Nicht mal Napoleon hat es nach Sibirien geschafft

Eine Reise in die Unendlichkeit der Taiga: Jewgenij Grischkowez erzählt in «Flüsse» von seiner Kindheit und Jugend

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So ein zärtliches Buch! Dabei handelt es vom Leben im frostigen Sibirien. Sein Autor Jewgenij Grischkowez ist in Russland heute ein Kultstar, namentlich in der Theaterszene. Mit dem Roman «Das Hemd» hat er ein Buch vorgelegt, das auch im deutschsprachigen Raum ein Bestseller wurde. In «Flüsse» erzählt er jetzt über seine Kindheit und Jugend.

Man hört die Kälte klirren

Jewgenij Grischkowez, wie sein Ich-Erzähler in Sibirien geboren, lässt uns das Gefühl von Kälte im eisigen Winter

mitfühlen und die Freuden im kurzen heissen Sommer, zum Beispiel das Angeln im Fluss – aber auch die Begegnung mit einem Bären. Zugleich aber ist Grischkowez davon überzeugt, dass niemand, der kein Sibirier ist, diese Gefühle nachvollziehen kann. «Wie sehr sich amerikanische Schauspieler auch bemühen, im Film Russen darzustellen, es haut einfach nicht hin.» Nur schon deshalb, weil ein Amerikaner die Pelzmütze nicht richtig aufsetzen könne. Und eine Mütze ist in Sibirien überlebenswichtig.

In «Flüsse» – Grischkowez ist am Fluss Tom geboren – kann man die Kälte hören, denn es ist die Stille, die bei klirrendem Frost die Landschaft bestimmt. Und es ist die unendliche Weite Sibiriens, die den Sibirier dazu bringe, nie etwas zu Ende zu denken. Denn man kann ja «keine Grenzen spüren», hat nie die Erfahrung der Grenze gemacht.

Weit und breit keine Ritterburg

Grischkowez hat Sibirien verlassen und ist nach Kaliningrad gezogen; dort sind die Grenzen nahe, jene zu Polen, zu Litauen, zur europäischen Kultur. «Flüsse» ist eine Art Suche aus der Distanz nach der sibirischen Identität. Und es ist ein wehmütiger Blick zurück: In diesem ganzen riesigen Gebiet Sibirien gibt es «weit und breit keine einzige Ritterburg», keine Gladiatoren, nicht mal Napoleon ist bis nach Sibirien gekommen.

«Verdammt, was haben die Italiener für ein Schwein! Ihr Land ist nicht besonders gross… aber sie haben auf jedem Zentimeter so viel Geschichte» – und natürlich das Meer! «Das Meer zu lieben, ist doch einfacher, als die Taiga zu lieben.» Trotz so viel Einwänden geht Grischkowez jedoch sehr liebevoll um mit Sibirien. Von den Lagern will er nicht berichten, das tun andere, meint er. Grischkowez ist ein angenehmer und gewitzter Erzähler. Man möchte nach dieser Lektüre unbedingt mal nach Sibirien fahren.

Erika Achermann

Jewgenij Grischkowez: Flüsse. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Ammann-Verlag Zürich 2010, Fr. 32.90