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Nach der WC-Pause packt man das Leben wieder: Das WC – der Ort der (zu?) grossen Stille

Die Toilette vergrössert unser Glück, weil wir ihm erst dort bewusst werden. Sie dämpft den Kummer, weil wir erst dort losheulen. Sie ist die dringend benötigte Pause in einem Leben voller To-do-Listen.
Sabine Kuster
Keine Ruhe auf der Toilette: Weil wir die Stille nicht mehr aushalten. Bild: Getty

Keine Ruhe auf der Toilette: Weil wir die Stille nicht mehr aushalten. Bild: Getty

Der Bass ist plötzlich leise. Der Raum hell, an den Wänden Kacheln und hingekritzelte Unhöflichkeiten. Man setzt sich, stützt die Ellenbogen auf die Oberschenkel, schaut zu Boden. Die Ohren rauschen. Eine Pause von voraussichtlich drei Minuten. Solange dauert hier der durchschnittliche Aufenthalt.

Während guten Partys ist die Pause kürzer. Es gilt, möglichst keinen Moment auf der anderen Seite der Kabinentür zu verpassen. Von diesem kostbaren Abend. Intensiv, einmalig, grossartig. Und doch ist der Gang hierhin wichtig. Für den Organismus natürlich, das primitive Bedürfnis hat uns hin getrieben. Aber noch wichtiger ist der Ort, weil erst da bewusst wird, was wir gerade erleben. Für drei Minuten kommen wir zu uns selber. Auch wenn draussen grad keine Party ist.

Die minimal 1,2 Quadratmeter können auch Zwischenhalt während eines Dates sein. Man atmet durch. Entscheidet, ob man das Date noch mal sehen will. Oder besser nicht.

Wir brauchen diesen raren geistigen Freiraum

Einer, dessen Spezialgebiet geistige Freiräume sind, sagt: «Wir brauchen Distanz zu unseren Handlungen.» Bernd Hufnagl ist Neurobiologe in Wien. Er präzisiert:

«Wir müssen, um langfristig zufrieden und leistungsfähig sein zu können, immer wieder die Gelegenheit haben, um uns zu fragen: Was mache ich da eigentlich?»

Hufnagl setzt sich ein für Tagträume, wie er sie nennt, oder: den Default-Modus unseres Gehirns. Der Nutzen ist wissenschaftlich erwiesen: Beim Nichtstun beginnt das Gehirn sich mit sich selbst zu beschäftigen, sortiert Gedanken, es wächst Kreativität, es entstehen gute Ideen. Eine Autofahrt, eine Strecke zu Fuss, die paar Minuten vor dem Einschlafen, ein Schaumbad, das Klo: Es ist kein Zufall, dass wir uns just in diesen Momenten an Vergessenes erinnern und Geistesblitze haben.

Steril und blitzsauber, ein öffentliches WC am Bahnhof Islikon. (Bild: Donato Caspari)

Steril und blitzsauber, ein öffentliches WC am Bahnhof Islikon. (Bild: Donato Caspari)

Ausserdem fällen wir nach einer Pause die besseren Entscheidungen – weniger emotionale. «Ohne Pausen wird man undifferenziert und nutzt seine Vernunft nicht», sagt Hufnagl.

Nach der WC-Pause packt man das Leben wieder

Sie ist in jedem Haus, also Rückzugsort in allen Lebenslagen. Die Toilette ist der letzte sichere Ort vor einem Bewerbungsgespräch, vor einem Vortrag, einer Aufführung. Und der erste friedliche nach einem Streit.

Wer hat mit dem Papier von der Rolle nicht schon Tränen weggeputzt? Wer hat mit dem Geräusch der Spülung nicht schon eine Portion Ärger verschwinden lassen. Wer ist danach nicht vor dem Spiegel gestanden, hat in dieses Gesicht mit den geröteten Augen geschaut und gedacht: «Da bin ich ja. Trotz allem.» Man zupft an der Bluse, am Hemd – und drückt die Tür wieder auf.

Es geht hier aber nicht nur um filmreife Szenen mit Drama. Es geht um unser menschliches Bedürfnis nach Zwischenhalten. Und diesen Ort, der sie ermöglicht. Man könnte sich auch regelmässig auf eine Parkbank setzen. Aber wer tut das wirklich?

«Ohne Pausen sinkt die Leistungsfähigkeit», sagt Larissa Hauser, Co-Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Arbeits- und Organisationspsychologie. «Der Mensch kann nicht acht Stunden am Tag konzentriert produktiv sein – auch nicht mit einer Stunde Mittagspause und je einer Viertelstunde Pause am Morgen und Nachmittag. So funktionieren wir nicht.» Es brauche den Gang zur Kaffeemaschine, zum Drucker – und eben zur Toilette. Auch aus gesundheitlichen Gründen: «Es entlastet den Rücken und entspannt den Nacken», so Hauser.

«Der Mensch sucht diese Minipausen.»

