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Neue Zahlen zeigen: In der Schweiz ist es für Mütter noch immer schwierig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen

Alle reden über Vereinbarkeit von Familie und Beruf, doch praktikabel ist sie oft noch immer nicht, wie eine Studie des Bundes zeigt. Expertinnen fordern Flexibilität statt kleine Pensen. Und Mütter spannen zusammen.
Diana Hagmann-Bula

Sie haben alle kleine Kinder, sie leben alle im Raum Zürich, sie arbeiten alle in der Kommunikationsbranche. Ihre grösste Gemeinsamkeit aber ist: Diana Wick, Sarah Steiner, Klara Zürcher und Julia Bochanneck haben erlebt, dass sich Familie und Beruf in der Schweiz kaum vereinbaren lassen. «Gerade in der Werbung muss man immer wieder flexibel ein Projekt fertig machen. Den Kunden interessiert es nicht, wann ich meine Mama-Tage habe und wann nicht», sagt Diana Wick. Und dann beginnt die Verschieberei: Die zweifache Mutter, der teilzeitarbeitende Mann, die einmal in der Woche aushelfende Schwiegermutter tauschen ihre Arbeitstage. Und wehe, jemand wird krank.

Ein Kind im Arm, tausend Gedanken im Kopf: Familie und Beruf sind in der Schweiz oft nur schwer vereinbar. (Illustration: jbr)

Ein Kind im Arm, tausend Gedanken im Kopf: Familie und Beruf sind in der Schweiz oft nur schwer vereinbar. (Illustration: jbr)

Oben arbeiten die Eltern, unten spielen die Kinder

Unterdessen sind Diana Wicks Töchter 2 und 4 Jahre alt. Und sie selber ein Organisationsprofi, «wie alle anderen arbeitenden Eltern mit Kleinkindern auch». Ihre Kritik am System: Kitas sind oft zu unflexibel, wenn es um wechselnde Arbeitstage geht, viele Unternehmen, wenn es um neue Arbeitsmodelle geht. Was auch nicht helfe, sei die hohe Präsenzzeit für Angestellte in der Schweiz. «Meine Schwester in Schweden kann ihre Kinder später bringen und früher holen und sogar noch auf den Spielplatz mit ihnen. Mein Mann und ich hingegen versuchen es irgendwie zu schaffen, die Mädchen um 18 Uhr abzuholen.»

«Wir bringen mehr Ruhe und Entspannung in das Leben berufstätiger Eltern.»

Jammern will Diana Wick nicht, lieber handelt sie. Ab Herbst bieten die vier Mütter in Zürich-Albisrieden einen Coworking-Space mit 30 Kinderbetreuungsplätzen an. «Keine Rutschbahn im Arbeitsbereich, keine Computer im Kinderbereich. Beides soll professionell organisiert sein», wird Wick nicht müde zu betonen. Ausgebildete Kinderbetreuerinnen kümmern sich um Mädchen und Buben, Grosseltern wirken als Springer. Interessierte lösen Abos für 20 bis 100 Prozent, Spontane sind auch mal nur einen halben Tag vor Ort. Kostenmässig orientieren sich Wick und Co. an den Preisen privater Kitas in der Stadt Zürich. Ein Angebot, das vor allem für Freelancerinnen attraktiv zu sein scheint. «Wir bieten damit eine alternative Betreuungsform», sagt Wick. In die Kita eilen, auf den Zug hetzen, erschöpft im Büro ankommen: Auch das wollen die vier Frauen den Kunden ersparen. Kuss geben, Computer einschalten: «Wir bringen mehr Ruhe und Entspannung in das Leben berufstätiger Eltern.»

Dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Schweiz meistens noch immer kein Spaziergang ist, belegen neuste Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS). Zwar arbeiten immer mehr Mütter mit kleinen Kindern. Um Familie und Beruf tatsächlich unter einen Hut zu bringen, stecken beruflich aber noch immer vor allem die Frauen zurück: Mit 32,7 Prozent wechseln sie fast doppelt so häufig die Stelle wie Väter (17,7 Prozent). Rund 20 Prozent der Mütter suchen sich sogar eine familienkompatiblere, weniger anspruchsvolle Arbeit; die Männer hinken mit 6 Prozent deutlich hinterher. Dass eine Mutter nach der Geburt ihres Kindes das Pensum reduziert, ist in den Schweizer Köpfen fest verankert: 62,2 Prozent der erwerbstätigen Mütter arbeiten nach der Mutterschaftspause weniger, nur 14,9 Prozent der Väter geben hingegen Arbeitstage auf.

