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Grossartig gescheitert?

Fehler machen gilt neuerdings als cool. Zumindest an den «Fuck-up-Nights», an denen Unternehmer ihre Flops beichten. In anderen Bereichen sind Fehler aber noch lange kein Small-Talk-Thema.
Melissa Müller
Gestresster Arzt: In der Medizin kann ein falscher Handgriff tödliche Konsequenzen haben. (Bild: Getty)

Gestresster Arzt: In der Medizin kann ein falscher Handgriff tödliche Konsequenzen haben. (Bild: Getty)

Musikunternehmer Patrick Wagner erlitt eine Pleite nach der anderen. Heute breitet er seine Geschichte genüsslich vor johlendem Publikum aus – an Fuck-
up-Nights in Berlin. «To fuck up» bedeutet, eine Sache so richtig
zu vermasseln. Wagner hing in den 1990ern mit Stars wie Nirvana herum. Er war Mitbetreiber der angesagten kleinen Plattenfirma Kitty Yo. Dann zerstritt er sich mit seinem Partner beim Label und stieg aus. Später gründete er die Plattenfirma Louisville. Von 17 Alben, die er herausbrachte, waren nur drei rentabel. Schulden ohne Ende waren die Folge.

Auch in der Schweiz sind solche Flop-Beichten populär, etwa an der ETH Zürich. Manager berichten auf der Bühne davon, wie sie ihre Firma in den Sand gesetzt haben. Je tiefer der Fall, desto ausgelassener die Stimmung im Publikum. Die Botschaft: Erst wer eine Krise gemeistert hat, hat auch Erfolg.

Durch Fehler zur genialen Zufallserfindung

Auch verschiedene Ratgeber propagieren die reinigende Kraft von Rückschlägen. Der Philosoph Charles Pépin zeigt in seinem Buch «Die Schönheit des Scheiterns» auf, wie Misserfolge berühmte Menschen wie Darwin, Churchill, Steve Jobs und J. K. Rowling erst auf die richtige Spur brachten. Hinfallen, sich aufrappeln, Krönchen wieder richten: So einfach ist es allerdings nicht. Ob Fehler als cool oder unverzeihlich ausgelegt werden, hängt vom Bereich ab. Im Design oder in der Wissenschaft können durch Fehler geniale Zufallserfindungen entstehen. In der Medizin hingegen kann ein Fehler tödliche Konsequenzen haben. Ein Bergführer kann durch eine Fehleinschätzung der Wetterlage seine Gruppe in den Abgrund reissen. Auch bei einem Kranführer kann ein Knopfdruck über Leben und Tod entscheiden.

Ärzte hadern mit unerfüllbaren Ansprüchen

Von der Verantwortung, die sich Mediziner aufbürden, erzählt Gina Bucher in ihrem soeben erschienenen Buch «Der Fehler, der mein Leben veränderte». Eine Ärztin, die einen falschen Handgriff machte, schildert ihre Geschichte. Aus Versehen spritzt sie einer Patientin eine Spritze für die Vene ins Rückenmark. Die Ärztin merkt ihren Fehler sofort. Aber es gibt kein Zurück. Eine Woche passiert nichts. Aber dann setzen bei der Frau die Lähmungen ein. Die Fingerspitzen, die Hände werden taub. Zuletzt ist sie bis zum Hals gelähmt. Die Ärztin meldet ihren Fehler. Sie wird vor Gericht verurteilt und bestraft. 16 Jahre später hadert sie nach wie vor mit Schuldgefühlen: «Die Scham ist immer noch da. Mein Leid steht in keiner Relation zum Schaden, den ich angerichtet habe.»

Auch Ärzte haben eine Fehlerrate. «Nur wird sie uns nicht zugestanden», sagt die Ärztin. «Einerseits sind wir nicht mehr die Götter in Weiss. Trotzdem erwarten die Patienten, dass man arbeitet wie ein Gott. Nämlich fehlerfrei.» Ein Widerspruch, den man aushalten muss. Die Ärztin hat etliche Kollegen, die deswegen den Beruf gewechselt haben. Die sich sagen: «Ich habe einen Fehler gemacht und komme damit nicht klar.»

