Modephänomen
Workwear: Warum plötzlich alle wie Handwerker aussehen wollen

Normalerweise werden Trends in der Stadt geboren, der letzte Schrei in Sachen Freizeitkleider kommt aber vom Land. Und nicht nur Kinder lieben ihn.

Katja Fischer De Santi
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Engelbert Strauss macht Mode für Männer (und Frauen) die anpacken und Sachen machen. Getragen werden die Funktionskleider aber längst nicht mehr nur von Handwerkerinnen und Handwerker.

Engelbert Strauss macht Mode für Männer (und Frauen) die anpacken und Sachen machen. Getragen werden die Funktionskleider aber längst nicht mehr nur von Handwerkerinnen und Handwerker.

Mario Schmolka / Engelbert Strauss

Als mir vor zwei Jahren ein Vater aus der Nachbarschaft erzählte, sein Sohn ziehe nur noch diese eine Hose an, aus ganz grobem Stoff mit zig Taschen, fand ich das amüsant. Der Spleen eines Achtjährigen halt. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen sollte.

Zwei Jahre später kleiden sich auch meine zwei Buben, als ob sie nicht zur Schule und zum Klavierunterricht, sondern auf eine Baustelle fahren würden. Ihr Statussymbol ist eine Handwerkerhose aus «unkaputtbarem» Stoff, mit 14 Taschen und Reissverschlussbelüftung an den hinteren Oberschenkeln. Die Hose ist vom Arbeitskleiderhersteller Engelbert Strauss, und meine Buben sind bei weitem nicht die Einzigen mit diesem Spleen.

Arbeitskleidungsverbot in Kindergärten?

Es soll in Deutschland Kindergärten geben, die ein Strauss-Hosen-Verbot ausgesprochen haben, weil der Druck auf jene, die sich ein Modell für 55 Franken nicht leisten könnten, zu gross geworden sei. Und auch, weil 14 Hosensäcke, die dauernd geöffnet werden wollen, im Morgenkreis zu einiger Unruhe führen.

Das ist der Landbubentraum im Komplettlook, inklusive der Hosen der Hosen.

Das ist der Landbubentraum im Komplettlook, inklusive der Hosen der Hosen.

Bild: Online-Katalog Engelbert Strauss

Engelbert Strauss ist der Karl Lagerfeld der Landbevölkerung

Wenn Sie den Namen Engelbert Strauss jetzt zum ersten Mal hören, dann arbeiten Sie eher in einem Büro als in einer Werkstatt, und auf den Bauernhof fahren Sie nur sonntags, um regionale Erdbeeren zu kaufen. Die hessische Firma aus Biebergemünd produziert Arbeitsbekleidung für alle, die bei der Arbeit auch einmal dreckig werden. Dass man handwerkliche Berufszweige einkleidet, darauf ist man im Familienunternehmen stolz. Hier finden Handwerksprofis von der Unterwäsche bis zu den Leuchtwesten alles, um richtig angezogen noch besser arbeiten zu können. 40 000 Artikel finden sich im Online-Shop.

Nach Übergwändli und Stallhosen mit Landi-Charme sehen die Kleider des deutschen Unternehmens schon lange nicht mehr aus. Im Gegenteil, heute sind die Schnitte körperbetont und modisch, alles auch für Frauen erhält­lich, in zig Grössen und Farben. Das Logo wurde neu designt, schlichter, edler.

Aus einem Familienunternehmen wird ein internationaler Brand

In dritter Generation wird die Firma von der Familie Strauss geführt. Henning und sein Bruder Steffen Strauss haben Anfang des Jahrtausends die Geschäfte übernommen und eine neue Ära eingeläutet. Die Zahl der Mitarbeiter ist von rund 100 auf 1300 gestiegen, der Firmensitz in Biebergemünd ist ein moderner Innovationscampus mit Fitness- und einem Kosmetikstudio, produziert wird in Partnerwerkstätten in Nahost.

Workwear nennt sich ihre Kleidung jetzt. Engelbert Strauss ist nicht mehr nur ein Kleiderhersteller, sondern ein Brand. Einer, den nicht nur Kinder mit Sackmessern in den Taschen cool finden. Das Unternehmen wirbt in Fussballstadien und stattete 2019 die Crew der US-Band Metallica aus. Gerade ist ein landesübergreifender Wettbewerb angelaufen, der Landwirte und Landwirtinnen auffordert, das neue Logo übergross in ihre Felder zu säen und zu mähen – und sie tun es scheinbar gern.

