Bosnien-Herzegowina
Mit Tram Nr. 3 in die Vergangenheit: Zu Besuch in der Altstadt Sarajevos

Eine Tramlinie führt von den Teestuben in der osmanisch geprägten Altstadt Sarajevos zum höchsten Gebäude Südosteuropas – und in dunkle Kapitel europäischer Geschichte.

Michael Hug
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Das Viertel «Baščaršija» ist das historische Stadtzentrum von Sarajevo, das im 15. Jahrhundert durch die Osmanen gegründet wurde.
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Heute ist das unbeschwerte Leben zurück in Sarajevos Strassen.
Reise nach Sarajevo
Die Narben des Bosnienkrieges sind noch nicht überall verheilt.
Diese Einschlagstelle einer Granate ist heute ein Mahnmal.

Das Viertel «Baščaršija» ist das historische Stadtzentrum von Sarajevo, das im 15. Jahrhundert durch die Osmanen gegründet wurde.

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Gemächlich ruckelt das alte Tram Nr. 3 in der Mitte der «Ulica Zmaja od Bosne» (Strasse des bosnischen Drachen) Richtung Zentrum. Die Städteplaner der jugoslawischen Ära dachten grosszügig und legten die Hauptverkehrsader gleich sechsspurig an. Heute ist die Metropole Bosnien-Herzegowinas eine der wenigen Hauptstädte Europas, in denen der Verkehr sich während der Rushhours nicht nennenswert staut.

Bei der Planung weiterer Tramlinien aber haben die Stadtväter nach dem Zerfall Jugoslawiens eine Pause eingelegt. Die Linie Nr. 3 ist bis heute die einzige geblieben. Die fast zehn Kilometer lange Strasse und ihr Tramgleis in der Mitte führen einer Aorta gleich vom neuen, stark expandierenden Stadtteil Ilidža im Westen ins Herz Sarajevos, in die Baščaršija.

Berühmte «Sniper Alley»

Zwischen 1992 und 1996 aber stand der Verkehr auf Sarajevos Hauptverkehrsachse still. Gleichzeitig wurde sie weltweit bekannt als «Sniper Alley». Snipers – Heckenschützen der Milizarmee der selbsternannten serbischen Republik in Bosnien – lauerten in den Hügeln rund um die Stadt und schossen auf alles, was sich bewegte. Innert der ersten zwei Jahre verloren Hunderte Zivilisten ihr Leben in der zehn Kilometer langen Todeszone, Tausende wurden verletzt. Im Laufe der Belagerung nahmen die serbischen Geschütze und Granatwerfer auch die Hochhäuser an der «Ulica Zmaja od Bosne» unter Beschuss.

Wenn nachts in einem Fenster Licht brannte, wurde es sofort ins Visier genommen und beschossen. Die dreieinhalbjährige Belagerung Sarajevos forderte nach Schätzungen über 11 000 Tote und 56 000 Verletzte. Im Herbst 1995 erzwang die Nato im Abkommen von Dayton einen Waffenstillstand, am 29. Februar 1996 erklärte die bosnische Regierung die Belagerung ihrer Hauptstadt offiziell für beendet.

Blumen gegen das Vergessen

Die Belagerung oder im Jahr 1914 der Doppelmord am Thronfolgerpaar Österreich-Ungarns: In Sarajevo wurde europäische Geschichte geschrieben. Europa und der Rest der Welt machten dabei keine gute Figur, sie überliessen die Stadt mehr als nur einmal ihrem Schicksal. Nach Sarajevo zu reisen, bedeutet auch, sich mit dieser Vergangenheit zu konfrontieren («Dark Tourism», siehe Kasten).

Erinnerung oder Voyeurismus?

Reisen an Orte des Schreckens der Vergangenheit werden «Dark Tourism», früher auch Katastrophentourismus, genannt. Er beinhaltet historische Plätze von Tod und Tragödien. Der «Dark Tourism» würde oft mit dem erzieherischen Gehalt, der Erinnerung und dem «Nie wieder»-Gedanken gerechtfertigt, schreibt der Tourismusforscher John Lennon von der Glasgow Caledonian University in seinem Buch «Dark Tourism». Demgegenüber stehe die voyeuristische Motivation von Katastrophentouristen, die Tod und Katastrophen aus der Nähe erleben wollen, ohne das eigene Leben zu riskieren. Katastrophentourismus ist kein neues Phänomen. Schon nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Reisen zu den Schlacht- und Kampfplätzen oder in Konzentrationslager organisiert. Neuere Beispiele sind geführte Expeditionen ins Atomkraftwerk Tschernobyl oder zu «Ground Zero» in New York. (mhu)

Bosniens Hauptstadt wartet nicht mit gewagten architektonischen Kunstbauten auf und auch nicht mit grandiosen Sport-, Kunst- oder Kulturanlässen, nicht mit beeindruckenden Landschaften und Naturereignissen. Der Tourismus in Bosnien und Herzegowina köchelt auf spärlicher Flamme. Trotzdem erwartet die Gäste eine zeitgemässe Hotellerie und Gastronomie zu erfreulich moderaten Preisen.

