Sarganserland
Neue Brücke verbindet zwei Dörfer – und spaltet eine Familie

Vor dem Haus der Niggs schwingt sich jetzt die Taminabrücke über die Schlucht nach Pfäfers. Sie verbindet zwei Dörfer – aber entzweit Vater und Sohn.

Sabine Kuster
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Vater und Sohn sind sich nicht einig, ob der Bau der Brücke richtig war: Hanspeter und Albert Nigg neben ihrem Haus auf einem Bänklein.Mario Heller

Vater und Sohn sind sich nicht einig, ob der Bau der Brücke richtig war: Hanspeter und Albert Nigg neben ihrem Haus auf einem Bänklein.Mario Heller

Mario Heller

Rechts oder links? Das musste man bis anhin schon in Bad Ragaz entscheiden. Zwei Strassen führten hinauf ins Taminatal, eine links nach Pfäfers, eine rechts nach Valens. Erst weit hinten im Tal, beim Malpragg-Stausee, quert die Strasse das Tal. Der Bus fährt die Schlaufe nicht: Wer von einer Talseite auf die andere will, muss mit dem Postauto runter nach Bad Ragaz und wieder hoch. Die Fahrt von Valens nach Pfäfers dauert so rund 40 Minuten, obwohl die Dörfer in Sichtdistanz liegen.

Albert Nigg hat das nie gestört. Sein ganzes Leben, 81 Jahre, wohnt er schon direkt auf der anderen Seite der Schlucht vis-à-vis von Pfäfers, aber in seinem Bürgerort war er selten. «Höchstens mal für eine Gemeindeversammlung», sagt er. Runter nach Bad Ragaz, wieder rauf nach Pfäfers. Zum Einkaufen, auf die Bank oder zum Arzt gehen Albert Nigg und seine Frau nach Bad Ragaz.

Jetzt schwingt sich die Taminabrücke vor seinem Haus über die Schlucht. 260 Meter Spannweite, 200 Meter über der Tamina. Pfäfers liegt plötzlich nur noch einen Kilometer entfernt.

Liebe auf der anderen Talseite

Nigg sitzt beim Vesper in seiner Küche. Zopf, Butter, Konfi, das Brot hat er in den Kaffee gebrockt. Seine Finger hat die Polyarthritis gekrümmt, vom Arbeiten hat ihn das nie abgehalten. Vom Autofahren auch nicht. Aber seit er im letzten Jahr für die Prüfung der Fahrtüchtigkeit zu einem neuen Arzt musste, darf er nicht mehr fahren. Er nimmt es mit Gelassenheit, er erinnert sich noch gut, als das Taminatal für alle abgeschieden lag.

Als Kind fuhr nur die Postkutsche einmal im Tag ins Tal und wieder zurück, im Winter mit dem Schlitten. Das erste Auto, das die Strasse von Bad Ragaz nach Valens hinauf holperte, war das Taxi mit dem Viehhändler. In den 40er-Jahren kaufte dann als erster Talbewohner der Holzhändler und Kassier bei der Raiffeisenbank einen VW Käfer. «Er war kinderlos», sagt Albert Nigg, «da reicht es für mehr.»

Nigg war Bauer mit fünf Kindern. Auch wenn er sagt, in Pfäfers sei er kaum je gewesen: Seine Frau hat er dort kennen gelernt. Die Österreicherin arbeitete in der psychiatrischen Klinik in Pfäfers. Da nahm er manchmal die 50 Minuten Fussweg in die Schlucht und wieder rauf auf sich.

Und im Sommer trieb er seine Kühe auf die Pfäferser Alpen. Dass er als Bürger von Pfäfers mit den Valensern gesömmert hätte, nur weil es einfacher gewesen wäre, wäre undenkbar gewesen.

Heute ist der Stall umgebaut, die Kühe sind verkauft, das Land verpachtet. Der Jüngste hätte den Hof übernehmen sollen, machte die Landwirtschaftsschule, aber zurück von der RS erkrankte er an Leukämie und starb. «Das kann niemand verstehen, der so was nicht selber erlebt hat», sagt Nigg. «Man will doch, dass es weitergeht.»

Seine anderen Kinder hatten damals ihre Bestimmungen schon gefunden, waren Spengler, Beamter, heirateten im Tal unten. Albert Nigg blieb im Herzen Bauer. Es tat ihm weh, als Sohn Hanspeter bestes Land für das Fundament der Brücke verkaufte. «Dort unten arbeitete ich am liebsten», sagt er. «Wir haben hier oben nicht viel schönen Boden, der meiste ist steil.»

