Klimawandel
Nahrung wird knapper - es drohen Bürgerkriege: Wie ist die Schweiz davon betroffen?

Die Zukunftsaussichten sind gemäss des neuen Klimaberichts alles andere als rosig: Wegen des Klimawandels droht Nahrungsknappheit. Das wiederum könnte zu Bürgerkriegen führen. Wie ist die Schweiz davon betroffen?

Raffael Schuppisser und Matthias Niklowitz
Drucken
Teilen
Wegen des Klimawandels droht Nahrungsknappheit, hier ein Bild aus Indien. (Symbolbild)

Wegen des Klimawandels droht Nahrungsknappheit, hier ein Bild aus Indien. (Symbolbild)

Keystone

1. Schon wieder ein Klimabericht. Hat der UNO-Klimarat nicht erst gerade einen Bericht veröffentlicht?

Doch. Im letzten September hat der Weltklimarat IPCC den ersten Teil des fünften Klimaberichts präsentiert. Dieser behandelte die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels und die künftigen Entwicklungen des Klimasystems. Am Montag wurde nun der zweite Teil vorgestellt, in dem die Auswirkungen des Klimawandels auf die Natur und die Gesellschaft behandelt werden. Am 13. April folgt dann der dritte Teil, in dem es um Technologien und Massnahmen geht, die den Klimawandel bremsen sollen.

2. Der Bericht von 2007 enthielt Fehler. Wie sieht es mit dem neuen Bericht aus?

Obwohl am vierten Klimabericht vor sieben Jahren Hunderte von Wissenschaftern mitgearbeitet hatten, konnte nicht verhindert werden, dass die Endfassung peinliche Fehler enthielt. So hiess es, dass die Himalajagletscher bis 2035 geschmolzen sein könnten – anstatt bis 2350. Zudem stand im Bericht, dass 55 Prozent der Niederlande unter dem Meeresspiegel liegen. Richtig ist: 26 Prozent. Für Kritiker des Klimaberichts war das ein gefundenes Fressen. Die meisten Experten hingegen sahen darin keine Schmälerung der Vertrauenswürdigkeit der Hauptaussagen des Berichts. Beim neuen Bericht sind bisher keine Fehler bemängelt worden.

3. Was ist neu am neuen Bericht?

Die Grundaussage hat sich kaum verändert: Der Klimawandel ist bereits da, man kann seine Folgen für Mensch und Natur auf allen Kontinenten erkennen. Da die Forschung in den letzten Jahren aber Fortschritte gemacht hat, sind Aussagen verlässlicher geworden. Die Datenlage zum Klimawandel sei heute viel dichter als vor sieben Jahre, betont der Klimarat. Die Menge der berücksichtigten Studien hätte sich im Vergleich zum vierten Bericht verzehnfacht und die Simulationen von Klimawandelfolgen seien bedeutend detaillierter geworden.

4. Der Klimawandel mache Pause, hiess es im Vorfeld. Stimmt das?

Die Daten des jüngsten Berichts basieren auf Wetter- und Klimadaten bis zum Jahr 2010. Tatsächlich hat sich seither die Erde nicht weiter erwärmt, wenn man auf die globalen Durchschnittstemperaturen abstellt. Aber es gibt davon etliche regionale Ausnahmen und es ist noch nicht ganz geklärt, ob seit 2009 die Tiefseegewässer einen grossen Teil der Wärme absorbiert haben und so zu einer Art «Pause» bei der Erwärmung beigetragen haben. Der letzte Winter war in Europa deutlich zu warm. Allerdings sind diese Daten in den Modellen noch nicht eingeschlossen worden, und in den USA war der Winter sehr kalt.

5. Wie verändert sich die Landschaft?

Grundsätzlich verändert jedes Klima die Landschaft durch Wind- oder Wassererosion: Wo es mehr regnet, kommt es öfter zu Erdrutschen, und wo die Winde stärker werden, wird auch mehr Erdreich windverfrachtet. Durch den Klimawandel droht zudem ein Abschmelzen von Eis an den Polen und von Gletschern. Das führt zu einem Anstieg der Meeresspiegel und erhöht die Überschwemmungsgefahren. Fern der Küsten droht ein Auftauen der Permafrostböden im Norden Amerikas und Asiens. Dadurch könnten weitere Treibhausgase freigesetzt werden, die dann wiederum die Atmosphäre weiter aufheizen. Denkbar ist auch eine Verschiebung der Regenzonen – dann könnte es eine Wiederbegrünung vormals trockener Gebiete in Afrika geben.

