Neue Studie
Rot vor Scham? Keine Sorge, das ist aus Sicht der Evolution etwas Gutes

Wir bekommen in peinlichen Situationen rote Wangen, und das macht das Ganze noch schlimmer – oder hilft uns die Schamröte?

Jörg Zittlau
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Wer sich schämt, wird rot im Gesicht – und bedeckt dann typischerweise das Gesicht in den Händen, um das Signal zu verstecken.

Wer sich schämt, wird rot im Gesicht – und bedeckt dann typischerweise das Gesicht in den Händen, um das Signal zu verstecken.

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Die anzügliche Bemerkung des Kollegen, der Fleck auf unserem Hemd, oder wenn unsere Eltern freimütig davon erzählen, dass wir noch bis zum vierten Lebensjahr in die Windel gemacht haben: Die meisten von uns werden dann rot und können nichts dagegen tun. Wenn wir dann auch noch merken, wie die Hitze in den Kopf steigt, wird alles noch röter, noch schlimmer, noch peinlicher.

Was hat sich die Evolution dabei nur gedacht? Denn das nützt doch niemandem, oder? Möglicherweise hat das Erröten – so das Ergebnis einer US-amerikanische Studie – eben doch einen Sinn. Ausgangspunkt der Forscher um Chris Thorstenson vom Institute of Technology in Rochester war die Tatsache, dass die Schamröte (erzeugt durch erweiterte Hautblutgefässe) weithin sichtbar ist. Und sie kommt ohne unser bewusstes Zutun. «Es ist schwer bis unmöglich, uns selbst zum Erröten oder diese Röte wieder zum Verschwinden zu bringen», erläutert Thorstenson. Was im Endeffekt heisst: Wer schamrot geworden ist, lügt nicht, denn er kann es ja nicht verbergen.

Verlegene Gesichter aufrichtiger und ihnen wird eher verziehen

Es könnte sich also dabei um ein Kommunikationssignal handeln, das von der Evolution eingerichtet wurde, um für mehr Transparenz und Ehrlichkeit im menschlichen Miteinander zu sorgen. Zum Untermauern dieser These konfrontierten die US-Forschern ihre Probanden – allesamt Studenten der Rochester University – mit Fotos von Gesichtern, die angeblich zu Menschen gehörten, die beim Lügen erwischt worden waren.

Allerdings wurden sie in unterschiedlichen Farben präsentiert: von der neutralen Blässe bis zum tiefen Rot. Es zeigte sich, dass die errötenden Gesichter als aufrichtiger, peinlicher und verzeihbarer eingeschätzt wurden, und zwar unabhängig davon, ob man alle Bilder einzeln oder aber die Gesichter mit den unterschiedlichen Farben gleichzeitig gezeigt hatte.

Was konkret heisst: Wenn jemand gelogen hat, dass sich die Balken biegen, kann er im Falle des Erwischt-Werdens trotzdem auf Vergebung hoffen, wenn er nur richtig rot dabei wird. Denn das wird ihm als Ausdruck seiner aufrichtigen Betroffenheit ausgelegt.

Wichtiger Beitrag zum Erkennen von Emotionen

Allerdings zeigt sich dieses Phänomen offenbar nicht nur im Zusammenhang mit Peinlichkeiten. Als das Forscherteam seinen Testpersonen eine Reihe von Fotos präsentierte, auf denen andere emotionale Signale wie skeptisches Stirnrunzeln oder Wut gezeigt wurden, hatte das Erröten denselben Effekt: Es steigerte das Gefühl der Teilnehmer für die Aufrichtigkeit der Person. Und es steigerte ihre Bereitschaft, dem Betreffenden zu verzeihen. Der puterrot tobende Choleriker darf also ebenfalls darauf hoffen, dass man ihm seine Wutanfälle durchgehen lässt.

Wut- und schamrote Gesichter leisten also einen wichtigen Beitrag zum Erkennen und Einschätzen von Emotionen. Doch ob das – im engeren Sinne der Evolution – auch zum Überleben der Art beigetragen hat, darf man bezweifeln. Denn dunkelhäutige Menschen werden zwar auch rot, doch bei ihnen kann man es kaum sehen – und trotzdem sind sie keineswegs ausgestorben. Vielleicht ist es ja einfach nur eine exquisite Spielerei der Evolution. Nicht umsonst sagte schon Mark Twain: «Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das rot werden kann. Oder sollte.»