Mord und Totschlag

Verbrecher Nachts, sagt Ferdinand von Schirach, sei ihm oft langweilig. In solchen Nächten hat der Strafverteidiger angefangen zu schreiben – Stories, die Fallgeschichten aus seiner anwaltlichen Praxis zum Vorbild nehmen. Nun kommt sein zweites Buch auf den Markt – Anlass für ein Gespräch über Verbrechen und Schuld. Julia Kospach

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Der Angeklagte und sein Verteidiger: Nicht nur der Prozess gegen O. J. Simpson (hier mit seinem Verteidiger) rührt an Grundsätzliches. (Bild: ky/Isaac Brekken)

Der Angeklagte und sein Verteidiger: Nicht nur der Prozess gegen O. J. Simpson (hier mit seinem Verteidiger) rührt an Grundsätzliches. (Bild: ky/Isaac Brekken)

Welche Rolle spielt Distanz für einen Strafverteidiger?

Ferdinand von Schirach: Distanz ist für mich das Allerwichtigste. Wenn der Mandant zu nahe ist, verteidigt man ihn schlecht. Man kann nicht emotional verteidigen, so wie man nicht emotional Schach spielen kann.

Sie begegnen Ihren Mandanten in extremen Situationen – oft nachdem ein Mord geschehen ist. Schützt die Distanz vor Aggression?

von Schirach: Aggression ist das eine. Viel häufiger aber ist Traurigkeit.

Sie kommen als Anwalt ins Gefängnis und Ihr Mandant heult. Sie können sich nicht hinsetzen und mit ihm heulen, sondern Sie sagen: Gut, jetzt müssen wir aber arbeiten! Niemand schätzt Verbrüderung. Von einem Anwalt erwartet man, dass er einen ordentlich verteidigt, und nicht, dass er mit einem zusammen heult.

Man wird sicher nicht aus Zufall Strafverteidiger, wo man oft mit Gewaltverbrechern zu tun hat.

von Schirach: Nur im Strafrecht geht es um die Existenz des Menschen. Wenn jemand einen anderen umbringt, steht er an einer Klippe. Als Anwalt lernt man ihn kurz nach dieser extremen Situation kennen. Die Leute sprechen dann anders als wir es jetzt tun. Das fand ich immer interessant. Man muss sich überlegen, wie man sein Leben verbringen will. Ich wollte es nicht mit Aktenbergen in irgendeinem Büro verbringen, sondern sehen, was mit dem Leben passiert.

Und wie verändert einen das selbst?

von Schirach: Man wird mit der Zeit bescheidener.

In den Ansprüchen ans eigene Leben?

von Schirach: Bei den meisten dieser Verbrechen geht es um die Tötung des Intimpartners und damit immer um das, was man so unter den grossen Begriffen Liebe oder Eifersucht verstehen kann. Und es geht auch immer um Geld und Macht. Mit der Zeit sieht man, wie lächerlich das ist und ist dann mit seinem eigenen Leben ganz zufrieden.

Umgekehrt kommt es vor, dass man als Strafverteidiger wie im Fall der Story «Volksfest» aus Ihrem neuen Buch mit einem moralischen Dilemma übrig bleibt: Eine Gruppe verkleideter Musiker vergewaltigt ein Mädchen. Ein unbeteiligter Musiker verständigt zwar anonym die Polizei, verrät aber nicht, wer die Täter sind. Die Täter, unter deren Verteidigern Sie sind, kommen frei.

von Schirach: Das ist schwierig, ja.

Sie schreiben: «Wir wussten, dass wir unsere Unschuld verloren hatten.»

von Schirach: Bei dieser Geschichte geht es um eine Schuld, die wir empfinden und von der wir wissen, dass es eine Schuld ist. Dieses Wissen lernen wir als Kinder, wenn wir normal aufwachsen. Diese Schuld ist das Schreckliche. Aber es ist eine moralische Schuld, die im besten Fall die strafrechtliche trifft, aber nicht mit ihr übereinstimmen muss. Das ist etwas, das man als Strafverteidiger lernen muss.

Und damit hadern Sie nicht?

von Schirach: Würden wir moralische und strafrechtliche Schuld gleichsetzen, kämen wir zu schrecklichen Ergebnissen, weil wir am Schluss Urteile fällen würden aufgrund unseres Empfindens.

Was haben denn der Anwalt und der Schriftsteller Schirach noch gemeinsam, ausser dass der eine dem anderen Stoff fürs Schreiben liefert?

von Schirach: Ein Strafverteidiger ist auch ein Geschichtenerzähler. Er erzählt die Geschichte des Angeklagten.

Sind Sie darin gut?

von Schirach: Ich glaube schon.

Erleben Sie denn auch Stimmungswandel zugunsten des Angeklagten?

von Schirach: Ja. Das ist ein toller Beruf. Es ist immer toll, wenn man jemanden für etwas interessieren kann.

Was genau passiert da?

von Schirach: Sobald der Angeklagten dem Gericht als Mensch entgegentritt, ändert sich das Bild.

Darüber vergisst man aber doch keinen Mord?

von Schirach: Es geht darum, dass man sieht, dass die Dinge nicht so sind wie auf den ersten Blick. Natürlich gibt es Psychopathen. Aber bei ganz normalen Menschen muss man einfach die Geschichte erzählen. Ein Mord kommt nicht aus dem Nichts. Die wenigsten Leute stehen morgens auf und sagen: Oh, schlechtes Wetter, ich begeh' heute mal einen Mord!

Können Sie die Tat des Angeklagten immer nachvollziehen?

von Schirach: Nein. Auch für mich ist ja die Wahrheit ein schwieriges Feld.

Wann hatten Sie die Idee, Geschichten aufzuschreiben?

von Schirach: Die Geschichten in «Verbrechen» waren die allerersten, die ich je geschrieben habe. Mir ist nachts sehr langweilig, und dann habe ich irgendwann einmal angefangen zu schreiben. Ich würde Ihnen gerne eine tollere Geschichte erzählen, aber es gibt keine.

Wie unterscheidet sich für Sie Ihr zweiter Erzählband «Schuld» vom ersten?

von Schirach: Er ist ein ganzes Stück dunkler und wahrscheinlich auch essenzieller als der erste.

Ferdinand von Schirach: Schuld, Piper, München 2010, Fr. 31.90

Ferdinand von Schirach: Schuld, Piper, München 2010, Fr. 31.90

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