Nach der grossen Flut

Wasser Vor fünf Jahren tötete der Tsunami in Aceh 170 000 Menschen. Eine halbe Million Leute wurden obdachlos. Wie hat die Katastrophe, wie hat der Wiederaufbau Aceh und seine Gesellschaft verändert? Ein Augenschein im westlichsten Zipfel des indonesischen Inselreiches, das 2004 von der Flutkatastrophe am schlimmsten getroffen worden ist. Peter Jaeggi

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In Lampulo, einem Vorort von Banda Aceh, sitzt seit der Tsunami-Katastrophe ein 40 Meter langes Fischerboot auf den zerstörten Wohnhäusern. (Bild: PJ)

In Lampulo, einem Vorort von Banda Aceh, sitzt seit der Tsunami-Katastrophe ein 40 Meter langes Fischerboot auf den zerstörten Wohnhäusern. (Bild: PJ)

In Banda Aceh kam am 26. Dezember 2004 die grosse Flut und tötete 170 000 Menschen. Heute sitzt in Lampulo, einem Vorort von Banda Aceh, ein vierzig Meter langes Fischerboot auf den zerstörten Dächern von Wohnhäusern. An Bord waren damals 59 Fischer – alle überlebten. Zusammen mit dem spektakulären Tsunami-Museum mit seinen Wasserspielen und einer Gedenkhalle für die vielen Toten preist das Tourismusministerium das Schiff als besondere Sehenswürdigkeit an.

Wer sie sehen und hören will, dem begegnen auch fünf Jahre danach überall Nachwirkungen jenes Dezembertages. Muzakkir, Vorsteher des Amtes für Primarschulen der Stadt Banda Aceh, erzählt, wie ihm der Tsunami seine Frau und seine drei Kinder entriss, wie sein Haus völlig zerstört und wie er erst nach drei Tagen schwer verwundet gefunden wurde.

Der Tsunami löste eine weltweite Solidaritätswelle aus. Das gewaltige Engagement hat innere und äussere Spuren hinterlassen. So ist die Hauptstadt Banda Aceh nach dem Tsunami zu einer modernen Hochglanz-Kapitale geworden. Mit derart vielen neuen Häusern und Infrastrukturen, Villen und in den Strassen auffällig vielen Offroaders wie in keiner anderen indonesischen Provinz.

Politisches Erdbeben

Eine grundlegende Veränderung hat der Tsunami in der politischen Landschaft gebracht. Dazu Adnan, einer der vier Senatoren Acehs: «Der Tsunami brachte uns riesige politische Umwälzungen, vor allem den Frieden nach 30 Jahren Bürgerkrieg. Darüber sind wir sehr glücklich. Vor dem Tsunami bewegte sich der Friedensprozess kaum.» Acht Monate nach der Katastrophe wurde das Friedensabkommen zwischen der Regierung von Aceh und der bewaffneten «Bewegung Freies Aceh», der GAM, in Helsinki unterzeichnet.

Vieles ist noch ungelöst. Zum Beispiel ist die Wahrheitsfindungs-Kommission, die nach südafrikanischem Vorbild Täter und Opfer der Bürgerkrieg- Gräueltaten versöhnen soll, bisher nicht zustande gekommen. Senator Adnan beklagt sich zudem über die ungerechte Verteilung von Staatseinnahmen. Aceh ist reich an Bodenschätzen. Erdöl, Erdgas, Eisen und Gold. Als Teil des Friedensabkommens sollten 70 Prozent des Erlöses nach Aceh fliessen.

Wenn die Zentralregierung nicht für eine gerechte Verteilung des Reichtums in Aceh sorge und es weiterhin so viele arme Leute auf dem Land gebe wie heute, könnte dies weitere Spannungen erzeugen.

Verändertes Bildungswesen

Grosse Veränderungen sind im Schulbereich auszumachen. Nicht weniger als 1500 Schulen sind gebaut worden.

Muzakkir, der Vorsteher des Amtes für Primarschulen der Stadt Banda Aceh, schwärmt: «Vor dem Tsunami standen nur in vereinzelten Schulen Computer. Heute gibt es dank internationaler Hilfe und auch der Unterstützung des Staates sehr viel mehr und viele haben jetzt auch Internetzugang.»

Manche Schulanlage in der Stadt Banda Aceh fällt auf durch eine moderne, grosszügige Architektur.

