Reisen
Mit dem Döschwo ins Postkarten-Dorf im Languedoc-Roussillon

Die südfranzösische Region Languedoc-Roussillon ist ein Paradies für Entdecker und Geniesser. Wers authentisch mag, mietet sich für die Erkundungstour einen alten Citroën Deux Chevaux.

Samuel Schumacher
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Geschichtsträgchtiger Dorfplatz in Uzès im Languedoc-Roussillon.
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Bilder von einer Reise ins Languedoch-Roussillion
Dorfplatz in Uzès.
Rendez-vous im Languedoc-Roussiloon: Dörfer wie Uzès bezaubern die Besucher mit herrlichen Dorfplätzen.
Das Languedoc-Rouissillon

Geschichtsträgchtiger Dorfplatz in Uzès im Languedoc-Roussillon.

Samuel Schumacher

Die Burg Peyrepertuse thront wie ein steinerner Adlerhorst hoch oben auf dem massiven Fels. Und wie ein brüllendes Tier kämpft sich der himmelblaue 1987erCitroën 2CV das steile Schottersträsschen hoch. Der «Deux Chevaux» brummt gewaltig, und schafft es mit letzter Kraft auf den Parkplatz vor den Toren der Burg.

Der harte Aufstieg hat sich gelohnt. Zwischen den knapp tausendjährigen Zinnen hindurch eröffnet sich einem ein fantastischer Rundblick über das umliegende «pays cathare». In den Burgen des Katharerlands versteckten sich einst die Anhänger des Katharismus, einer christlichen Glaubensgemeinschaft, die zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert von den päpstlichen Inquisitoren durch ganz Südfrankreich gejagt wurden. Heute erinnert nur noch wenig an die blutige Geschichte der Region.

Hier im Languedoc-Roussillon ist es friedlich, warm und wunderschön. Und während die weiter östlich liegende Provence von wachsenden Touristenscharen durchkämmt wird, döst die dünn besiedelte Region weiter ungestört vor sich hin. Die Burgruinen, die weitläufigen Weinberge und die in wilde Landschaften eingebetteten Postkarten-Dörfer werden erst allmählich vom Tourismus entdeckt. Und wer das Languedoc-Roussillon im urfranzösischen «Deux Chevaux» gemächlich erkundet, fühlt sich immer wieder in frühere Jahrhunderte versetzt.

Das Languedoc-Rouissillon

Das Languedoc-Rouissillon

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So ruhig und unberührt das weite Hinterland scheint, so laut und aufgepeppt wirkt die «Cité de Carcassonne» im Herzen des Languedoc-Roussillon. Carcassonne ist mit seinen 52 Mauertürmen die grösste mittelalterliche Festungsstadt Europas und gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Mit einem wirren Mix aus alten Bauwerken, gemütlichen Cafés, Foltermuseen und traditionellen Märkten lockt sie jährlich rund vier Millionen Besucher an.

Von hier aus lässt sich die Region bestens erkunden. Wer Richtung Süden fährt, wird bald von üppigen mediterranen Landschaften verschluckt, deren Weinberge mit Klosteranlagen und steinernen Gehöften gespickt sind. Der einsam stehende, 2784 Meter hohe Mont Canigou dominiert die Region und ist mit seinem verschneiten Gipfel ein wahrer Hingucker.

In den umliegenden Dörfern wird noch immer Okzitanisch gesprochen. Die alte gallorömische Sprache hat dem Languedoc seinen Namen gegeben und in den abgelegenen Tälern bis heute überlebt. «Com mes sol fa mes be escric» (Wenn die Sonne scheint, schreibt sichs gut) steht nämlich über der Sonnenuhr auf dem Dorfplatz in Villefranche-de-Conflent.

Und wer der Sonne hier entfliehen will, kann über die 734 unterirdischen Treppenstufen zur Festungsanlage «Fort Liberia» hochsteigen und das architektonische Vermächtnis des berühmten Festungsarchitekten Vauban erkunden. Im Zweiten Weltkrieg wurden hier zeitweilig deutsche Kriegsgefangene eingesperrt. Im Westen von Villefranche zwängt sich die Carança-Schlucht kilometerlang durch die steilen Felswände. Die schmalen Wege schlängeln sich dicht am Abgrund entlang und sind nichts für schwache Nerven.

Schon der grosse Maler Picasso kannte die Vorzüge des ruhigen Lebens im Languedoc. Im Sommer 1913 liess er sich hier in der Kleinstadt Céret nieder und bannte die warme Stimmung des Orts auf seine Leinwände. Im «Musée d’Art moderne» sind neben Bildern von Miró, Chagall und Matisse mehr als 50 Picasso-Originale ausgestellt. Im Sommer findet hier alljährlich ein grosses Kirschenfest statt. Seit Jahrzehnten ist es Brauch, einen Korb der roten Früchte direkt an den französischen Präsidenten zu schicken.

Wer von Carcassonne aus Richtung Norden fährt, trifft auf höllische Malereien, eines der offiziell «schönsten Dörfer Frankreichs» und haufenweise Elefantenmist. Letzterer wird in Brousse in einer der ältesten Papiermühlen des Landes zu Briefpapier verarbeitet.

In der Stadt Albi steht die Sankt-Cäcilia-Kathedrale. Im Inneren des Backsteinbaus zieht ein riesiges Fresko die Betrachter in seinen Bann. Die grausamen Darstellungen des Jüngsten Gerichts stellen jeden Horrorfilm in den Schatten und schlagen gewaltig aufs Gemüt.

Wesentlich heiterer stimmt der Besuch des Dorfes Cordes-sur-Ciel, das es als eines von 156 Dörfern auf die Liste der «plus beaux villages de France» geschafft hat. Wer den steilen Aufstieg durch die Tore der vier Stadtmauern geschafft hat, kann sich im «Musée des arts du sucre et du chocolat» bizarre Zucker-Kunstwerke anschauen und danach auf dem schattigen Dorfplatz eine zuckersüsse «Île flottante» schlürfen.

Für Deux-Chevaux-Fans ist die Fahrt in den einsamen Osten des Languedoc-Roussillon ein anstrengendes Vergnügen. Auf den kurvigen Strassen durch die Tarn-Schlucht wünscht man sich nichts sehnlicher als eine Servolenkung. Und im gebirgigen Cevennen-Nationalpark wird jede Passhöhe zum persönlichen Sieg über die widerspenstigen Berge.

Hier empfiehlt es sich, das Auto einfach mal abzustellen und die Wanderschuhe anzuziehen. In den Cevennen locken nämlich nicht nur Schieferfelsen und Panoramablicke, sondern auch eines der grössten Menhir-Felder der Welt. Die Steinsäulen aus der Bronzezeit ragen meterhoch in den Himmel und haben ihr Geheimnis bis heute vor den rätselnden Wissenschaftern bewahrt. Wie steinerne Symbole stehen sie für das Languedoc-Roussillon: unerforscht, wild und wunderschön.