Rentenalter
«Nach sechs Strickpullis musste etwas geschehen» – Au-pair mit 67 Jahren

Lotti Frauenknecht ging nach ihrer Pensionierung für drei Monate als Au-pair zu einer Familie nach Südfrankreich. Das Gefühl, «wieder gebraucht zu werden» beflügelte sie. Vielleicht sucht sie sich gar nochmals einen Einsatz als Au-pair.

Rita Torcasso
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Gruppenbild mit Granny-Au-pair: (v. l.) Lotti Frauenknecht, Siegfried Wendling mit den Kindern Maxime, Marielle, Eileen und Julien

Gruppenbild mit Granny-Au-pair: (v. l.) Lotti Frauenknecht, Siegfried Wendling mit den Kindern Maxime, Marielle, Eileen und Julien

HO/RT

Au-pair im Rentenalter

www.granny-aupair.com vermittelt seit 2010 Au-pairs 60+. Mitgliedschaft für Au-pairs und Gastfamilien ab 30 Euro/Monat.

Buch zum Thema: Michaela Hansen, Eva Goris, Als Granny Aupair in die Welt, dtv premium, 2013.

Der erste Kontakt mit der Gastfamilie lief über die Granny-Agentur. «Wir fanden rasch zueinander und verstanden uns bereits am Telefon gut», erzählt Lotti Frauenknecht.

Im Sommer 2013 war es so weit: Die 67-Jährige reiste mit dem Zug nach Aspiran in Südfrankreich. Als Au-pair betreute sie die Kinder und arbeitete im Grosshaushalt mit. Sie zählt auf: «Die Kinder von der Schule abholen, Aufgaben überwachen, Waschen, Bügeln, Nähen, Brotbacken, Marmelade-Einkochen, Tiere-Füttern.»

Mit den Gästen in den Ferienhäusern, welche die Familie vermietet, wuchs die Kinderschar zeitenweise auf zehn Kinder an. «Mir gefällt es, wenn viel läuft», bemerkt die quirlige Rentnerin, die selber Grossmutter von vier Enkelkindern ist. Bis 65 hatte sie als Telefonistin gearbeitet, ihre drei Kinder zog sie weitgehend als Alleinerziehende auf.

Geschätzte Lebenserfahrung

Für ihren Einsatz als Au-pair erhielt sie Kost und Logis, jedoch keinen Lohn. «Doch die Gastgeberin sorgte dafür, dass ich auch von der Gegend etwas sah.» Einige Male machte sie mit der Seniorengruppe des Ortes Ausflüge. Dann verstauchte sie sich einen Fuss – und wurde von der Familie rührend umsorgt.

Im November kam sie in die Schweiz zurück. In der gemütlichen Stube des alten Bauernhauses in Thunstetten zeigt sie das Fotoalbum, das sie als Abschiedsgeschenk erhalten hatte, und schwärmt von der Landschaft um Aspiran. «Doch das Schönste für mich war, dass ich bald ganz selbstverständlich zur Familie und ihrem Freundeskreis gehörte», erklärt sie. «Und meine Lebenserfahrung wurde sehr geschätzt.»

Ein Gast, aber kein Tourist

Die Agentur Granny Aupair wurde 2010 von der Hamburgerin Michaela Hansen gegründet, die mit 52 schon selber vier Enkelkinder hat. «Das Besondere am Angebot ist das Gastprinzip, für die Einsätze verdient man in der Regel kein Geld», erklärt sie die Idee.

Dafür ist man als Au-pair eine Art Gast, der in erster Linie die Kinder betreut, und nicht als Putzhilfe angestellt. In drei Jahren vermittelte sie rund 500 Leih-Omas, 50 von ihnen kamen aus der Schweiz. Die Au-pair sucht sich auf der Internet-Plattform eine passende Familie und organisiert den Aufenthalt selber. Hansen und ihr Team überprüfen die Gastfamilien und helfen bei Schwierigkeiten. «Und wenn Grannys zu euphorisch an die Sache herangehen, werden sie von uns auf den Boden der Realität zurückgeholt», erklärt Jansen. «Es ist klar: als Au-pair geht man eine Verpflichtung mit geregelten Einsatzzeiten ein, man ist nicht als Touristin im Land.»

«Wieder gebraucht zu werden»

Den Au-pairs im Rentenalter steht buchstäblich die ganze Welt offen, denn Gastfamilien aus allen Kontinenten inserieren. Neben Kinderbetreuung sind auch soziale Einsätze im Angebot. Die Au-pairs bleiben meist drei bis sechs Monate.

Kürzlich veröffentlichte Michaela Hansen die Erfahrungen von 14 Seniorinnen als Buch, die jüngste ging mit 60 nach China, zwei waren mit 72 in Kanada und Argentinien, ein Bericht handelt von einem gescheiterten Einsatz.

Etwa jede zehnte Au-pair bricht ihren Aufenthalt ab, weil es zwischenmenschlich nicht stimmt, sie sich ausgenützt vorkommt oder Heimweh hat. «Es baucht Flexibilität und Anpassungswille, Toleranz und ein gewisses Mass an Selbstbewusstsein, damit es funktioniert», betont Hansen. Meist melden sich die Au-pairs nach dem Aufenthalt nochmals bei ihr. «Fast immer sprechen sie dabei das gute Gefühl an, wieder wahrgenommen und gebraucht zu werden.»

Auch Lotti Frauenknecht betont, dass sie von den drei Monaten als Aupair viel profitiert habe. Durch das Leben mit der Gastfamilie sei sie selber aufgeschlossener und offener geworden. «Ich habe dort so viele Leute kennen gelernt wie vorher hier im Oberaargau nie.»

Diesen Sommer geht sie nach Aspiran zu einem befreundeten Ehepaar ihrer Gastfamilie in die Ferien. Vielleicht suche sie danach nochmals einen Einsatz als Au-pair. Mit Nachdruck betont die Rentnerin: «Es ist mir wichtig, eine Aufgabe zu haben.»

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