Andere, wie etwa die Inshafuddin-Schule – erbaut vom Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) und zu 80 Prozent von der Glückskette finanziert – haben ein besonderes Gewicht auf Sicherheitsstandards gelegt.

So sind in der Inshafuddin-Schulanlage mit ihren 300 Schülern neuste Erkenntnisse der Erdbebensicherheit umgesetzt worden. Die Anlage ist so gebaut, dass sie bei einem allfälligen nächsten Tsunami quasi als Rettungsinsel dienen kann.

Nicht alle neu erstellten Schulhäuser werden mit Lob überschüttet. Teuku Samsul Bahri von «Eye on Aceh», einer staatskritischen Nichtregierungsorganisation, findet, es wäre besser gewesen, weniger Schulhäuser zu bauen und dafür mehr Geld in die Ausbildung der Lehrkräfte zu investieren. Damit spricht er ein Grundübel an, an dem das Bildungswesen von Aceh in fast allen Bereichen leidet.

Laut einem Weltbank-Report gehört Aceh zu jenen Regionen, in denen Lehrer am häufigsten die Schule schwänzen.

Kluft zwischen Stadt und Land

Die grösste gesellschaftliche Veränderung nach dem Tsunami sei die Landflucht, sagt Hashim Daud, ehemaliger Lehrer und Präsident der privaten Inshafuddin-Schule in Banda Aceh. «Sehr viele Menschen aus den armen Dörfern zogen in die Stadt.» Verändert habe sich auch das Konsumverhalten. Es gebe jetzt viel mehr Autos, man leide an Verkehrsstaus, die vorher unbekannt gewesen seien.

«Da ist sehr viel Geld vorhanden und das Leben ist für uns alle viel teurer geworden. Vor allem die Leute ausländischer Hilfsorganisationen haben mit ihren Dollar-Salären das System durcheinander gebracht.» Die Lebenshaltungskosten in Aceh seien heute sogar höher als in der fernen Metropole Jakarta.

Der Bevölkerung abseits der Tsunami-Regionen geht es trotz Geldströmen kaum besser als früher.

In den letzten dreissig Jahren, während des Bürgerkrieges, sind die Menschen Acehs immer mehr verarmt. Daran hat der Wiederaufbau vor allem auf dem Land kaum etwas verändert. Teuku Samsul Bahri von «Eye on Aceh» sagt: «Nach dem Tsunami stürzte sich alles auf den Wiederaufbau der betroffenen Regionen. Aber da gibt es auch die zerstörten Häuser aus dem Bürgerkrieg. Viele dieser Menschen haben bis heute kein Haus bekommen.»

Er erzählt von einem Dorf, das vom Bürgerkrieg schwer beschädigt wurde und in dessen Nachbarschaft nach dem Tsunami eine völlig neue Siedlung aufgebaut worden sei. Die kaputten Häuser aus dem Bürgerkrieg habe man einfach ignoriert. Das hängt mit der Politik von Hilfswerken zusammen. Wenn die Glückskette und Schweizer Hilfswerke für Tsunamiopfer sammeln, lassen es die Bestimmungen nicht zu, das Geld für andere Notleidende einzusetzen. Wie eben zum Beispiel für Bürgerkriegsopfer.

Wiederaufbau ist zu Ende

Ende dieses Jahres geht die Wiederaufbauphase in Aceh offiziell zu Ende. Viele Nichtregierungsorganisationen bleiben aber für einige Zeit weiter im Land. Darunter das Schweizerische Rote Kreuz und Caritas Schweiz, die noch Projekte am Laufen haben.

2009 – Die Flutwelle und der Wiederaufbau haben die Provinz nachhaltig verändert. In vielen Bereichen zum Positiven, in einigen zum Negativen. Gefragt nach einer Bilanz, antwortet der Rektor der Universität von Aceh, Darni M.

Daud: «Aceh ist seit dem Tsunami das grösste gesellschaftliche und naturwissenschaftliche Laboratorium dieses Planeten.»

Ozeanographische Phänomene, Klimawandel, kulturelle und ökonomischen Einflüsse, politische Veränderungen – all das seien hier spannende Forschungsfelder auf kleinsten Raum. Und: «Aceh ist in einer Übergangsphase in eine bessere Zukunft.

Der Tsunami hat entscheidend mitgeholfen, diesen Prozess zu beschleunigen, nämlich ein Wechsel von einer relativ geschlossenen, ich würde sagen engstirnigen, hin zu einer relativ offenen Gesellschaft.»