Die verbliebenen Coronafälle werden in wenigen Stunden zurückverfolgt: So funktioniert das Contact Tracing in der Schweiz

Funktioniert das Contact Tracing in der Schweiz wirklich? Alles hängt von der Ehrlichkeit der Infizierten ab. Familie und Nachbarschaft sind die hauptsächlichsten Ansteckungsorte. Wie die Viren in die Familien gelangen, ist allerdings schwer ausfindig zu machen.

Bruno Knellwolf
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Das Contact-Tracing-Team in St.Gallen beschäftigt aktuell 20 Mitarbeiter.

Das Contact-Tracing-Team in St.Gallen beschäftigt aktuell 20 Mitarbeiter.

Smartboy10 / Digital Vision Vectors

Eduard Herzog hält den Laborbericht in der Hand: Die Suche kann losgehen nach dem Coronavirus-Infizierten und vor allem nach dessen nahen Kontakten. Herzog leitet die Contact-Tracing-Zentrale des Kantons Aargau «Conti». Mit seiner Arbeit, dem Zurückverfolgen der Ansteckungen, soll verhindert werden, dass aus Einzelfällen eine zweite Welle entsteht.

Auf dem Laborbericht sieht Herzog die Koordinaten der positiv Getesteten. Zuerst nimmt der Contact Tracer Kontakt mit einem Spital oder dem Arzt auf, welcher den Laborbericht in Auftrag gegeben hat. Es muss abgeklärt werden, ob der Infizierte bereits von seiner Ansteckung weiss. Denn die Information darüber, ist nicht Sache des Contact Tracers.

Nach dem Telefon mit dem Hausarzt ist das geklärt und der Contact Tracer ruft den Infizierten direkt an. Er befragt ihn nach seinem Wohnort, seinem Gesundheitszustand, nach Symptomen und danach, ob er bereits in Isolation lebt. Zudem wird er aufgefordert, sein Umfeld über die Situation zu informieren. Danach folgt die entscheidende Frage:

«Mit wem hatten Sie Kontakt?»

In diesem Moment ist der Contact Tracer auf die Ehrlichkeit des Infizierten angewiesen, überprüfen kann der Contact Tracer die Aussagen nicht. Also auch nicht, wenn jemand einen Kontakt aus welchen Gründen auch immer lieber nicht nennen will.

Zahl der Kontaktpersonen ist sehr unterschiedlich

Wenn Herzog die Nummern der gemeldeten Kontaktpersonen hat, werden diese sofort angerufen. Deren Zahl ist unterschiedlich und damit auch die Dauer der Suche, gefunden würden alle, sagt Herzog. Im Aargau wird ein Fall innerhalb eines Tages erledigt. Das ist auch bei Fredy Koller so, der das Contact Tracing des Kantons St.Gallen leitet.

«Das Recherchieren ist abhängig von den exakten Angaben des Patienten und der zeitnahen Erreichbarkeit der Kontaktpersonen. In der Regel dauert die Rückverfolgung inklusive der Kontaktaufnahme maximal eine Stunde nach dem Erstkontakt mit dem Patienten», erklärt Koller, dem in St.Gallen zur Zeit insgesamt 20 Mitarbeiter für das Contact Tracing zur Verfügung stehen.

An einem Tag sind jeweils fünf Tracerinnen im Einsatz, die in St.Gallen alle aus dem Pflegebereich kommen. Im Kanton Zürich arbeiten im Moment noch acht Tracer in der Zentrale am Flughafen Zürich. Im Aargauer «Conti» sind es fünf Tracer in Teilzeitanstellung und drei Zivildienstler.

Erfolgreiche Rückverfolgung

Die Bilanz der Rückverfolgung sei sehr erfreulich, wird an allen drei Standorten erklärt. «Bei rund 90 Prozent aller Fälle war die Rückverfolgung erfolgreich», sagt Koller in St.Gallen. Die positiv getestete Person wird per kantonale Verfügung für zehn Tage in Isolation gesetzt. Und Menschen mit engem Kontakt werden für zehn Tage in Quarantäne geschickt.