Die alte Strasse wird geschlossen

Deswegen mag Albert Nigg die Brücke nicht. Und er sagt auch: «56 Millionen Franken! Die Sanierung der alten Strasse hätte viel weniger gekostet, aber Bad Ragaz wollte diese Strasse los sein.»

Die neue Brücke und die Strasse von Pfäfers runter gehören dem Kanton. Der ehemalige Gemeindepräsident von Pfäfers, Ferdinand Riederer, war 22 Jahre lang Kantonsrat, er lobbyierte dort, bis er die Mehrheit für die Brücke beisammenhatte. 2010 stimmte der Rat dem Bau der Taminabrücke zu. Und weder in Bad Ragaz noch in Pfäfers ergriff jemand das Referendum, Einsprachen gab es acht, wegen Landabtausch oder Eingriff in die Natur. Die Idee im Taminatal war schon einige Jahrzehnte alt: Eine Brücke, die verbindet.

«Die Brücke bringt was für den Zusammenhalt», sagt Hanspeter Nigg. Der älteste Sohn, der Spengler, ist von der Arbeit nach Hause gekommen. Er bewohnt mit seiner Familie den oberen Teil des Hauses. Er mag die Brücke, denn künftig werden keine Autos mehr vor dem Haus durchfahren, die alte Strasse nach Bad Ragaz wird geschlossen. Der Hang bewegt sich ständig, immer wieder muss ausgebessert werden: An manchen Stellen ist der Asphaltbelag heute meterdick.

Der alten Strasse werden auch die Postautochauffeure nicht nachtrauern: Sie hatten im Winter oft Mühe, die steile, schmale Strasse mit den engen Windungen zu erklimmen. Vorne und hinten mussten Ketten montiert werden, und einen Toleranzbereich gab es nicht: Geriet ein Fahrzeug ins Rutschen, lugten die Räder schon über den Strassenrand. «Schauen Sie die Leitplanken an», sagte der Chauffeur auf der Anreise, «die halten uns nicht.» Nur Albert Nigg schmunzelt: «Wie lange fahren da jetzt schon Postautos hoch und runter? Es kam noch nie einer von der Strasse ab.»

Mit dem Velo schnell rüber

Für Hanspeter Nigg verändert die Brücke das Tal zum Positiven. «Alles ist viel näher jetzt», sagt er. 25 Jahre lang ist er dreimal wöchentlich nach Pfäfers gefahren, um beim FC Taminatal zu trainieren – runter nach Bad Ragaz und wieder hoch. Sein ältester Sohn kann bald mit dem Velo hinüber in die Oberstufenschule fahren.

Albert und Hanspeter Nigg haben nie viel über die Brücke diskutiert. «Eben grad, weil wir nicht einer Meinung sind», sagt Hanspeter Nigg. Nur in der Ästhetik sind sich die beiden einig: Das Bauwerk gefällt. Es sei unter allen Projekteingaben hervorgestochen.

Vater und Sohn gehen ein paar Schritte die alte Strasse runter bis zu einem Bänklein. Von da hat man eine gute Sicht auf die Brücke. Auf beiden Seiten verläuft ein hoher Zaun, damit sich niemand von der psychiatrischen Klinik in Todessehnsucht runterstürze. Hinter der Brücke leuchtet der Schnee auf dem Calanda im Abendlicht. Von dieser Seite aus – nicht von Chur – hat er Postkartenqualitäten.

Eine Frau aus Valens nimmt die Journalistin runter ins Tal. Auf der alten Strasse. Sie findet es nicht schlimm, dass sie bald via Pfäfers fahren muss und drei Minuten länger bis Bad Ragaz braucht. Aber Mühe mit der alten Route hatte sie nie: Wenn Schnee lag, fuhr sie halt nicht. Sie lacht als sie von der überraschenden Rückkehr des Winters Ende April erzählt: «Die Mädchen mit ihren Golf, die in der Rehaklinik Valens arbeiten, sind festgesteckt.»

Albert Nigg hatte gesagt: Nur weil die Auswärtigen nicht mit der Strasse zurechtkämen, werde sie geschlossen. «Beses» nennt man die Fremden hier. Man braucht sie. Und manchmal bleiben sie für immer. Wie einst die junge Psychiatriepflegerin aus Österreich, für die Albert Nigg in die Schlucht runterstieg und wieder hoch.

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