«So wenig wie möglich reduzieren»

Pensenreduktion und Stellenwechsel hängen für Gudrun Sander, Titularprofessorin für Betriebswirtschaftslehre und Direktorin des Competence Centre for Diversity and Inclusion an der Universität St. Gallen, zusammen: «Wenn Frauen ihr Pensum auf 40 bis 60 Prozent reduzieren, können sie oft nicht mehr die gleiche Tätigkeit ausüben wie vor der Geburt. Sie bekommen häufig einen Job angeboten, der nicht mehr so qualifiziert ist, weniger fordert und weniger Spass macht. Letztlich wechseln sie die Stelle.»

«Warum nicht unter dem Jahr mehr arbeiten als der Vertrag vorschreibt, um dafür die Schulferien mit den Kindern verbringen zu können?»

Für eine Fachkarriere sei ein Arbeitspensum um die 50 Prozent nötig, für Führungspositionen mit vielen Schnittstellen eines von 70 bis 80 Prozent, ist Sander überzeugt. Berufstätigen Müttern rät sie, so wenig wie möglich zu reduzieren und sich stattdessen für flexible Arbeitszeiten und Home Office einzusetzen. «Warum nicht unter dem Jahr mehr arbeiten als der Vertrag vorschreibt, um dafür die Schulferien mit den Kindern verbringen zu können?», schlägt sie vor. Ein gleichberechtigtes Modell, in dem Frau und Mann 50 Prozent arbeiten, Erziehungs- und Hausarbeit aufteilen, kommentiert sie kritisch: «Das muss man sich leisten können und ist in der Regel nur etwas für Hochverdiener. Eine starke Pensenreduktion schränkt Mann und Frau gleichermassen ein, wie Studien ergeben haben.»

Mit dem Partner über Jobziele reden

Sind die Kinder abends im Bett, haben die Eltern noch lange nicht Feierabend: Mails beantworten, Kleider waschen und was bringt man als Geschenk zum Kindergeburtstag mit? Wenn der Spagat zwischen Familie und Beruf zu sehr herausfordert, wenden sich Eltern etwa an die Zürcher Fachstelle «Und», die sich für Vereinbarkeit einsetzt. Im Gründungsjahr 2006 liessen sich 64 Personen vor Ort beraten, 63 telefonisch, meist Frauen. 2018 unterscheidet sich datenmässig wenig: 62 Beratungen vor Ort, 80 telefonisch, meist Frauen. Verändert hat sich trotzdem einiges. «Vor 13 Jahren sprach niemand von Vereinbarkeit, heute alle, auch Psychologen und Coaches», sagt Co-Leiterin Sandra Zurbuchen Eichenberger. Erschöpfung und Überforderung, das seien die Dauerbrenner in den Gesprächen. «Besonders gefährdet sind Frauen mit einem hohen Anspruch an sich selbst und einem Beruf, der nicht fertig ist, wenn sie das Büro verlassen.» Sie plädiert für einen Mutterschaftsurlaub, der lang genug ist, um in der neuen Rolle anzukommen und sich körperlich zu erholen. «Einigen Frauen genügen die gesetzlich verankerten 14 Wochen, andere brauchen ein Jahr.»

Das oft gehörte Argument, das Teilzeitgehalt der Frau gehe für Kinderbetreuung und Steuern drauf, lässt Zurbuchen nicht gelten:

«Die Rückkehr in den Beruf sichert Frauen langfristig Arbeitsmarktfähigkeit, Eigenständigkeit, berufliche Entwicklung und sie zahlt so weiter in die berufliche Vorsorge ein.»

Berufstätige Mütter sollten nicht nur mit dem Arbeitgeber, sondern auch mit dem Partner über Jobziele reden. «So kann man etwa vereinbaren, dass er eine Weiterbildung absolviert, solange die Kinder klein sind. 2020 ist dann sie an der Reihe, weil sie beruflich wieder durchstarten kann.»

Auch im Haushalt sollten Zuständigkeiten klar geregelt sein. «Sonst erledigt immer die Person mit der tieferen Schmutztoleranz, was gerade anfällt. Erfahrungsgemäss ist das eher sie», sagt Zurbuchen. Und wartet mit einem letzten Tipp auf: Nicht nur Eltern sein, sondern auch sich selber. Will heissen: Freunde und Hobbys nicht vernachlässigen. Tönt einfach, ist es nicht immer. Wer hat nicht schon Yogastunde oder Fussballtraining zu Gunsten von kinder-, putz- und arbeitsfreien Paarminuten auf dem Sofa geschwänzt?

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