Nagel, Seife und Zaun

Der 34jährige Jan Wagner bekam als erster Lyriker den Preis der Leipziger Buchmesse. Damit wurde ein bildermächtiger, formvirtuoser Könner mit frappierenden Botschaften geehrt.

Rainer Stöckli
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Jan Wagner Lyriker, Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse (Bild: dpa)

Jan Wagner Lyriker, Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse (Bild: dpa)

Wie fängt ein Lyriker mit Jahrgang 1971 an, wenn er 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse erhält, weil seine Dreizeiler über Regentonnen scheint's alle Erzählprosa übertreffen? Das Bemerkenswerte ist freilich nicht die Preisvergabe, sondern dass da einer nicht schon mit zwanzig sich ins Gefecht um Aufmerksamkeit begeben hat, vielmehr ein Jahrzehnt lang Weltpoesie sichtet und sortiert, bevor er – mit dreissig – seinen Erstling veröffentlicht.

Artistische Stillleben

Bis 2001 hat Jan Wagner sich Zeit gegönnt, aus dem Englischen zu übersetzen und Anthologien zuerst internationaler, dann deutschsprachiger Lyrik herauszubringen. Ob von solcher Umsicht herrührt, dass der kundig gewordene und breitest- vernetzte Herausgeber die eigenen Gedichtbände betitelt wie selten ein Autor? «Probebohrung», «Pasteten», «Australien» und jüngst «Regentonnenvariationen» lauten seine bald hochgreifenden, bald tiefschürfenden Überschriften. Die Bände reihen von Anfang an eminent gekonnte Texte – sammeln nicht Alltagslyrik und gerade nicht Dinggedichte nach engem Verständnis. Zwar lesen wir über Fenchel, Melonen und Kunstblumen, aber nicht Schnappschüsse, Skizzen, Kurzporträts, vielmehr Artistisches in der Stillage von Studioaufnahmen oder Stillleben, bildermächtig und formvirtuos. Wagner ist ein Meister der verschleppten Metapher.

2001 erschien seine «Probebohrung im Himmel». Man möchte erschrecken, falls die Bohrung in Himmels Zelt hinein geschähe oder durch Himmelsluft hindurch gerichtet wär'. Davon ist aber nicht die Rede. Es bohren Windräder am Horizont! Wir gewahren im Titelgedicht, in neun Zeilen in drei Abschnitten, ihr Drehen von unten, Perspektive vom Bahntrassee aus; wir haben haltgemacht auf der Strecke Hamburg–Berlin, harren auf paarig erdkugelumlaufenden Eisenschienen, bis der Zug weiterfährt. Im Blick Dorf, Baumgruppe, Felder. In der Ferne zwei Windräder. Solange sie bohren, hält Gott den Atem an.

Der Kunde als Museumsstück

Künstlichere Gebilde liest man kurz davor, kurz danach – eine streng gebaute Villanelle, ansatzweise Terzinen oder «schmutzige Reime» (schliefen/tiefe; zwitscherte/plätscherte). Sowohl der Formwille frappiert als auch die Botschaften. Etwa die vom Herbst als Phase im Jahreskreis, wo den Tagen das Licht ausgeht. Oder der Bericht Coiffeurgeschäft, wo der Kunde ein Museumsstück ist, der Spiegel unerbittlich, die Schere eine Zwitschererin, die Haarpracht innert Sekunden nur mehr ein Wisch von Flusen...

Widmet man sich den «Regentonnenvariationen» von 2014, mit denen Wagner den Preis gewann, so sitzt man beeindruckt und doch gelassen. Denn zweierlei leuchtet allmählich ein: Wer seine Texte reihum Volker Braun, Ludwig Hartinger, Reiner Kunze, Ursula Peters, Ron Winkler zueignet, gehört wohl in die erste Liga. Und wer alle fünf Jahre von Hamburg und Berlin aus in Anthologien den Horizont zeitgenössischen Gedichtschaffens ausleuchtet – inbegriffen Bern, Brig, den Aargau, Zürich –, dem begegnen Mitteleuropas Themen, Sageweisen und Experimente zuhauf.

Doch zeigt sich, dass Wagners Lyrik nicht einzigartig ist. Kollegen wie Michael Donhauser (geboren 1956) oder Thomas Rosenlöcher (geboren 1947) bieten Prosaisches literarisch höchstwertig, wie Wagners grandiose, aber nicht unvergleichliche Hinwendung zu Tümmlern und Maulbeeren, Einlassung auf Eule und Blutbuche, Beschäftigung mit Schlehen und Fischotter.

Jan Wagner: Regentonnenvariationen, Hanser Berlin 2014, Fr. 24.90

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