Nahrungsmangel, Katzen, Gebietsverlust – auf das Insektensterben folgt das Vogelsterben

Weltweit gehen die Vogelbestände zurück. Die Vögel hungern, weil sie in der intensiv bewirtschafteten und vergifteten Landschaft keine Nahrung mehr finden. Gartenbesitzer können einiges tun, um die Situation von Amsel, Drossel, Fink und Star zu verbessern.

Bruno Knellwolf
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Stark gefährdet: die FeldlercheDie einst verbreitete Feldlerche ist zum Symbol für den Niedergang der Vögel des Schweizer Kulturlands geworden. Die Kurve des Bestandesindex führt seit 1990 stark nach unten. Weite Landstriche hat die Feldlerche bereits ganz räumen müssen.Bild: Getty Images
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Stark gefährdet: der KuckuckAuch der bekannte Kuckuck ist im Schweizer Mittelland selten geworden. Bild: Getty Images
Stark gefährdet: der KiebitzDen gelb gefiederten Vogel sah man früher häufiger. Bild: Getty Images
Ausgestorben: der RotkopfwürgerDer Rotkopfwürger gilt heute als ausgestorben. Der Liebhaber von Grossinsekten besiedelte einst weite Teile des Mittellands. Bild: Getty Images
Stark gefährdet: das BraunkehlchenDas Braunkehlchen ist auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten der Schweiz aufgeführt und hat einen besonderen Prioritätsstatus erhalten. Bild: Getty Images
Nicht gefährdet: der RotmilanDer Jagdvogel war im Mittelalter in Mitteleuropa verbreitet. Dann wurde er über Jahrhunderte gejagt und vergiftet. Inzwischen haben sich die Bestände wie jene anderer Greifvögel erholt. Rotmilane gibt es heute wohl so viele wie kaum zuvor. Bild: Getty Images
Ausgestorben: die BekassineIm Mittelland war der Vogel mit dem langen Schnabel einst häufig, heute ist er gar nicht mehr vorhanden. Bild: Getty Images
Stark gefährdet: die MehlschwalbeDer Wandervogel wird immer seltener, die Bestände werden darum überwacht.Bild: Getty Images
Stark gefährdet: der WendehalsAuch der Wendehals wird als Prioritätsart für die Artenförderung eingestuft. Bild: Getty Images

Stark gefährdet: die Feldlerche
Die einst verbreitete Feldlerche ist zum Symbol für den Niedergang der Vögel des Schweizer Kulturlands geworden. Die Kurve des Bestandesindex führt seit 1990 stark nach unten. Weite Landstriche hat die Feldlerche bereits ganz räumen müssen.
Bild: Getty Images

Keine Vögel weit und breit. Wo sind sie geblieben? Sicher nicht in dem Zürcher Maisfeld. «In einem Maisfeld leben und überleben nur wenige Insekten. Somit gibt es hier auch keine Vögel», sagt Stefan Bachmann von Birdlife Schweiz. Dann tauchen am Horizont Krähen auf, die intensiv bewirtschaftete Landschaften nicht scheuen. Sie ernähren sich nicht nur von Insekten, sondern auch von Aas und vielem anderem und sind deswegen in der Schweiz weit verbreitet. Ganz im Gegensatz zu den meisten Brutvögeln des Kulturlands, die entweder ausgestorben oder auf dem Weg dazu sind.

Die Situation ist alarmierend. Die insektenfressenden Vögel sind im Kulturland in den letzten 26 Jahren um 60 Prozent zurückgegangen. Nach dem Insektensterben muss man auch vom Vogelsterben sprechen – beides hat eng miteinander zu tun. Deshalb machen wir uns im Raum Zürich zusammen mit dem Vogelexperten von Birdlife Schweiz auf die Suche nach Vögeln.

Stefan Bachmann von Birdlife Schweiz. (Bild: pd)

Stefan Bachmann von Birdlife Schweiz. (Bild: pd)

98 von 100 Vogelarten sind auf Insekten angewiesen

Auf den ersten Kilometern der Vogelwanderung sind die beiden grössten Probleme der Vogelwelt schon zu erkennen. Die wichtigste Ursache für den Niedergang der Vogelwelt ist die fehlende Nahrung. Am «Tag der Insekten», veranstaltet von Birdlife und Insect Respect in Aarau, wurde diesen Donnerstag erklärt, dass gemäss einer neuen Studie in den nächsten Jahrzehnten weltweit 40 Prozent aller Insektenarten aussterben werden, wenn nichts dagegen unternommen wird. In der Schweiz sind 40 Prozent der Insektenarten gefährdet und 5 Prozent bereits ausgestorben.