Bloss sind sie nicht überall gern gesehen. Aber die Toilette kann einem kein Chef verbieten. Das hat zur Folge, dass wir dort oft mehr Zeit verbringen, als fürs Geschäft nötig wäre. – Aber das pure Nichtstun ertragen wir nicht mehr. Wir erholen uns mit Ablenkung, mit dem Blick aufs Smartphone.

Comic-Heftli, Porno schauen – Hauptsache, es entspannt

Sexualtherapeutin Heike Melzer sagte kürzlich gegenüber dieser Zeitung: «Ich bin sicher, dass die Menschen heute deutlich mehr Zeit auf der Toilette verbringen als früher, und dies liegt nicht daran, dass die Magen-Darm-Erkrankungen zugenommen haben.» Es sei durchaus gängig, sich in der Pause einen runterzuholen zur Entspannung, und dazu werde das Smartphone genutzt. Bloss: Ist das schlimm? Auf dem WC wird schon lange gelesen. Schon immer doppelt entspannt. Playboy-Hefte sind da zu finden und Comics. Seichte Unterhaltung halt. Alexander Kira vertrat 1976 in der zweiten Auflage des Buches «The Bathroom» schon die These, dass Lesen für viele erst zur Entspannung führe, die nötig sei, um das Geschäft verrichten zu können.

Allerdings verwies er aber auch darauf, dass konzentriertes Multitasking, zum Beispiel gleichzeitiges Schminken, den Prozess verlangsame. Auch telefonieren entspannt nicht. Hufnagel sagt, neben ihm im Pissoir stünden regelmässig Männer und würden telefonieren, einhändig. Und in Telefongesprächen mit Frauen höre er ab und zu im Hintergrund die Klospülung. Die Arbeit wird auf der Toilette fortgesetzt. Mit der Erfindung des Smartphones 2007 wurde das noch extremer.

Die meisten halten es mit sich selber nicht mehr aus

Neurobiologe Bernd Hufnagl führt seit 2004 immer wieder das selbe Experiment durch: Berufstätige Menschen werden ans EKG angeschlossen, das die Herzströme misst, dann angewiesen aus dem Fenster zu schauen und für fünf Minuten alleine gelassen. Gemessen wird, ob eine Entspannungsreaktion eintritt. 2004 entspannten sich immerhin 30 Prozent der Versuchsteilnehmer. Letztes Jahr zeigten eine Entspannungsreaktion: fünf Prozent.

«Das heisst», sagt Hufnagl,

«95 Prozent der Menschen sind heute mit sich alleine, ohne Smartphone und Tablet, gestresst, weil sie die Langeweile nicht ertragen. Wir empfinden es als ineffizient, wenn wir uns nicht beschäftigen können.»

Stattdessen denken wir zielgerichtet und lassen unsere Gedanken nicht schweifen. Wir werden dadurch betriebsblind. «Wir erkennen nicht mehr, was uns gut tut, wenn wir uns nur mit To-do-Listen beschäftigen», sagt Hufnagl. «Oder wenn wir ständig wischen und drücken.» Ohne Tagträume seien wir gar weniger empathisch, ist der Forscher überzeugt: «Gehetzte sind nicht empathisch. Sie werden egoistisch.»

Ungemütlicher Ort mit laminierten Ermahnungen

Bloss: Ist es unsere Schuld, dass wir uns auf dem Klo versuchen abzulenken? Die meisten WCs sind – jedenfalls hierzulande – keine Entspannungsorte. Kahl, funktional, grell und im schlimmsten Fall in blaues Anti-Fixer-Licht getaucht. Oder geradezu Angst-Orte: Wie die alten Zug-Toiletten, wo man bei offenem Deckel das Bahn-Trasse vorbeirasen sah, als wärs das eigene Leben.

Dabei ist die Hygiene auf dem WC längst kein Problem mehr. Josiane Imhasly findet im Gegenteil, wir würden es dort übertreiben mit unserer eigentlich bereits abstrakten Angst vor Keimen. Imhasly ist Kuratorin einer Ausstellung über Toiletten, welche diesen Sommer in der Alten Fabrik in Rapperswil zu sehen war. Gleich eingangs stand da: ein gehäkelter WC-Rollen-Hut. Der uralte Versuch, etwas Wärme an diesen Ort zu bringen.

Dabei ist jede Toilette, selbst das Bahnhof-WC, im Grunde ein beseelter Ort. Den weissen Plättchen, gekritzelten Unhöflichkeiten oder laminierte Reinlichkeits-Ermahnungen zum Trotz. Beseelt von den Menschen, die sich dort sich geschminkt haben, ihren Blutzucker gemessen, über einen Schwangerschaftstest gepinkelt, einen Pickel ausgedrückt, einen Schuss gesetzt, eine Linie gezogen, ein Kind gestillt, geheult, gekotzt, masturbiert, menstruiert, meditiert.

Das Privateste. Nur die WC-Bürste hat’s gesehen. Und schweigt.

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