nicht.

Bringt technischer Fortschritt die Lösung? Gewiss: Die Klimakrise verlangt nach einer umfassenden technischen Transformation. Das heisst weniger, dass wir neue Techniken bräuchten – die nötigen Techniken existieren –, als dass wir die richtigen Techniken richtig nutzen müssen – oder besser gesagt: die falschen aufgeben. Eine solche Transformation passiert nicht von allein.

In den letzten 250 Jahren hat der technische «Fortschritt» ja gerade zu den heutigen hohen Emissionen geführt, und das setzt sich in jüngster Zeit fort: Die immer grösseren Datenmengen, die den Erdball umkreisen, verbrauchen sehr viel Energie. Es braucht politische Massnahmen. Das können marktwirtschaftliche Anreize wie Lenkungsabgaben sein. Doch wenn man etwas ganz loswerden will, ist es das Naheliegendste, es letztlich zu verbieten.

Das Mantra, Umweltpolitik müsse ohne Verbote funktionieren, ist nicht zielführend: Warum sollte man nicht verbieten, was die Lebensgrundlagen zerstört? Ist es liberal, nicht zu verbieten, was Freiheiten zerstört? Bei Mord oder Diebstahl ruft auch niemand nach Anreizen statt eines Verbots. Die Zerstörung der Ozonschicht konnte nur dank einem Verbot rechtzeitig gestoppt werden. Ein sinnvoller Weg bestünde zum Beispiel darin, keine neuen Geräte, Anlagen und Infrastrukturen mehr zuzulassen, die das Klima schädigen. Der Kanton Basel-Stadt verbietet Ölheizungen für Neubauten: Es gibt keinen Grund mehr, sie zu bewilligen, wenn man eingesehen hat, dass Heizöl verschwinden soll. Ein Verbot kann gerade aus freiheitlicher Sicht das Mittel der Wahl sein: Die falsche Technik zu verbieten, lässt mehr Spielraum, als wenn man eine bestimmte «richtige» Technik vorschriebe.

Professor für nukleeare Energie Horst-Michael Prasser: «Es geht nicht ohne Kernenergie»

Horst-Michael Prasser ist Professor für nukleare Energie an der ETH Zürich. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone)

Horst-Michael Prasser ist Professor für nukleare Energie an der ETH Zürich. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone)

Die Umweltprobleme kann man nur lösen, wenn man gleichzeitig das Konsumverhalten ändert, die erneuerbaren Energien stark ausbaut und Kernenergie einsetzt. Derzeit verursacht der Stromverbrauch in der Schweiz kaum CO2-Emissionen, er wird ja weitgehend mit Wasser- und Kernkraft gedeckt. Das könnte sich aber in die falsche Richtung entwickeln. Wenn wir kein neues Kernkraftwerk bauen, wird es dazu führen, dass wir mehr Strom importieren oder für die Inlandproduktion Gaskraftwerke bauen. Alles deutet darauf hin, dass wir nicht vollständig auf fossile Energieträger verzichten können, wenn wir nicht auf einen gewissen Anteil Kernkraft setzen. Ich glaube nicht, dass der Strombedarf sinken wird.

Es gibt Bereiche, wo er zurückgeht, etwa Beleuchtungen, aber auch solche, wo er steigt. Ich halte es zum Beispiel für richtig, auf Wärmepumpen für Gebäudeheizungen zu setzen, doch um diese zu betreiben, braucht es Strom. In der Schweiz haben wir punkto erneuerbare Energien eine komfortable Lage. Wir haben Wasser zur Stromproduktion und Berge, in denen wir mit Stauseen Energie speichern können.

Aber wir müssen die Probleme global betrachten. Was derzeit in Deutschland passiert, ist deprimierend. Über die Einspeisevergütung wurden erneuerbare Energien bisher mit über 500 Milliarden Euro ­gefördert, um die Kernenergie zu ersetzen – damit wurde kein CO2 eingespart. Jetzt kommt der Kohleausstieg für weitere 80 Milliarden Euro, wobei noch nicht klar ist, wie die Kapazitäten ersetzt werden sollen. Es stellt sich die Frage, ob das sozial verträglich ist. Könnte das Geld nicht stattdessen verwendet werden, um Obdachlose von der Strasse zu holen, das Bildungssystem auszubauen, das Gesundheitssystem zu stärken?

