Neues Buch
Beton und Rinder sind schlimmer als Flugzeuge und Autos: Wie Bill Gates die Welt vor der Klimakatastrophe retten will

Der Milliardär und Philanthrop setzt auf Innovation und neue Technologien. Natürlich braucht es dafür auch den Staat und die Politik. Und dass wir hier alle am gleichen Strick ziehen sollten, klinge zwar abgedroschen und trivial, sei aber trotzdem wahr.

Christoph Bopp
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Bill Gates investiert in erneuerbare Energien (hier ein Solar-Kraftwerk in der Mojave-Wüste). Aber ohne Atomenergie wird die Umstellung von fossiler Energie auf Strom nicht gelingen.

Bill Gates investiert in erneuerbare Energien (hier ein Solar-Kraftwerk in der Mojave-Wüste). Aber ohne Atomenergie wird die Umstellung von fossiler Energie auf Strom nicht gelingen.

Bild: imago

Auch wenn die Erfinder des Begriffs dies anders sehen mögen: Man hat es heute nicht leicht als Gutmensch. Besonders nicht, wenn man ein Gutmensch ist, von dem man erwartet, dass er auch könnte, wenn er wollte – und nicht nur wollte, solange keine Gefahr bestand, dass er auch könnte.

Wir reden von Bill Gates. Das Verschwörungsgedöns lassen wir gleich beiseite. Gates ist ein reicher, ein sehr reicher Mann. Das zuerst natürlich. Aber er ist auch ein intelligenter, mitfühlender Mensch. Und er meint es zweifellos gut. Oder eben: Bill Gates ist ein Gutmensch, von dem wir erwarten, dass er auch kann, wenn er will. Es gibt auch andere Superreiche: die Koch-Brüder zum Beispiel, die Sponsoren von Trump und Bannon.

Bill GatesGründer von Microsoft und Philanthrop

Bill Gates
Gründer von Microsoft und Philanthrop

Bild: Elaine Thomson/Keystone

Wir sollten auf synthetisches Rindfleisch umstellen

Deshalb ist auch klar, dass Gates nicht geschont wird, wenn man über sein Buch über den Klimawandel diskutiert. Was ist mit dem Privatjet, in dem er herumfliegt? Er hat klimaneutralen Treibstoff getankt und jede Meile kompensiert. Der «MIT Technology Review» hat er erklärt, dass er Climeworks finanziell unterstützt, eine Schweizer Firma, die verspricht, CO2 aus der Luft zu filtern und zu speichern. Mehr CO2, als er selbst emittiert habe, und die Tonne komme ihn so auf rund 400 Dollar zu stehen.

Oder man wird ihm seinen Satz vorhalten, dass die Gut- und Mittelverdiener in den reichen Ländern eigentlich «zu 100 Prozent» auf synthetisches Rindfleisch ausweichen sollten. Ihm schmeckt es. Im Buch findet sich nur die Formulierung, «dass umweltbewusste Menschen, die der Klimawandel umtreibt, diesen Produkten, je besser und billiger sie werden, verstärkt den Vorzug geben werden».

Bill Gates weicht nicht aus. Er räumt ein, er sei vielleicht nicht der ­optimale Botschafter für dieses Projekt, die Klimakatastrophe abzuwenden – aber einer muss es ja machen; oder sind weniger begüterte und deshalb ohnmächtigere Gutmenschen glaubwürdiger?

Der andere Anstoss dürfte sein dezidiertes Eintreten für die Atomtechnologie sein. Ohne Strom aus Atom gehe es nicht. Mit seiner Firma TerraPower werkelt er an einem Reaktortyp namens TWR (Traveling-Wave-Reactor). Der Laufwellen-Reaktor ist ein Re­aktortyp, der seinen eigenen Brennstoff aus­brütet und verbraucht und deshalb weniger Uran braucht und weniger Müll zum Entsorgen hinterlässt.

Klimaneutrale Energie ist der Schlüssel

Bill Gates beginnt mit den 51 Milliarden Tonnen an Treibhausgasen, welche die Menschheit im Jahr ausstösst. Und – hier folgt er den IPCC-Prognosen – die sollten bis 2050 auf null fallen. Die Folgen werden nicht null sein, aber einigermassen beherrschbar. So verspricht es wenigstens die IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), im Volksmund oft «Weltklimarat».