6. Sterben Tier- und Pflanzenarten aus?

Ja. Das Aussterben «etlicher Amphibienarten» im mittelamerikanischen Raum wird bereits auf den Klimawandel zurückgeführt. Die Wissenschafter rechnen damit, dass viele weitere Arten für immer verloren gehen. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten reagieren auf den Klimawandel, indem sie ihren Lebensrhythmus an veränderte Jahreszeiten anpassen. Dadurch gerät die Balance der Arten aus dem Gleichgewicht – so blühen Pflanzen für viele Insekten zu früh. Deshalb ist eine Vielzahl von Arten durch die indirekten Folgen des Klimawandels vom Aussterben bedroht. Der Hauptgrund für das Verschwinden der Biodiversität ist derzeit allerdings noch immer die direkte menschliche Aktivität wie Waldrodungen oder Umweltverschmutzungen.

7. Gehen uns die Nahrungsmittel aus?

Sie verknappen sich zumindest. Weizen und Mais leiden jetzt schon unter der Erderwärmung – betrachtet man den ganzen Erdball. In Zukunft könnten zwar höhere Breiten von der Klimaerwärmung profitieren. Die Ernte in mittleren Breiten, in Europa also etwa, sowie in den Tropen wird aber weiter zurückgehen. Ohne Anpassungsmassnahmen sei in vielen Regionen ein Rückgang der Erträge um bis zu einem Fünftel im Laufe des Jahrhunderts zu erwarten. Betroffen sind neben Getreide auch Reis und Soja. Insbesondere in den Subtropen verknappt sich ausserdem das Wasser. Durch die Verknappung lebenswichtiger Ressourcen könnte es gemäss IPCC vermehrt zu Bürgerkriegen kommen.

8. Hat der Klimawandel auch einen Einfluss auf die Weltwirtschaft?

Ja. Allerdings schwächt der jüngste IPCC-Bericht die Annahmen von 2006 deutlich ab. Der Klimawandel kann direkt und indirekt die Weltwirtschaft beeinflussen: Direkt durch die Verschiebung der fruchtbaren Zonen, wodurch die Landwirtschaft massiv beeinflusst und Migrationsströme ausgelöst werden. Die gegenwärtigen Flüchtlingsströme sind teilweise durch Klimaveränderungen in den Ursprungsländern der Flüchtlinge erklärbar. Indirekt gibt es zahlreiche weitere Wirkungen wie Schäden an Bauwerken durch öfter auftretende Extremereignisse. Weil oft Kunstbauten für Küstenschutz, Lawinenverbauungen und Flussbettkorrekturen gebaut werden, erhöht das paradoxerweise die Wirtschaftsleistung, obwohl es zuvor teure Schäden gab.

9. Wie ist die Schweiz in Europa betroffen?

Die Schweiz ist gleich mehrfach betroffen: Die Gletscher schmelzen, es ist somit weniger Schnee und Eis in den Bergen gebunden und die extremer auftretenden Niederschläge führen in den Bergen zu erhöhter Überschwemmungsgefahr. Betroffen von möglichen Hochwassern ist auch das Mittelland. Mittelland und Südalpen dürften gemäss den Prognosen auch öfter unter Hitzewellen leiden. Klimawandel bedeutet nicht nur einfach «mehr Wärme». Auch wenn die langfristigen Durchschnittswerte ansteigen, bedeutet das nicht, dass jeder Winter immer wärmer wird. Dennoch ist in der Schweiz der Wintertourismus gefährdet – insbesondere in den Voralpen und im Jura.

10. Wie können wir dem Klimawandel entgegenwirken?

Anpassungen sind möglich: Dazu gehören Küstenschütze und solide Infrastrukturen, effiziente Bewässerungssysteme und die Nutzung alternativer Energiequellen. Um die Risiken des Klimawandels weiter zu minimieren, muss aber in den nächsten Jahrzehnten auch der Treibhausgasausstoss gesenkt werden. Das alles ist mit Einbussen verbunden und kostet Geld. Die weltweiten Kosten der Anpassungen werden in den aktuellen Schätzungen des Weltklimarats auf 75 bis 100 Milliarden Dollar pro Jahr beziffert. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandprodukt der Schweiz betrug 2012 632 Milliarden Dollar; etwa gleich hoch sind die jährlichen Rüstungsausgaben der USA. Finanziell sollten die Anpassungen also eigentlich zu tragen sein. Doch es fehlt bisher am politischen Willen. Immerhin: Der Klimarat sieht erstmals einen Fortschritt. Zahlreiche Staaten hätten begonnen, sich besser gegen Wettergefahren zu schützen.

Aktuelle Nachrichten