Mobilität
#MitfahrenLuzern war für ein paar Tage der Hit –warum sitzen wir stets allein im Auto?

Schweizer nutzen Mitfahrzentralen kaum. Dabei wäre das die CO2-neutrale Lösung für verstopfte Strassen. Weshalb funktionieren die Mitfahrbörsen in der Schweiz nicht?

Sabine Kuster
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#MitfahrenLuzern löste auf Twitter eine riesige Bewegung aus.

#MitfahrenLuzern löste auf Twitter eine riesige Bewegung aus.

twitter.com

Es ist eine alte Schweizer Binsenwahrheit: Bleibt der Zug stecken, beginnen die Mitfahrenden miteinander zu reden. Im Zeitalter der sozialen Medien wird auch ausserhalb der Waggons geredet: «Mache mich in ca. 30 min auf den Heimweg von Zürich (Hardplatz) nach Luzern – wer möchte mitfahren? #MitfahrenLuzern», twitterte eine Frau am 24. Mai. «Freie Plätze von Sorsi nach Äbike oder Bueri, ca. 17.00 Uhr», lautete ein anderer Tweet.

Es war die Woche des lahmgelegten Bahnhofs Luzern. Über Nacht entstand auf Twitter ein Mitfahrdienst von und nach Luzern und damit etwas, was in der Schweiz sonst nur harzig funktioniert. Obwohl Mitfahr-Plattformen in den Nachbarländern boomen.

Die Idee zu #MitfahrenLuzern hatte eine Mitarbeiterin von Viasuisse, die auf Radio SRF die Verkehrsmeldungen liest. «Ich fragte die SBB, wie wir helfen könnten, aber sie sagten, wir sollten einfach die Zugsausfälle vermelden», sagt Jessica Ladaine. Dann startete Ladaine mit der Unterstützung von Radio SRF den Aufruf. Zu wie vielen Fahrgemeinschaften es genau kam, lässt sich nicht eruieren, aber: Knapp eine halbe Million User sahen sich #MitfahrenLuzern an, 500 Tweets wurden abgesetzt, 290 User twitterten zum Thema.

Mitfahrgelegenheiten via Twitter suchen, das funktioniert nur in einer überregionalen Notlage. Andernfalls fänden die Tweets kein genug grosses Publikum. Via eine fixe Vermittlungsplattform läuft es in der Schweiz in der Regel aber auch nicht besser: Die Luzerner Mitfahr-Plattform HitchHike besteht seit 2012 und hat doch erst 4000 registrierte Mitglieder. Diese seien aber ausserordentlich regelmässige Nutzer, sagt Mitbegründer und HitchHike-Leiter Jean-François Schnyder. Die Entgleisung im Bahnhof Luzern bescherte HitchHike 400 neue User. «Für uns war das eine Riesenchance», sagt er. «So sind viele Leute zum ersten Mal bei Fremden eingestiegen und haben Vorurteile und Ängste abgebaut.»

Der Schweizer fürchtet, beim Mitfahren Zeit zu verlieren, Flexibilität und er hat Hemmungen, sich neben einen Wildfremden zu setzen und dann reden zu müssen.

Westschweizer machens vor

HitchHike.ch wird von den vier Gründern immer noch nebenberuflich geführt. Etwas besser läuft es in der Westschweiz: Dort hat die Vereinigung e-covoiturage.ch 27 000 registrierte Nutzer. Die Plattform, zu der auch covoiturage-leman.org gehört, entstand bereits 2004 und wächst pro Jahr um 10 Prozent. «Das ist nicht genug», sagt Jean-François Wahlen, der die Vermittlungszentrale als Ein-Mann-Betrieb führt. Er appelliert an die Politik, solche Plattformen endlich besser zu fördern: «Der Ausbau des Strassennetzes kommt den Bund viel teurer zu stehen und die Bahn ist auch überlastet», sagt Wahlen, «ausserdem reduziert das Mitfahren den CO2-Ausstoss deutlich.»

Das Mitfahr-Potenzial wäre jedenfalls da: Laut dem Bundesamt für Statistik sitzen in einem Auto im Berufsverkehr im Durchschnitt nur 1,1 Personen. Doch was sonst ein Mobilitäts-Vorteil ist in der Schweiz, ist fürs Mitfahren ein Nachteil: kurze Strecken. Die Distanzen sind nie so lang, dass sie das Portemonnaie stark belasten, und zudem müssen die Schweizer generell weniger sparen als andere. Auch die vier Landessprachen verkomplizierten das Mitfahren, sagt Jean-François Wahlen.

Kein Wunder, probiert es HitchHike bei den Studenten: Die Plattform hat eine Kooperation mit der Hochschule in Luzern und vermittelt dort langfristige Mitfahrgemeinschaften. Auch Firmen und Gemeinden sind direkte Kunden. Beide haben wegen der heutigen Bauregeln mit beschränktem Parkplatzkontingent im urbanen Gebiet oft ein Interesse daran, dass nicht jeder mit seinem Auto kommt. Dazu sollen Event-Veranstalter ins Boot geholt werden, denn auch dort sind Parkplätze oft knapp: Das Montreux Jazz Festival verweist bereits direkt auf e-covoiturage.ch.

Blablacar hat die Nase vorn

Nur so sieht Jean-François Schnyder eine Chance zu bestehen. «Andere Plattformen hatten in der Schweiz nie richtig Erfolg», sagt er. Das liegt auch an der starken Konkurrenz. Blablacar heisst die französische Mitfahrzentrale, welche Passagiere und Autofahrer inzwischen in 22 Ländern vernetzt. Die Fahrt von Basel nach Zürich kostet auf Blablacar.de rund 7 Euro, Basel–Berlin 50 Euro. Die Plattform ist bis ins Detail ausgearbeitet, man kann nicht nur den Musikgeschmack des Chauffeurs vorab einsehen, sondern auch die Gesprächsfreudigkeit. Die Mitfahrer bezahlen den Chauffeur direkt via Paypal oder Bankkonto. Das Unternehmen beschäftigt laut eigenen Angaben inzwischen über 500 Mitarbeiter und hat vor zwei Jahren die beiden deutschen Plattformen mitfahrgelegenheit.de und mitfahrzentrale.de gekauft. Seither ist Blablacar die Nummer 1 in Europa. Daneben mischen im Schweizer Mitfahrmarkt auch die Plattformen Flinc aus Deutschland und Karzoo aus Luxemburg mit.