Auch einer Krankenschwester, die sich der Autorin anvertraute, unterliefen tödliche Pflegefehler. Zwei Menschen starben. Sie verheimlichte dies, aber Jahre später holten sie die Geister der Vergangenheit ein. Sie gründete eine Selbsthilfegruppe, fand aber niemanden, der sich anschliessen wollte.

Journalistin Gina Bucher hat für ihr Buch 20 Menschen in Deutschland und der Schweiz über ihr Versagen befragt: Mörder, Bankräuber, Ehebrecher, Drogensüchtige, Arbeitssüchtige. Menschen, denen Fehler unterlaufen sind, bei denen sie ihre Liebsten, viel Geld, ihre Gesundheit oder ihren Ruf verloren. Und die jahrelang ein schlechtes Gewissen mit sich herumtragen. Wie ein Banker, der sich mit HIV angesteckt hat. Er führte in den 1990er-Jahren ein ausschweifendes Partyleben, mit vielen Liebschaften – oft ohne Kondom. «Trotz des Wissens, dass ich einen Fehler begehe, machte ich ihn. Ich dachte jedes Mal, dass es mich nicht trifft.» Nach der Ansteckung änderte sich für ihn alles. Irgendwann stellte er fest: «Ich musste diesen Weg gehen, um herauszufinden, wer ich bin.»

«Das Unternehmen ist gescheitert – nicht ich»

Bei Start-up-Unternehmen gilt ein vermasseltes Geschäft fast schon als «normal», weil die Quote brutal ist: Nur eines von zehn Unternehmen setzt sich auf dem Markt durch. «Scheitern kann einem als Erfahrung sogar nützen», sagt ein Unternehmer, der im Buch zu Wort kommt. Er schildert aber auch, wie er zwölf Mitarbeiter entlassen musste. Das nagte an seinem Selbstvertrauen. Doch ihm wurde auch klar, «dass man persönliches von beruflichem Scheitern trennen muss». Wer beruflich groundet, scheitert nicht zwangsläufig auch auf anderen Ebenen. «Das Unternehmen ist gescheitert, nicht ich», sagt er sich – und nimmt einen neuen Anlauf.
Dass Männer und Frauen unterschiedlich mit Fehlern umgehen, ist Gina Bucher bei der Recherche aufgefallen. «Männer neigen zum Verdrängen, sie sagen eher mal, ‹das ist halt Berufsrisiko›, krempeln die Ärmel hoch und machen weiter. Frauen setzten sich so stark mit ihren Fehlern auseinander, dass sie sich oftmals blockieren.» Der Mittelweg wäre: Fehler im Beruf klar benennen, aber nicht zu persönlich nehmen.

Ein sensibler Bereich

Es mache schon Sinn, dass es keine Fuck-up-Night für Niederlagen im zwischenmenschlichen Bereich gibt, findet Gina Bucher. «Das ist sehr privat.» Scheitern sei noch lange nicht Small-Talk-tauglich. «Ich störe mich daran, wenn man immer einen Sinn und Zweck suchen will.» Letztlich gehe es schlicht ums Improvisieren. Darum, wie man damit umgeht, wenn ein Fehler passiert ist. Und um das Akzeptieren der eigenen Geschichte.
Allen Menschen, die Gina Bucher porträtiert hat, ist gemeinsam, dass sie einen Weg aus dem Scheitern gefunden haben – mit der Hilfe anderer. «In allen Begegnungen kommen Hände vor, die beim Aufstehen helfen – so man denn wieder aufstehen will. Der Anwalt, der Seelsorger, Sozialarbeiter, Freunde und Familie, die trösten, Opfer, die vergeben.»

Hinweis

Gina Bucher liest am 4. Juni, 19 Uhr, im Bourbaki Luzern.

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