Mulugata Wolde, der Hyänenflüsterer von Harar

Wie Donnerschläge zerreissen Mulugata Woldes Rufe die Stille. «Schibo», «Kutu», «Wado». Name um Name schallt in die Nacht hinaus. Wolde ruft weiter. Fünf Minuten, zehn Minuten. Dann taucht, funkelnd wie zwei Sterne, das erste Augenpaar auf.

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Mulugeta Woldes Hyänen. (Bild: M.S.)

Mulugeta Woldes Hyänen. (Bild: M.S.)

Mulugata Wolde, der Hyänenflüsterer von Harar

Wie Donnerschläge zerreissen Mulugata Woldes Rufe die Stille. «Schibo», «Kutu», «Wado». Name um Name schallt in die Nacht hinaus. Wolde ruft weiter. Fünf Minuten, zehn Minuten. Dann taucht, funkelnd wie zwei Sterne, das erste Augenpaar auf. Sekunden später scheint Wolde von einem Sternenmeer umgeben zu sein, Schatten huschen an ihm vorbei, verschwinden in der Dunkelheit, kehren zurück, rücken näher.

Arme wie ein Baumstamm

Endlich gibt der Mond den Blick frei auf das gruselige Schauspiel: Auf den mittlerweile verstummten Wolde, auf den mit Fleisch gefüllten Topf neben ihm und auf das Rudel Hyänen, das die beiden zähnefletschend umkreist.

Wolde ist ein kräftig gebauter Mittvierziger mit Oberarmen wie ein Baumstamm und Nerven aus Drahtseilen.

Aber wenn die Hyänen, die mit ihren gewaltigen Kiefern selbst Elefantenknochen mühelos zermalmen, sich ihm wie einem Stück Aas nähern, ist auch er bis in die Zehenspitzen angespannt.

Keine ungefährliche Arbeit

«Ich habe grossen Respekt vor diesen Tieren», sagt er, nachdem diese den Fleischtopf bis zum letzten Rest geleert haben und nur noch ihr charakteristisches Lachen aus der Ferne zu hören ist. Wolde zeigt auf eine alte Bisswunde an seinem Hals. «Meine Arbeit ist nicht ungefährlich.

Aber ich kenne die Hyänen beim Namen und sie kennen mich. Ich bin wie ein Vater für sie.»

Das allabendliche Füttern der Hyänen von Harar, der grössten Stadt im Osten Äthiopiens, ist ein Brauch, um dessen Ursprung sich eine Vielzahl von Geschichten rankt, die ein Westler ins Reich der Märchen verweisen würde.

Einig sind sich die verschiedenen Erzählungen einzig darin, dass die Hyänen und die Hararis früher im Streit miteinander lagen.

Die Vierbeiner machten tagsüber Jagd auf Kleinkinder und bei Nacht töteten sie Bettler vor den Stadttoren. «Sogar unsere Gräber haben sie auf der Suche nach Knochen umgegraben», sagt Wolde. Ob nun, wie die Imame der Stadt behaupten, Gott selbst einen Vertrag zwischen Menschen und Tieren aushandelte oder, wie Wolde glaubt, eine grosse Hungersnot die verfeindeten Seiten zusammenrücken liess, darüber sind sich die Hararis uneinig. Fest steht, dass die Probleme der Vergangenheit angehören.

Seit die Fleischfresser Abend für Abend gefüttert werden, sei es zu keiner Attacke auf Menschen mehr gekommen.

Jedes Tier hat seine Vorlieben

Wolde, der den weltweit wohl einmaligen Job als Hyänenflüsterer von seinem Vater übernommen hat, durchstreift nachmittags die Metzgereien der Stadt auf der Suche nach Leckerbissen für seine nachtaktiven Freunde.

«Jedes Tier hat seine eigenen Vorlieben: Einige mögen Knochenmark, andere Haut, manche essen am liebsten Kamelfleisch, andere bevorzugen Ziege. Es ist ganz wie bei uns Menschen.»

Hyänen und Geister

Die überlassen ihm das Fleisch zu einem reduzierten Preis. Wolde geniesst dank seiner Arbeit das Ansehen der gesamten Bevölkerung, die Kinder der Stadt wohnen mit einer Mischung aus wohligem Gruseln und ängstlichem Schaudern den Fütterungen bei. «Hararis und Hyänen leben in einer echten Koexistenz», sagt Wolde.

Der Beitrag letzterer beschränkt sich aus Sicht der moslemischen Stadtbewohner dabei bei weitem nicht darauf, dass sie ihren Hunger nicht mehr mit Menschenfleisch stillen. Die Hyänen, sagt ein Imam, töten die Dschinn, böse Geister, vor denen die meisten Einwohner weit mehr Furcht haben als vor jedem noch so gefrässigen Tier. Nach islamischer Glaubensvorstellung sind die Dschinn für Krankheit und Tod, Behinderungen, Missernten und allerlei andere Plagen verantwortlich. «Die Hyänen machen an unserer Stelle Jagd auf die Dschinn», sagt Wolde.

Touristen schauen zu

Geisterglauben hin oder her, die ungewöhnliche Allianz zwischen Tier und Mensch zahlt sich auch ganz trivial aus - in Dollarnoten. Seit einigen Jahren ist die äthiopische Tourismusindustrie auf das ungewöhnliche Spektakel aufmerksam geworden und lotst Reisende aus aller Welt nach Harar, wo diese für eine Gruselstunde mit Wolde und seinen Hyänen tief in die Taschen greifen müssen.

Markus Symank Unser Autor reist quer durch Afrika und berichtet über die Menschen, die er dabei kennenlernt.

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