Das ist fatal für die Vogelwelt, denn von den hundert regelmässig brütenden Singvogelarten in der Schweiz sind nur zwei nicht auf Insekten angewiesen. Somit brauchen viele der 15 Millionen Brutpaare in der Schweiz jeden Tag oder zumindest während der Brutzeit Hunderte von Insekten. Zwar mögen einige dieser Vögel zwischendurch Körner picken, aber den Nachwuchs können sie nur mit Insekten grossziehen. Der zweitwichtigste Grund ist das Fehlen sicherer Brutplätze, in denen die Eltern die Jungen gefahrlos aufziehen können. Die Nester werden vom Traktor überfahren oder vom Kreiselmäher zerstört. Allen Vögeln fehlen in intensiv bewirtschafteten Landwirtschaftszonen Hecken, Magerwiesen, Feuchtgebiete und alte Bäume.

Auch andere Ursachen sind fatal: In der Schweiz leben zu viele Katzen. Sie töten jedes Jahr mehrere Millionen Vögel. Oder die Wilderer, welche die Vögel auf ihrer Reise in den Süden zu Millionen gewaltsam vom Himmel holen, sowie die Fensterscheiben, an denen hierzulande Hunderttausende Vögel ihren Kopf einschlagen. Diese Ursachen sind aber untergeordnet im Vergleich zu den Problemen der fehlenden Nahrung und des Verlusts von Lebensraum und Biodiversität.

So steht es um bekannte Vogelarten in der Schweiz

Das Vogelsterben ist nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit zu beobachten. Eine diese Woche veröffentlichte Studie zeigt, dass in Nordamerika seit 1970 der Bestand um einen Drittel, also um drei Milliarden Vögel zurückgegangen ist. Die Resultate zeigten eine noch nicht überschaubare Biodiversitätskrise, schreiben die Studienautoren:

«Menschliche Einflüsse haben zu einer starken Zunahme des weltweiten Vogelsterbens geführt.»

Vor einem Monat hat eine Studie des deutschen Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie gezeigt, dass Amsel, Drossel, Fink und Star im Bodenseeraum viel an Boden verloren haben. Gerade die an sich häufig vorkommenden Arten gehen gemäss des Instituts massiv zurück. Die Bestände des Haussperlings um den Bodensee seien um 50 Prozent eingebrochen.

Pestizide reduzieren Zugvogel-Populationen

Aufsehenerregend ist eine aktuelle Studie aus Kanada. Untersucht wurde die Wirkung des Neonicotinoid-Insektizids Imidacloprid. Es vergiftet Pflanzen, welche danach von den Raupen gefressen werden. Das bekommt den Raupenfressern schlecht. Die untersuchten Singvögel litten unter Gewichts- und Orientierungsverlust. Dies sei der erste Beweis, dass der Pestizideinsatz direkt mit den schwindenden Zugvogel-Populationen zusammenhänge, schreiben die Forscher.

Die Vogelsuche mit dem Vogelexperten von Birdlife geht weiter – weg von der Monokultur in Richtung Naturschutzgebiet Filderen hinter dem Üetliberg bei Wettswil. Und tatsächlich ist bald darauf im Gebüsch der erste Vogel zu hören, eine Mönchsgrasmücke. Stefan Bachmann:

«Um die Population einer Vogelart zu sichern, braucht ein Brutpaar eine gewisse minimale Anzahl an Nachkommen pro Jahr. Fehlen während der Brutzeit die Insekten, ist der Bruterfolg zu gering, und der Bestand nimmt ab.»

Im Naturschutzgebiet treffen wir auf einen Ornithologen, der, mit einem Fernrohr ausgerüstet, voller Stolz erzählt, er habe gerade eines der beinahe ausgerotteten Braunkehlchen im Feuchtgebiet entdeckt. Im Gebiet Filderen hat der Kanton Zürich im Rahmen der Westumfahrung Zürich das früher intensiv bewirtschaftete Landwirtschaftsland in einen vielfältigen Naturschwerpunkt für die Region umgebaut. Wo vorher Raps in Monokulturen gewachsen ist, sieht man jetzt trockene, wechselfeuchte und feuchte Magerwiesen, naturnahe Bäche, Tümpel, Steinhaufen für die Eidechsen, Schilffelder, Brachflächen, Büsche, Hecken, Feldgehölz und einen kleinen Wald.