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist wichtig. Doch wir unterschätzen das Problem der Speicherung. Wir müssen die Speicher weiterentwickeln, aber das darf nicht zum Aufbau einer parallelen chemischen Industrie für das Batterierecycling führen. Deshalb würde sich das Dreigestirn Wasser-, Wind- und Kernenergie optimal ergänzen. Es stimmt, dass die Kernkraft mit Risiken behaftet ist und Abfälle hinterlässt. Aber man muss diese Risiken vergleichen mit denjenigen, die durch das Betreiben der Kernkraft vermieden oder reduziert werden können.

Die Risiken der erneuerbaren Energien blenden wir aus – es sei denn, wenn ­Bohrungen für die Geothermie ein Minierdbeben auslösen, und dann überschätzen wir das Risiko wiederum. Doch was würde passieren, wenn jemand eine grosse Fotovoltaikfabrik in der Schweiz aufstellen wollte? Die Bevölkerung würde aufbegehren, würde sagen: Das Risiko einer Riesenanlage mit Chemikalien wie Trichlorsilan, das zur Reinstsiliziumproduktion gebraucht wird, wollen wir nicht vor unserer Haustür haben.

Professor Anton Gunzinger: «Solarstrom ist am
besten und billigsten»

Anton Gunzinger ist Professor an der ETH, Unternehmer und Autor des Buches «Kraftwerk Schweiz». (Bild: Mario Heller)

Anton Gunzinger ist Professor an der ETH, Unternehmer und Autor des Buches «Kraftwerk Schweiz». (Bild: Mario Heller)

In der Zukunft wird unsere Energieversorgung komplett grün sein: Wir bauen in unseren Häusern Wärmedämmung und Wärmepumpen ein und wir bewegen uns nur noch mit Elektroautos. Das machen wir nicht nur, weil wir was fürs Klima tun wollen, sondern weil dies auch gut fürs Portemonnaie ist. Der Verbrauch an elektrischer Energie wird dabei gegenüber heute kaum zunehmen. Denn einen grossen Teil des Stroms, den wir für die Elektromobilität brauchen, können wir anderorts einsparen. Dazu ersetzen wir Elektroheizungen und Elektroboiler durch Wärmepumpen, alte Umwälzpumpen durch neue temperaturgeregelte Umwälzpumpen und Glühlampen durch LED-Leuchten.

Aber wer produziert den Strom? Die Sonne. Kein neues Haus wird ohne Solarzellen auf dem Dach gebaut werden. Alle bestehenden Industriebauten werden mit Photovoltaik-Anlagen ausgerüstet, ebenso werden Staudämme, Strassenstützmauern und Bergbahnen mit Solarpanels überzogen werden. Die gesamte Fläche aller Dächer in der Schweiz beträgt ungefähr 400 Quadratkilometer. Um die ganze Schweiz mit Strom zu versorgen, ist eine Photovoltaik-Fläche von 100 Quadratkilometern nötig. Das ist zu schaffen, auch ohne dass historische Bauten oder Häuser in Innenstädten verändert werden müssten.

Hinzu kommen Windenergie und Energie durch Biomasse wie Grünabfälle und Klärschlamm. Der Wechsel auf komplett erneuerbare Energie wird die Schweiz rund 20 Milliarden Franken kosten. Das klingt nach viel, ist aber in Wahrheit günstig. Ein Solar-Dach für ein neues Haus ist nur geringfügig teurer als ein Ziegeldach, liefert danach aber über Jahrzehnte gratis Strom. Alleine die Entsorgung des bisher angefallenen Schweizer Atommülls in einem Endlager kostet 28 Milliarden Franken. Solarzellen produzieren keinen radioaktiven Abfall und halten Jahrzehnte lang. Es gibt keinen günstigeren Strom als Solarstrom.

China und einige Firmen in den Vereinigten Staaten handeln entsprechend; nur die Schweiz hinkt hinterher. 2017 gingen (laut Bericht von BP Energy Outlook) zusätzlich 300 TWh elektrische Energie aus Sonne und Wind ans Netz; das entspricht 35 grossen Atomkraftwerken oder anders ausgedrückt: Alle 10 Tage ging ein erneuerbares Gösgen ans Netz. Würde die Schweiz gemäss ihrem Wirtschaftspotenzial mit dem Durchschnitt der Welt mithalten, so könnten heute alle bestehenden Atomkraftwerke durch Sonne- und Windenergie ersetzt werden.

