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Kolumne

Mut mit Köpfchen tut gut

«Machen Sie es einmal anders!», schreibt unser Glückskolumnist Sigmar Willi, «jede neue mutige Entscheidung fördert die individuelle Weiterentwicklung.» Zum Beispiel , mutig Dinge wegzulassen.
Sigmar Willi
Das Glück erforschen mit Sigmar Willi. Prof. FHS St.Gallen, Dozent für Persönlichkeitsentwicklung. www.sigmarwilli.ch

Das Glück erforschen mit Sigmar Willi. Prof. FHS St.Gallen, Dozent für Persönlichkeitsentwicklung. www.sigmarwilli.ch

«Alle haben mir zu meinem Mut gratuliert! Dabei habe ich doch nur auf mein Herz gehört und den Antrag meines Freundes angenommen …», sagte meine Tochter vor gut einem Jahr zu mir. Dieses eine Beispiel zeigt, wie gross die Spannweite beim Thema Mut ist. Was den einen scheinbar mühelos gelingt, ist für andere, wenn überhaupt, nur mit grösster Anstrengung möglich.

Mut brauen wir täglich, in unterschiedlicher Dosis

Mut ist in allen möglichen Lebenslagen gefragt: Immer wieder gilt es, wichtige Entscheidungen für die eigene Entwicklung, den Beruf, in Familienthemen oder Partnerschaft zu treffen. Etwas weniger Mut, aber dennoch braucht es, über eine Wiese mit grasenden Kühen zu gehen, eine anspruchsvolle Bergwanderung zu machen oder freihändig Velo zu fahren. Auch sozial intelligente Menschen brauchen viel Mut und Überwindung, um in schwierigen zwischenmensch­lichen Situationen das Gespräch aktiv zu suchen, den anderen auf Unzulänglichkeiten hinzuweisen, den Konflikt in Kauf zu nehmen oder von der eigenen Position abzurücken. Mut brauchen wir, wenn wir genau hinschauen, jeden Tag – wenn auch in unterschiedlicher Dosierung.

Doch was bringt es, wenn man sich auf Herausforderungen einlässt?

Jede neue, mutige Entscheidung erweitert die persönliche Erfahrung und fördert die individuelle Weiterentwicklung. Mut wird in der Positiven Psychologie in die Charakterstärken Authentizität, Tapferkeit, Enthusiasmus und Beharrlichkeit unterteilt. Sie alle dienen dazu, mit Willenskraft Ziele zu erreichen und auf dem Weg dorthin Hindernisse zu überwinden. Umgangssprachlich wird die Tugend Mut häufig mit der Stärke Tapferkeit gleichgesetzt. Das werde ich in dieser Kolumne auch so handhaben.

Vernunft eingeschaltet lassen

Tapferkeit lässt uns wirksam fühlen und korreliert nach ­Studien positiv mit Lebenszufriedenheit. Etwa im gleichen Umfang wie die Stärke Vorsicht. Mut tut folglich nur gut, wenn die Vernunft eingeschaltet bleibt. Tapfer sein heisst, etwas zu riskieren und nicht vor Bedrohung oder Schmerz zurückzuschrecken, Positionen gemäss der eigenen Überzeugung zu beziehen, auch gegen Widerstand.

Tapferkeit bedeutet nicht Draufgängertum, heisst nie, das kognitive Urteilsvermögen oder den gesunden Menschenverstand völlig auszuschalten. Risiko gibt dem Leben Würze, das Schicksal aber zwecks Adrenalinschub immer wieder herauszufordern, wird sich langfristig kaum lohnen. Abgesehen davon, dass jeder Kick sich abnutzt und nach höherer Dosis oder Abstand verlangt.

Wie lässt sich eine gesunde Form von Mut trainieren?

Beginnen Sie an der Bushaltestelle ein Gespräch mit jemand Fremden, steigen Sie am Jahrmarkt wieder einmal in den Autoscooter oder probieren Sie unbekannte Speisen aus. Schon anspruchsvoller ist es, in einer öffentlichen Situation etwas zu sagen, wenn Sie es normalerweise nicht tun. Noch schwieriger ist es, eine unpopuläre Idee gegen Widerstand zu vertreten. Mut trainieren beginnt mit Selbstreflexion. Wollte ich mich so zurückhaltend verhalten? Was gewinne ich, wenn ich mehr riskiere oder mich schneller entscheide? Was kann ich mir in einer nächsten Situation sagen, damit ich tapferer auftrete? Genetisch mutig veranlagte Menschen brauchen weniger Training. Sie sollten eher ihr Urteilsvermögen einschalten, um nicht unnötige Risiken einzugehen. Vorsichtige Menschen sollten sich bei Rückschlägen nicht entmutigen lassen und daran denken:

Als Baby bist du im Schnitt 274-mal hingefallen und musstest 275-mal wieder aufstehen, bevor du laufen konntest!

«Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende»

Eine spezielle Form von Tapferkeit erscheint mir in der heutigen temporeichen und multioptionalen Welt der Mut zur Lücke. In ihm sehe ich, nebst dem Aufbau grösstmöglicher sozialer Kompetenzen, die wichtigste Antwort auf die kommenden Herausforderungen der digitalen Transformation. Wollen wir immer mit allem Schritt halten, auf dem neusten Wissens- und Technologiestand sein, all die Wahl- und Wachstumsmöglichkeiten nutzen, dann kann das nur zur Überforderung führen. Sich bewusst entscheiden, das Smartphone länger auszuschalten, nur jeden zweiten Tag Zeitung zu lesen, statt Konzert, Party oder Ausstellung nur auf dem Sofa rumhängen – das lässt einen entspannter in die Zukunft blicken. Wer mutig Dinge weglässt, wird feststellen, gar nicht so viel verpasst zu haben, und wird auch trotz Wissenslücken ein spannender Gesprächspartner bleiben.

«Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende», sprach der griechische Philosoph Demokrit. Das nehme ich mir zu Herzen und werde diesen Sommer, nach sehr vielen Jahren, wieder aufs Motorrad steigen. Herausforderungen halten wach, agil und jung – was ist Ihr nächstes, mutiges Projekt?

Die Positive Psychologie verarbeitet die Ergebnisse der Glücksforschung. Was macht das gute Leben aus, wie kann es gefördert werden? In dieser Kolumnenreihe geht der Autor Sigmar Willi auf Einzelthemen der Positiven Psychologie ein.

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