Heuschrecken springen den Beobachtern über die Schuhe. Die Filderen ist ein Paradies für die Insekten und damit auch für die Vögel. Seltene Zugvögel suchen die Feuchtflächen auf, ein Paar des seltenen Neuntöters hat Bachmann entdeckt, Kiebitze und Enten, Steinschmätzer und LimikolenArten. Stockente, Blässhuhn, Teichhuhn, Wasserralle, Gartengrasmücke, Goldammer und Feldspatz brüten. Hier haben wir sie also gefunden, die Vögel, dort wo auch andere Tiere von der vielfältigen Landschaft profitieren. Möglich ist dies auch, weil viel Arbeit und Wissen in dieses kleine Naturreservat gesteckt wird. Geachtet wird auf das richtige Mähen der Wiesen. Entscheidend ist wie viel, wann und wie. Denn es darf nicht zu viel gemäht werden und nur in Etappen. Sodass die Insekten in eine ungemähte Wiese fliehen können – und nicht wie in der intensiven Landwirtschaft vom Kreiselmäher oder beim Mulchen zerquetscht werden.

Vogel ist nicht gleich Vogel. Jede Art hat einen anderen Menüplan und andere Brutmethoden. «Am besten geht es den Generalisten unter den Vögeln. Mühe haben vor allem die Spezialisten, die auf einen bestimmten Lebensraum oder eine bestimmte Nahrung wie zum Beispiel grosse Raupen angewiesen sind», sagt Bachmann. Der Blick aus dem kleinen Naturreservat Filderen hinaus schweift Richtung Dorf über kahle Äcker. Einem Symbol für das bereits seit Jahrzehnten statthabende Vogelsterben.

Vier Vogel-Lebensräume mit unterschiedlichen Bedingungen

Landwirtschaftsgebiet
Am schlechtesten geht es den Brutvögeln in der Schweiz im Kulturland, also in den Gebieten mit intensiver Landwirtschaft. Pestizide und Kunstdünger haben das Kulturland weitgehend biologisch entwertet. Hochstammobstgärten, Blumenwiesen und Hecken sind Überbauungen gewichen. «Im Landwirtschaftsgebiet sind viele Arten schon ausgestorben oder stehen kurz davor», sagt Stefan Bachmann. Bereits ganz oder fast ausgestorben sind im Mittelland zum Beispiel der Rotkopfwürger, das Rebhuhn, die Wachtel, die Grauammer, der Wachtelkönig oder der Wendehals. Stark abgenommen haben Feldlerche, Mehlschwalbe, Gartenrotschwanz und Kuckuck. Der Hauptgrund dafür sei die Agrarpolitik, sagt Bachmann. Das gegenwärtige Direktzahlungssystem sei viel zu wenig auf die Ökologie ausgerichtet: «Die Vogelarten, die mit dem System gefördert werden sollten, haben innert 26 Jahren um 60 Prozent abgenommen.» Dies unter anderem, weil die Qualität der Flächen mit Förderung der Biodiversität bei weitem nicht ausreiche.

Wald
Der Wald wächst und ist relativ naturnah, die Insekten leben hier ungestört, es gibt viele geschützte Orte zum Nisten. Dementsprechend geht es den Waldvögeln in der Schweiz gut. Seit 1990 ist der Bestand laut der Vogelwarte Sempach um 20 Prozent angewachsen. Insbesondere die Zahl der Spechte und Waldbaumläufer ist gestiegen. Für das Vorkommen von spezialisierten Arten braucht es alte und totholzreiche Wälder, die aber in vielen Regionen fehlen, weshalb es auch im Wald Verlierer gibt.

Siedlungsgebiet
Im Siedlungsraum geht es den Vögeln besser als auf dem Land. Auch in urbanen Gebieten gibt es mehr Brutpaare pro Quadratkilometer als im Agrarland. Von den Futtertrögen in der Stadt profitieren die Generalisten, die Kulturfolger, die sich an den Menschen anpassen. Spezialisierte Vögel haben im Siedlungsraum mehr Mühe – die Bestände von Girlitz, Grünfink und Grauschnäpper gehen zurück. Grund dafür sind naturfremde, wenig wohnliche Siedlungen mit Stein- und Betonwüsten. Die heutige, perfekte energetische Bauweise der Häuser verhindert zudem, dass Vögel Nistplätze in neuen oder renovierten Gebäuden finden. Das macht das Überleben der Mehlschwalben, der Mauersegler und der Haussperlinge schwierig. Generalisten wie die Ringel- oder Türkentauben nehmen dagegen zu.

Gebirge
Im Berggebiet war die intensivere Bewirtschaftung des Bodens lange kein Thema. Dementsprechend gut ging es den Vögeln. Nun bearbeiten auch die Bergbauern ihr Land mit schlagkräftigeren, schnelleren und grösseren Maschinen, es wird früher und öfter gemäht – ein Vogelkiller. Steinhaufen werden abgebaut, Böschungen ausgeebnet, Sträucher gerodet. Deshalb verschwinden Kleintiere und damit die Nahrung der Vögel. (kn)