Bleibt das sogenannte «Speicherproblem». Einige glauben, dass aus Sonnen- und Windenergie mit viel Speicher konstante Leistung erzeugt werden muss, wie sie von Atomkraftwerken produziert wird. Eine solche Lösung ist nicht nur extrem teuer, sondern auch komplett unnötig. Denn die vorhandenen Stauseen haben auch bei extremen Wetterverhältnissen genügend Kapazität für den Ausgleich. Eine komplette Versorgung der Schweiz mit erneuerbarer Energie lässt sich sehr schnell realisieren, schafft Arbeitsplätze im Land und ist am Ende die günstigste Lösung.

Graeme Maxton: «Wir brauchen
Geburtenkontrollen»

Graeme Maxton ist Ökonom und ehemaliger Generalsekretär des Club of Rome, welcher sich seit 50 Jahren mit Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigt. (Bild: PD)

Graeme Maxton ist Ökonom und ehemaliger Generalsekretär des Club of Rome, welcher sich seit 50 Jahren mit Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigt. (Bild: PD)

Auf dem heutigen Planeten leben beinahe acht Milliarden Menschen – und jedes Jahr kommen 100 Millionen Erdenbürger dazu. Das Bevölkerungswachstum trägt stark zum Klimawandel bei. Würden alle Menschen so leben wie der durchschnittliche Europäer, wären drei Erden nötig. Oder sogar vier, wenn alle Menschen so viele Ressourcen verbrauchen würden wie ein Schweizer. Was passiert, wenn der Wohlstand in Schwellenländern zunimmt oder wenn sogar jeder Mensch die Möglichkeit bekommt, so zu leben wie ein Europäer?

Über diese Problematik habe ich zusammen mit dem Zukunftsforscher ­Joergen Randers 2016 das Buch «Ein Prozent ist genug» geschrieben. Mein Kollege Randers schlug vor, 50-jährigen Frauen in Europa eine Prämie von 80'000 Euro auszuzahlen, wenn sie nur ein Kind zur Welt gebracht hätten. Die Idee sorgte – gelinde gesagt – für Furore. Dabei ist klar, dass das Bevölkerungswachstum eine wichtige Ursache für den Klimawandel ist. Aber jahrelang hat das niemand angesprochen. Dies wollen wir ändern.

Auch herrscht die Meinung vor, dass das Bevölkerungswachstum nur ein Problem in Entwicklungsländern sei. Wir wollten aber den Leuten bewusst machen, dass die Schuldigen nicht nur in Indien oder anderen bevölkerungsreichen Ländern wohnen, sondern geradeso sehr auch in Europa. Zwar ist hier die Reproduktionsrate sehr tief, sogar rückläufig. Doch ein Kind, das in der Schweiz zur Welt kommt, verbraucht trotzdem 30-mal so viele Ressourcen wie eines im Tschad. Eins ist klar: Geburtenkontrollen alleine können das Problem nicht mehr lösen. Denn dafür ist es jetzt zu spät. Bis diese Wirkung zeigen würde, wäre der kritische Punkt im Klimawandel, bei dem es kein Zurück gibt, längst überschritten.

Wir haben vielleicht noch zwölf Jahre bis zu diesem Zeitpunkt. Auch erneuerbare Energien werden bis dann noch teurer als fossile Brennstoffe sein, wenn die Regierungen sie nicht entsprechend regulieren oder sogar verbieten. Verbote durch die Regierung sind der einzige Weg, der uns noch retten kann. Und das gilt für fast jedes Land. Ausserdem müssen wir davon abkehren, Wirtschaftswachstum als Ziel zu sehen. Wir brauchen das Gegenteil: weniger Wachstum. Es braucht drastische Massnahmen. Wenn das nicht geschieht, dann löst die Natur das Problem der überbevölkerten Erde für uns. Deshalb sollten wir besser jetzt darüber sprechen. Verstehen Sie mich richtig, ich fordere keinen Genozid im Namen des Klimas. Es ist bloss nicht fair, das Problem der Überbevölkerung den Entwicklungsländern unterschieben zu wollen.

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