Um es vorwegzunehmen: Eine fundamental neue Sicht aufs Problem bringt das Buch von Gates nicht. Er setzt auf Techno­logie. Er nennt das Ziel – von 51 Milliarden Tonnen auf null – und arbeitet sich dann durch die fünf Bereiche, wo Treibhausgase entstehen: Stromversorgung, Landwirtschaft, industrielle Fertigung, Transport und Verkehr sowie Kühlen und Heizen. Der wichtigste Bereich, das wird schnell klar, ist Energie. Im Prinzip geht es darum, fossile Energie durch elektrischen Strom zu ersetzen.

CO2 entsteht auch andernorts. Zwei wichtige Bereiche sind Beton und Stahl. Bei der Herstellung dieser zwei unverzichtbaren Baustoffe entsteht unweigerlich CO2. Wem das nicht bewusst war, hat hier einen Grund, das Buch doch zu lesen. Denn Gates hat die fünf Bereiche ziemlich akribisch durchgearbeitet und beschert auch dem, der sich für einen Fachmann gehalten hat, neue Einsichten. Zum Beispiel: Beton und Stahl und Rinder sind «viel schlimmer» als Flugzeuge und Autos.

Bill Gateshat mehr als einen Drittel seines Vermögens gespendet.

Bill Gates
hat mehr als einen Drittel seines Vermögens gespendet.

Bild: Keystone

Frei nach Daniel Düsentrieb: «Dem Inscheniör ist nichts zu schwör»

Technisch gesehen ist Bill Gates Optimist. Natürlich haben wir noch nicht alle Tools, die wir brauchen, um das Ziel zu erreichen. Aber wir dürfen der Innovation vertrauen. Der Homo technicus wird es richten. Die Liste der technischen Fortschritte und Errungenschaften der Menschheit ist lang und eindrucksvoll. Und vieles ist eingetroffen, was man vor ein paar Jahren als haltlose Spekulation abgetan hat. Wenn wir ehrlich sein wollen, haben wir wahrscheinlich auch keine andere Wahl, als in die technische Innovationskraft Vertrauen zu haben. Ideen wie Verzicht auf Konsum oder gar «System Change» sind Gates’ Sache nicht.

Ohne Regierungen und die ganze Politik geht es auch nicht

Damit die Innovation ins Rollen kommt, braucht es Geld. Und der Privatsektor bringt es nicht auf. Die fossile Energie ist einfach zu günstig. Forschung, Erfindung und Entwicklung muss der Staat anstossen. Er hat dies auch getan und tut dies weiterhin. Aber es braucht mehr als bisher. Für die USA schlägt Gates eine Verfünffachung des Budgets vor. Der Staat muss es nicht allein machen. Aber die Privatwirtschaft wird erst einsteigen, wenn eine Technologie auch ein gewisses Marktpotenzial hat. Das funktioniert, wir haben es beim PC, beim Internet, beim GPS und bei vielen weiteren Dingen gesehen.

Bill Gates: Wie wir die Klimakatastrophe verhindern. Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind. Piper Verlag München 2021. 320 S., Fr. 29.90.

Bill Gates: Wie wir die Klimakatastrophe verhindern.
Welche Lösungen es gibt und welche Fortschritte nötig sind.
Piper Verlag München 2021.
320 S., Fr. 29.90.

zvg

Gates unterschätzt zwei wichtige Dinge. Am meisten Schub bekommt der Technologiesektor im Krieg. Da ist der politische Widerstand überschaubar. Und das andere ist die fossile Widerstandslobby. Die ist weniger sichtbar, aber sehr effi­zient und mächtig.

Man wird Gates beipflichten: Moralisch und ökonomisch ist klar, dass wir (der reiche Westen) den Armen helfen müssen, sonst funktioniert es sowieso nicht. Alle müssen am gleichen Strick ziehen – das ist eine Binsenwahrheit, aber sicher eine Wahrheit. Aber hat es bisher nur an Einsicht gefehlt?