Mit Madonna im Ohr in Crash-Gefahr

Immer mehr Menschen sind mit dem Knopf im Ohr unterwegs. Sie hören Musik oder sind in eine Weiterbildung vertieft. Die Berieselung über Kopfhörer kann gefährlich sein. Die bfu vermutet, dass dadurch im Strassenverkehr mehr Unfälle geschehen. Auch die Benützung des Handys trage dazu bei.

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Versunken in der eigenen Welt: Manche realisieren kaum, dass sie sich in Gefahr begeben. (Bild: Philipp Baer)

Versunken in der eigenen Welt: Manche realisieren kaum, dass sie sich in Gefahr begeben. (Bild: Philipp Baer)

Der Jogger konnte sich mit einem Satz in die Wiese hinaus gerade noch in Sicherheit bringen, ehe ihn ein Auto von hinten beinahe erfasst hätte. Wäre es zum Unfall gekommen, wäre der sportliche Zeitgenosse wahrscheinlich mitschuldig gewesen: Denn er hatte über seine Kopfhörer so laut DRS3 gehört, dass er das auf dem Feldweg nahende Auto nicht bemerkt hatte. Nicht minder gefährlich kann es sein, wenn sich ein Fussgänger via iPod von Madonna oder Lenny Kravitz eindröhnen lässt und zu wenig auf die pulsierende Strasse achtet.

Doch selbst Autofahrer sind in der Aufmerksamkeit eingeschränkt, wenn ihr Gefährt als rollende Disco unterwegs ist oder wenn sie ebenfalls musizierende Stöpsel im Ohr hängen haben.

Als ob einer betrunken wäre

«Fussgänger und Autofahrer sind immer häufiger durch Handygespräche oder Musik abgelenkt», schreibt die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu). Sie erachtet dies als eine der Ursachen, dass in den letzten zwei Jahren mehr Menschen auf der Strasse durch Unaufmerksamkeit verletzt oder sogar getötet worden sind. 334 Fussgänger wurden 2007 auf Zebrastreifen angefahren und schwer verletzt – Zunahme gegenüber dem Vorjahr 18 Prozent.

Wie häufig der «Knopf im Ohr» den Verunfallten entscheidend abgelenkt hat, lässt sich nicht belegen. Hingegen ist anhand von Fahrsimulatoren erhoben worden, wie stark ein Autofahrer oder eine Autofahrerin eingeschränkt ist, wenn unterwegs das Handy benützt wird. Der Blick der steuernden Person sucht nicht mehr das ganze Umfeld des Verkehrs ab, sondern ist bis zu einer Minute lang starr nach vorne gerichtet.

Der Autolenker fährt in solchen Situationen häufig zu nahe auf oder hat Mühe, die Spur zu halten. Die Reaktionszeit eines telefonierenden Automobilisten ist in stärkerem Masse verzögert wie bei jemandem mit 0,8 Promille Alkohol im Blut*. Sie erhöht sich um 34 Prozent (siehe Grafik). Bei einem «Telefonierunfall» fährt ein Lenker häufig auf ein bremsendes Gefährt auf, missachtet den Vortritt oder gerät von der Strasse ab.

Der Geist ist abwesend

Das Fatale an diesem Befund: Es spielt kaum eine Rolle, ob jemand das Handy benützt oder mit einer Freisprechanlage telefoniert. «Entscheidend ist», sagt Natalie Rüfenacht von der bfu, «dass die Person am Steuer geistig abgelenkt ist. Dieser Einfluss ist mindestens so stark wie die manuelle Handhabung des Mobiltelefons.»

In fast allen europäischen Ländern ist es verboten, das Handy zu benützen. Erlaubt ist hingegen die Freisprechanlage (Ausnahme Spanien), bei welcher der Lenker das Steuer fest im Griff hat. Das Handy-Verbot hierzulande auf die Freisprechanlagen auszudehnen, ist im Dezember vom Bundesrat abgelehnt worden. Selbst die bfu ist skeptisch, da solche Verbote nur schwer durchzusetzen sind.

Stephan Müller vom Touring-Club der Schweiz hält solche Vorschriften ebenfalls für fragwürdig: «Man kann an die Automobilisten nur appellieren, während der Fahrt Vorsicht walten zu lassen. So sollten sie sich nicht durch das Autoradio, CDs, das Gespräch mit Beifahrern oder quengelnde Kinder ablenken lassen. Gefährlich kann es auch sein, wenn man auf der Fahrt zur Arbeit in Gedanken bereits in der nächsten Sitzung weilt.»

Ein Ohr frei halten

Natalie Rüfenacht selber ist häufig mit dem iPod unterwegs. Allerdings gerät sie nicht in Versuchung, die eigenen Ratschläge beziehungsweise jener der bfu zu missachten: «Ich habe kein Auto, und das Velo ist mir gestohlen worden.» Als Fussgängerin stellt sie die Musik so leise ein, dass der iPod nicht alles übertönt. Weiter empfiehlt sie, nur einen Ohrstöpsel zu benützen und das andere Ohr freizuhalten. Für Autofahrer gilt, an sicherem Ort anzuhalten und dann das Handy zu benützen.

Man könnte nun einwenden, dass Autofahrer, wenn sie nicht gerade im Cabriolet sitzen oder die Fenster geöffnet haben, eh schon akustisch von der Aussenwelt abgeschnitten sind. Doch sie können sich anhand von Aussen- und Innenspiegeln orientieren, während Velofahrer, Skifahrer und Jogger via Geräuschkulisse wichtige Informationen erhalten. «Der grosse Unterschied zu den Autofahrern besteht darin, dass sich Jogger und Velofahrer primär selber gefährden, wenn sie komplett in der Musik versinken – so wunderbar es auch sein mag, sich auf diese Weise durch die Landschaft zu bewegen», sagt Rüfenacht.

Die Frage der Haftung

Wer haftet, wenn doch einmal ein Unfall geschieht, bei dem ein Verkehrsteilnehmer durch einen Walkman oder ähnliche Geräte abgelenkt worden ist? Nach Auskunft von Stephan Müller hat es in der Schweiz noch kein entsprechendes Rechtsurteil gegeben. Wenn aber zum Beispiel ein «tauber» Jogger von einem Auto oder Traktor von hinten erfasst wird, wird juristisch erwogen, wie sehr der Jogger durch die Musik abgelenkt war. Eine Versicherung kann entsprechend Rückgriff nehmen. Wer sich mit Musik zudröhnen lässt, trägt selber Verantwortung.

Und wie verhält es sich, wenn ein Buschauffeur oder Lokomotivführer mit einem iPod unterwegs ist? «Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass solches vom Arbeitgeber her erlaubt wird», sagt Natalie Rüfenacht, «denn ein Buschauffeur muss sich ja nicht nur auf den Verkehr konzentrieren, sondern auch darauf, was im Wageninnern geschieht, wie sich die Passagiere verhalten oder ob vielleicht jemand Hilfe benötigt.»

Was für alle gilt, die im Verkehr nicht auf iPod oder Walkman verzichten können: Sie müssen sich der erhöhten Gefahr bewusst und entsprechend aufmerksamer sein – noch achtsamer, wenn sie einen Fussgängerstreifen oder mit dem Velo eine Kreuzung überqueren.

Damit aus Mozart oder Beatles nicht plötzlich Crash, Boom, Bang wird. Fredi Kurth

* Studien von Transport Research Laboratory in Berkeley und National de Recherche sur les Transports (Frankreich).