Und zwar ab dem Zeitpunkt, an dem die Kontaktperson mit dem Infizierten zusammengetroffen ist. Die Isolation darf nach zehn Tagen nur verlassen werden, wenn die Betroffenen 48 Stunden vor dem Ende keine Symptome zeigen. Werden in Quarantäne Symptome festgestellt, muss diese Person zum Test.

Mit der Kontaktaufnahme sei die Arbeit des Tracers noch nicht abgeschlossen, sagt Herzog. Die Contact Tracer des «Conti» rufen Infizierte und Kontaktpersonen täglich an, um sich nach deren Wohlbefinden zu erkundigen und damit auch Rückschlüsse über weitere Ansteckungsketten ziehen zu können.

Familie, Freunde und Arbeitsplatz

Die Auswertung der Rückverwertung zeigt, dass sich die Ansteckungen in drei Gruppen einteilen lassen: Durch die Familie, durch Freunde und Bekannte sowie am Arbeitsplatz. Gemäss der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich geschieht die Hälfte der Ansteckungen in der Familie, der Rest verteile sich.

Allerdings müssen ja auch Familienmitglieder das Virus irgendwo aufgelesen haben. Den genauen Ursprung herauszufinden, ist schwierig. «Bei neuinfizierten Personen ist der Ansteckungsort kaum erkennbar. Bei einer Inkubationszeit von bis zu zehn Tagen, also der Zeitdauer von der Ansteckung bis zum Auftreten von Symptomen, kann im Nachhinein kaum eruiert werden, wo genau sich eine Person angesteckt hat», sagt die Aargauer Kantonsärztin Yvonne Hummel:

«Anders ist die Situation bei Menschen in Quarantäne. In diesen Fällen ist die Infektionskette gut nachvollziehbar.»

Im Kanton Aargau sind bisher 14 Personen erkrankt, die sich in Quarantäne befunden haben. Diese hätten sich primär in der Familie, am Arbeitsplatz oder bei einem Grillfest angesteckt.

Noch keine Fälle aus ÖV und Sportvereinen

Die vorhin genannten Ansteckungsorte Familie, Arbeitsplatz sowie auch Nachbarschaft sind die häufigsten. Aus Restaurants, dem ÖV oder Sportvereinen sind im Kanton Aargau bis jetzt keine Fälle bekannt. Mit den erfolgten Lockerungsmassnahmen könnten weitere Ansteckungsorte dazu kommen, erklärt Hummel. Dazu gehören sicher auch Protestmärsche.

Im Moment bleiben die Fallzahlen tief und Eduard Herzog hat täglich noch ein bis zwei Fälle zu bearbeiten. Im Kanton Zürich sind aktuell 16 Personen in Isolation und 37 in Quarantäne. Bei solch positiven Zahlen muss angenommen werden, dass die Einhaltung der Hygiene-Massnahmen in der Schweiz immer schwieriger wird.

Beobachtet wird das vom Social Monitoring, welches das Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (WIG) an der dortigen Fachhochschule ZHAW betreibt. Gemäss dem Versorgungsforscher Marc Höglinger, zeigt sich, dass die Bereitschaft keine Besuche zu machen und zu Hause zu bleiben abnimmt, was im Sinne der Lockerungen sei. Bei der zentralen Schutzmassnahme zwei Meter Abstand zu halten, zeige sich in der Analyse nur eine leichte Abnahme nach zwei Monaten des Lockdowns. Der Forscher Marc Höglinger sagt:

«In der grossen Mehrheit halten sich die Leute also immer noch diszipliniert an diese wichtige Schutzmassnahme.»

Die Bereitschaft eine Maske zu tragen, nehme zudem zu. «Im Tessin tut dies mittlerweile rund die Hälfte der Bevölkerung, während es in den anderen Landesteilen maximal ein Viertel sind.» Ein grosser Teil der Leute, schränke sich zudem bezüglich der Mobilität immer noch stark ein. Die Akzeptanz der Schutzmassnahmen sei immer noch gross.