Das altehrwürdige Tram Nr. 3 ist deshalb keineswegs Ausdruck von Stillstand oder gar Rückständigkeit, sondern Objekt im offenen Geschichtsbuch.

In die Vergangenheit eintauchen heisst, Sarajevo auf seinen Strassen zu erforschen – am besten zu Fuss oder eben mit dem Tram. Parallel zu Tram und Hauptverkehrsader fliesst der Fluss Miljacka. Über ihn führen mehrere Brücken, auf zweien lohnt es sich, innezuhalten. Auf der Brücke «Vrbanja» schossen im April 1992 serbische Heckenschützen aus einem Hinterhalt auf eine Demonstrationsgruppe und töteten zwei junge Studentinnen. Das Attentat löste die erwähnte fast vierjährige Belagerung aus. Zwei Kilometer flussaufwärts, bei der «Latinska ćuprija» (Lateinerbrücke), wurden 1914 Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie Chotek erschossen. Auch dieses Attentat auf die Thronfolger Österreich-Ungarns initiierte eine Katastrophe: den Ersten Weltkrieg. Ein Denkmal und ein Museum erinnern heute daran, auf der Vrbanjabrücke legen Menschen täglich frische Blumen nieder, um des Anschlags zu gedenken.

Vogelperspektive im Turm

Auf der ehemaligen «Sniper Alley» weist nichts mehr auf die Zustände vor zwei Jahrzehnten hin. Doch beim Blick nach links und rechts fallen Wohnhochhäuser und Plattenbauten auf, die noch immer die Spuren der Projektile und Granaten aufweisen. Ob aus Geldmangel oder als Mahnmal: Manches wurde noch immer nicht repariert.

Die Privatwirtschaft, vorab Investoren aus dem arabischen Raum, hat schneller reagiert und neue Bürotürme und Einkaufszentren gebaut. Das Medienunternehmen Avaz hat mit dem 172 Meter hohen «Avaz Twist Tower» das höchste Gebäude Südosteuropas errichtet. Von seinem Café in der 35. Etage öffnet sich der imposante Rundblick auf die Stadt und die beiden Olympiaberge «Bjelašnica» und «Jahorina». Von dem «verdrehten Turm» – so genannt nach seiner Architektur – bis ins Zentrum ist es etwas weit zu Fuss, doch die nächste Tramhaltestelle ist gleich um die Ecke.

Tief ins osmanische Zeitalter

Tram Nr. 3 macht eine Schlaufe um die osmanische Altstadt «Baščaršija» und lässt die Passagiere beim «Sebilj»-Brunnen aussteigen, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1754 zurückreichen. Das höchste Gebäude hier ist das Minarett der «Čekrekčijina»-Moschee. Darum herum ducken sich zahlreiche Kunsthandwerkerläden und orientalische Teestuben. Denn Sarajevos Wurzeln reichen tief in das osmanische Zeitalter ab 1463 zurück; «Saray» bedeutet auf Türkisch Palast.

Gut zu wissen

- Flug: Swiss fliegt ab Zürich direkt nach Sarajevo

- Beste Reisezeit: Frühling bis Herbst

- Währung: Konvertible Mark (KM): 2 KM entsprechen etwa 1.20 Franken.

- Sprache: Bosnisch, in Hotels und Restaurants auch Englisch

- Übernachten: Hotels gibt es in allen Preis- und Sterneklassen: vom Boutiquehotel bis zur preiswerten Unterkunft

- Essen: Balkanspezialitäten wie Kebab oder Lamm; Alkohol ist – ausser in Teestuben – überall erhältlich

- Highlights: Die osmanische Altstadt «Baščaršija»; das Tunnel-Museum unter den Pisten des Flughafens; das «Historical Museum of Bosnia and Herzegovina»; Shopping oder Clubbing in der Neustadt («Novi Grad»); ein Essen im Quartier «Baščaršija»

- Ausflüge: In die Provinzstadt Mostar(zu erreichen in zwei Stunden mit Zug und Taxi) oder zu den Olympiaanlagen (Sprungschanze, Bobbahn).

Immer lebten in Bosnien-Herzegowina auch Christen. Sarajevo und seine 600 000 Einwohner sind ein Spiegel der Multikulturalität und Multireligiosität des Landes: Nebst 51 Prozent Muslimen (Bosniaken) sind 31 Prozent orthodoxe Christen (Serben) und 15 Prozent Katholiken (Kroaten). Der Mix der Ethnien hat in der Vergangenheit zu manchem Zwist im Land geführt, während der Belagerung von Sarajevo aber rettete er Leben. Denn praktisch alle der damals 280 000 Einwohner harrten bis zum Ende des Kriegs in ihrer Stadt aus.