Farmfluencer geben den modischen Ton an

Ein Blick auf Instagram zeigt, dass die fesche Bäuerin, der junge Bauer heute auf dem Traktor Strauss von oben bis unten trägt. Die Lieblingshose meiner Söhne und all ihrer Freunde, die «e.s.motion2020», hat auf Instagram einen eigenen Hashtag und eine riesige Fangemeinde. Feuerwehrleute, Jägerinnen und Förster zeigen sich damit stolz und in gekonnten Modelposen. Eine, die das besonders gut kann, ist die 19-jährige Nadine aka Traktorprinzessin. Nach Eigenbeschrieb Landwirtin aus Leidenschaft mit pinkem Haar und manchmal einem Dachschaden, den sie aber auch selber repariert. Sie hat 25000 Follower und Strauss-Hosen in allen Farben.

Meine Söhne und ihre Freude kennen Traktorprinzessin Nadine (noch) nicht, und sie wissen auch nicht, dass Workwear sowieso wieder einmal gross im Kommen ist. Was in den 1990er-Jahren amerikanische Arbeitsbekleidungshersteller wie Dickies und Carhartt waren, beliebte Antimarken für Skater-Kids und Grunge-Fans, gelingt nun vielleicht dem deutschen Hersteller – vom Übergwändli im Spind zur modischen Streetwear.

Die ehemalige amerikanische Arbeitskleiderhersteller Carhartt ist längst zu einem Streetstyle-Brand geworden. Im Bild die chinesischen Schauspielerin Jelly Lin mit Kappe und Weste der Marke.

Die ehemalige amerikanische Arbeitskleiderhersteller Carhartt ist längst zu einem Streetstyle-Brand geworden. Im Bild die chinesischen Schauspielerin Jelly Lin mit Kappe und Weste der Marke.

Stringer / www.imago-images.de

Der Katalog ist beste Eskapismuslektüre für Büromenschen

Zwar betont Firmeninhaber Henning Strauss in Interviews stets, dass Funktionalität und Beständigkeit die wichtigste Eigenschaft seiner Kollektionen seien, aber blättert man den schwer­gewichtigen Katalog durch, dann wirkt vieles darin lässig und äusserst casual. Der Katalog, der unter der Jungmannschaft gehandelt wird wie ein volles ­Panini-Album, funktioniert auch als Eska­pismus­lektüre für gestresste Büroleute. Auf zig Seiten sieht man wahnsinnig gut aussehende, muskulöse Herren und auch ein paar nicht weniger gut aussehende Damen, wie sie auf Baustellen, auf dem Feld oder im Forst eine gute Figur machen. Immer lächelnd, ein Werkzeug in der Hand, den Tatendrang in den Augen.

Sofort möchte man auch Handwerkerin sein.

Wieder einmal etwas mit den Händen erschaffen und dabei auch so zu­packend gut aussehen.

Die Faszination Workwear funktioniert nicht nur bei Kindern. Die Brüder Strauss spielen gekonnt mit dieser Authenzität. Während Outdoor­mode den Drang verkörpert, hinaus­zugehen und den Zwängen des Alltags zu entfliehen, steht Workwear für die Leidenschaft zum Machen. Alles scheint möglich in solchen Hosen. Das spüren nicht nur sieben­jährige Jungs. Manch ein Büro­mensch steigt nach Feierabend glücklich in seine Arbeiterhose, um ein anderer zu sein, und sei es nur zum Rasenmähen.

Kinder als Miniatur-Landschaftsgärtner verkleidet im Einkaufszentrum

Noch immer finde ich den Anblick meines älteren Sohnes, der lieber liest, als draussen Löcher buddelt, in Arbeiterhosen befremdlich. Aber was soll man dagegen haben, wenn sich das Kind so unmodische wie funktionale Kleidung wünscht? Und seine Style-Vorbilder beim Bauern nebenan und nicht im Internet findet?

Kürzlich sah ich beim Einkaufen einen Sechsjährigen im grünen Engelbert-Strauss-Komplett-Outfit von den Turnschuhen über die Hose bis zur Fleecejacke. Eine Mischung aus Kid-Influencer und Miniatur-Landschaftsgärtner, allzeit bereit, mit dem Bagger ein paar Bäume auszureissen.Das tat er natürlich nicht, er quengelte, am Einkaufswagen hängend, nach Schokolade und klemmte sich selbst fast in der Rolltreppe ein. Seine «e.s.motion 2020 Bundhose» würde auch das heil überstehen.