Nach Lockerung in Wien: «Ich bin heute eine Stunde angestanden für ein bisschen Stoff»

Österreich lockerte am Dienstag die Massnahmen, kleinere Läden dürfen wieder geöffnet haben. Helen Galliker (29) lebt seit knapp fünf Jahren in Wien und erzählt, wie sich der erste Einkauf im Textilladen angefühlt hat und wie die Masken das Social Distancing beeinflussen.

Jara Helmi/watson.ch
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In Österreich begann am Dienstag die schrittweise Lockerung der Massnahmen. Die 29-jährige Helen Galliker lebt in Wien und erzählt im Interview von ihrem neuen Alltag. (Bild: ZVG / Montage Watson)

In Österreich begann am Dienstag die schrittweise Lockerung der Massnahmen. Die 29-jährige Helen Galliker lebt in Wien und erzählt im Interview von ihrem neuen Alltag. (Bild: ZVG / Montage Watson)

Helen, diese Woche wurden die Massnahmen gelockert. Wie geht es dir?

Helen Galliker: Es geht mir ziemlich gut. Zwar kann ich im Moment nicht arbeiten, weil ich in der Gastronomie tätig bin aber diese Pause geniesse ich mittlerweile. Jetzt gerade sitze ich an der Sonne und das fühlt sich schon wie Luxus an. In Wien haben, anders als in der Schweiz, die wenigsten Leute einen Balkon, die letzten Wochen hatten die Wiener also wirklich mehrheitlich drinnen verbracht.

In Österreich galten vor der Lockerung noch härtere Massnahmen: Keine Take-Aways, beschränkter Zugang zum ÖV. Kam die Lockerung überraschend?

Ja ziemlich. Ich dachte mir: «Okay, was passiert denn jetzt? Warum wird so schnell wieder gelockert?» Ich habe eher damit gerechnet, dass die Schweiz die Läden zuerst wieder öffnet. Aber wie du sagst, in Österreich gab es noch mehr Massnahmen und gleichzeitig hatten wir weniger Todesfälle.

Hat man nicht Angst vor einem weiteren Ausbruch?

Ich bin immer noch skeptisch. Hingegen ist es auch schön, dass wieder ein wenig Normalität einkehrt. Viele aus meinem Umfeld rechnen jedoch mit einer zweiten Welle. Es wäre sehr hart, wenn die Läden nach dieser Öffnung wieder schliessen müssten. Aber zuletzt kann man nicht viel machen und muss es so nehmen, wie es ist.

Heute Morgen bist du das erste Mal wieder in einen anderen Laden, als einen Lebensmittelladen gegangen. Wie war das?

Um neun Uhr bin ich los zum Textil Müller. Das ist ein grösserer Stoffladen. Ich wollte mir Stoffe und Gummizug besorgen, um selber Masken zu nähen. Vor dem Laden hatte es eine ca. 20 Meter lange Schlange und ich bin über eine Stunde angestanden. Die Leute verhielten sich trotzdem ruhig. Auch in diesem Laden galt Maskenpflicht und die Leute haben sich vor allem auf die Gummizüge gestürzt – sie hatten wohl dasselbe vor, wie ich. Doch der Laden hat gut vorgesorgt und solche Dinge prominent platziert.

Vor dem Stoffladen bildete sich eine über 20 Meter lange Schlange. Viele tragen auch auf der Strasse Masken. (Bild: ZVG/watson.ch)

Vor dem Stoffladen bildete sich eine über 20 Meter lange Schlange. Viele tragen auch auf der Strasse Masken. (Bild: ZVG/watson.ch)

Werden Stoffmasken überhaupt toleriert? Der Schutz ist ja nicht garantiert.

Ja, sie gelten auch als Masken. Man sieht auch viele, die sich nur den Schal umbinden.

Ausser sich selber eine zu nähen, wo kriegt man noch Masken?

Zuerst wurden sie in den Läden zur Verfügung gestellt. Mittlerweile kosten sie an vielen Orten etwas. Die meisten Leute haben die Einweg-Masken behalten und benutzen nun diese weiterhin, um einkaufen zu gehen. Es gibt natürlich auch Luxus-Editionen von Designern oder anderen Herstellern, die bis zu 60 Euro pro Stück kosten.

Auf dem Bild, das du geschickt hast, tragen die meisten bereits auf der Strasse eine Maske. Laufen nun die Leute auch ausserhalb der Läden mit Masken rum?

Nicht alle, ich würde sagen, etwa die Hälfte. Viele haben sie unter dem Kinn oder auf der Stirn und ziehen sie erst im Laden wieder richtig an. Ich trage auf der Strasse keine Maske.

Nicht nur Masken, auch Einkaufswagen sind in den Läden (mit Einkaufswagen) Pflicht. (Bild: ZVG/watson.ch)

Nicht nur Masken, auch Einkaufswagen sind in den Läden (mit Einkaufswagen) Pflicht. (Bild: ZVG/watson.ch)

Ist es nicht komisch, wenn das Stadtbild jetzt von diesen Masken geprägt ist?

Man gewöhnt sich schnell daran. Ich finde es eher lustig zu beobachten, welche verschiedenen Modelle die Leute tragen. Mittlerweile gibt es Masken mit lustigen Aufschriften. Ich habe auf die Masken für meine Mitbewohner ein Smiley eingestickt, das ist witzig.

Den Schutzmasken wird ja auch immer eine falsche Sicherheit nachgesagt. Wird das Social Distancing nun vernachlässigt?

Bis jetzt habe ich das noch nicht erlebt. Die Leute halten noch immer Abstand. In den Einkaufsläden gilt eine Wägelipflicht, um die Kontrolle besser zu halten und auch den Abstand. Auch auf den Strassen halten es die Menschen weiterhin ein. Was ich merke ist, dass sich die Menschen eher wieder in Gruppen (bis fünf Personen) mit Abstand treffen. Das war vorher nicht der Fall. Aber die Polizei ist sehr streng. Wer sich nicht an die Maskenpflicht in den Läden hält, bezahlt 25 Euro Busse.

Ich will dich nicht mehr länger vom Masken-Nähen abhalten. Wie schaust du den nächsten Wochen entgegen, denkst du, du musst auch bald mit Maske an die Arbeit zurückkehren?

Tatsächlich haben wir vom Café uns das gestern in einem Video-Treffen gefragt. Ab Mitte Mai sollen die Gastronomiebetriebe wieder geöffnet werden, allerdings nur mit eingeschränkten Öffnungszeiten. Und wir denken, dass wir dann, wie jetzt das Verkaufspersonal, auch während der ganzen Schicht eine Maske tragen müssen. Abgesehen von der Öffnung des Cafés, hoffe ich vor allem, dass ich bald wieder meine Weiterbildungskurse besuchen und meine Prüfungen im Sommer absolvieren kann.