Muti mit den Wienern sizilianisch in Luzern

Die Wiener Philharmoniker haben bekanntlich keinen Chef. Und so vertrauen sie sich am Lucerne Festival jeweils einem andern Maestro an. Heuer Riccardo Muti – mit wechselndem Glück.

Mario Gerteis
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Am Schluss der drei Wiener Auftritte stand jenes Werk, das Maestro Muti wohl besonders am Herzen lag: die Sinfonische Suite aus Nino Rotas Musik zu Viscontis «Il gattopardo». Die Verfilmung des Romans von Giuseppe Tomasi di Lampedusa fasst die Wehmut einer in Nostalgie untergehenden sizilianischen Welt.

Das ist jenes Klangklima, das der Ästhet Riccardo Muti liebt. Edles Gleiten, süchtiges Melos, verzücktes Aussingen – all das kann ihm natürlich ein so edles «Instrument» wie das Ensemble der Wiener Philharmoniker schlackenlos bieten. Es braucht Mut, eine ganze Konzerthälfte einem Filmkomponisten zu widmen, der ja so etwas wie (zu Unrecht verdammte!) funktionale Musik verfasst. Denn auch das zweite Rota-Werk, obwohl in Form eines Posaunenkonzertes, verleugnet die Nähe zur deskriptiven Tonkulisse nicht. Manchmal ahnt man die Atmosphäre von «La Strada» – auch zum Fellini-Klassiker hat Rota die Partitur geliefert. Jedenfalls war es perfekte Vorzeigekost für den Engländer Ian Bousfield, der seit einiger Zeit unter den Wiener Philharmonikern sitzt.

Tänzerisches – auch hier mit sizilianischem Bezug – hatte es vor der Pause gegeben. Nämlich jene Ballettmusik, die Giuseppe Verdi in seine Oper «Les Vêpres siciliennes» einfügen musste, weil an der Pariser Oper derlei Einlagen eben obligat waren. Beschworen werden die vier Jahreszeiten, und selbst wenn es kaum Verdis grösster Wurf ist, so sicher ein angenehmes Hörvergnügen. Genau so hat es Muti serviert: als delikates Klangmenu, mal elegant tändelnd, dann zu festlichem Glanz auflaufend. Was nicht zu sehen war, machte der Maestro wett: Zwischendurch liess er die Wiener quasi führungslos die Noten abschnurren, handkehrum verwandelte er sich selber in einen Tänzer mit kleinen Luftsprüngen.

War das Mutis Welt, so war es (zwei Tage zuvor) die 2. Sinfonie Anton Bruckners gewiss nicht. Es ist ja sympathisch, dass die wohl am seltensten gespielte Bruckner-Sinfonie gewählt wurde – ein Stück mit Brüchen, langen Pausen zwischen den Blöcken, aber auch mit frappanten Vorahnungen der späteren Meisterwerke. Unter Mutis Stab blieb es schöngespielte Musik (das können die Wiener ohne Zweifel), ohne klare gestalterische Signale und ohne einhörbares Konzept. Alles hübsch und ziemlich beiläufig.

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