Nahverkehr

Die Berninabahn ist auch eine Tonspur Es ist die schönstmögliche Art, sich einem Ort zu nähern. Erst recht, wenn man sich vorher im Speisewagen zwischen Chur und Samedan, wo noch richtig klassisch an den Tischen aus Schüsseln geschöpft wird, gestärkt hat.

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Abendstimmung auf der Piazza in Poschiavo. (Bild: Tonia Bergamin)

Abendstimmung auf der Piazza in Poschiavo. (Bild: Tonia Bergamin)

Die Berninabahn ist auch eine Tonspur

Es ist die schönstmögliche Art, sich einem Ort zu nähern. Erst recht, wenn man sich vorher im Speisewagen zwischen Chur und Samedan, wo noch richtig klassisch an den Tischen aus Schüsseln geschöpft wird, gestärkt hat. Also: Schon die Anfahrt ins Puschlav ist ein Erlebnis. Bald nach dem Bernina-Hospiz erhascht man erstmals einen Blick hinunter ins Tal, über Spitzkehren und durch Kehrtunnels schlängelt sich der Zug dann hinunter, mal liegt das Dorf links, mal rechts, mit jeder Kehre rückt es ein bisschen näher.

Es ist viel geschrieben worden dieses Jahr über das Aussergewöhnliche dieser Bahn. Seit hundert Jahren verbindet die Bernina-Bahn St. Moritz im Engadin mit Tirano im Veltlin. Sie klettert fast auf Säntishöhe hinauf (Ospizio Bernina, 2253 Meter über Meer) und dann wieder hinunter auf 429 Meter. Klimazonen und Jahreszeiten wechseln sich ab, wenn es in Poschiavo auf tausend Metern schon herbstlich fröstelt, empfängt einen nach 43 Minuten Fahrt in Tirano nochmals der Sommer.

Kaninchen im «Altavilla»

Ich steige im «Altavilla» ab, ein paar Schritte ausserhalb des Dorfkerns. Da ist schön sein, weil man im Garten (anders als in den Hotels im Zentrum) auch einmal für sich sein kann, aber auch, weil Gastgeber Francis Knaebel eine wunderbar authentische Küche pflegt. Wenn man Glück hat, hat er gerade von einem Bekannten frische Kaninchen bekommen oder einen Hirschpfeffer in der Beize liegen.

Um beim Essen zu bleiben: Poschiavo ist schon rein kulinarisch eine Reise wert, für einen Ort dieser Grösse (3500 Einwohner) hat es eine erstaunliche Gastronomie, die auch einem längeren Aufenthalt gewachsen ist.

Das Puschlav ist ein Biker- und Wanderparadies. Für mich ist das kein Argument. Ich bin hingefahren, weil es mehr ist als das. Weil es das Paradies ist, nichts weniger.

Poschiavo ist ein Kraftort voller Spuren vitalen Lebens, es gab mal eine Brauerei und eine Tabakfabrik, und im heutigen Hotel Albrici wurde 1782 die erste italienische Ausgabe von Goethes «Die Leiden des jungen Werther» gedruckt.

An der schon im Mittelalter begangenen Berninaroute kam Poschiavo früh zu Bedeutung, aus dem Bauerndorf entwickelte sich eine kompakte urbane Siedlung mit südlichem Flair.

Wie authentisch das ist, zeigt sich am schönsten auf der Piazza cumün, wenn sich die Poschiavini nach dem Abendessen in italienischer Selbstverständlichkeit zum Gelato treffen. Ich ziehe das Bier vor, glücklich, dass «Calanda» noch «Calanda» ist und nicht von einer fernen Konzernmutter wegrationalisiert wurde.

Städtebauliches Juwel

Nach einer verheerenden Flut im Juli 1987 wurde Poschiavo mustergültig instand gestellt, das Zentrum ist autofrei, ein städtebauliches Juwel mit Patrizierhäusern und Palazzi.

Wanderausrüstung brauche ich da keine, ich mache meine kleinen Gänge durch die Dörfer im Talboden, spaziere zum See, setze mich ausserhalb des Dorfes für ein Stündchen Lektüre auf ein Bänklein. Immer das Kreischen der Bahn im Ohr – die glücklicherweise auch mit den neuen Stadler-Kompositionen die typische Tonspur des Tals geblieben ist.

Beda Hanimann Die Route: St. Gallen–Chur–Samedan–Pontresina–Poschiavo Der Hoteltip: Altavilla, Telefon 081 844 01 67, www.altavilla.ch Der Geheimtip: Altstadt von Tirano Die Lektüre: «Graubünden» in Urs Widmers «Schweizer Geschichten»