Schockszene zu Beginn: Milo Raus Gewalt-Recherche zu Gast in Chur

Die Stücke des St. Galler Regisseurs Milo Rau werden überall gespielt – nur in St. Gallen nicht. Sein neustes Projekt «Die Wiederholung» war in Chur zu sehen: Ein Mord als erster Teil seiner Theaterrecherche.

Hansruedi Kugler
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Der verprügelte junge Schwule liegt vor seinen Folterern am Boden. (Bild: Hubert Amiel)

Der verprügelte junge Schwule liegt vor seinen Folterern am Boden. (Bild: Hubert Amiel)

Auf der Bühne prügeln drei besoffene Kerle den jungen arabischen Schwulen Ihsane Jarfi im Scheinwerferlicht ihres Autos bewusstlos, ziehen ihn aus und lassen ihn sterbend liegen. Es ist eine kurze, schockierende Szene am Schluss dieses Theaterabends. Da mischen sich Zufall und Suff, angestaute Aggression von arbeitslosen Dummköpfen und Schwulenverachtung. Die Szene spielt einen realen Mord nach, der im belgischen Lüttich 2012 die Öffentlichkeit schockierte. «Ein extrem sinnloser Fall von Gewalt», sagt der St.Galler Theatermacher Milo Rau. Für ihn aber Anlass zur Recherche vor Ort sowie Anlass, die Funktion der Gewaltdarstellung auf der Bühne zu befragen.

Schauspieler und Laien erzählen vom wirtschaftlichen Niedergang Lüttichs, sie lassen Eltern und den Ex-Freund des Getöteten in beklemmenden, weil sanft gesprochenen Monologen zu Wort kommen und skizzieren biografische Parallelen zwischen den Tätern und Schauspielern. Zudem spielen sie ein Casting nach, in welchem die wirtschaftliche Not in der Stadt spürbar wird und wo die Bereitschaft der Laien getestet wird, heftige Szenen zu spielen: Zungenküsse, wie ein Hund auf allen Vieren gehen, Ohrfeigen verteilen – spürbar als Varianten subtiler Gewalt.

Milo Raus zehn Theater-Gebote

Das Theater von Milo Rau kann man als grosses Nein auffassen: Nein zu den Klassikern, Nein zum wörtlichen Nachspielen von fertigen Texten. Aber dann kommt ein grosses, ultimatives Ja: Ja zu eigener Recherche, Ja zu Laien auf der Bühne, Ja zur Mehrsprachigkeit, Ja zu Tourneen in Kriegs- oder Krisengebieten. Das alles steht in den zehn Geboten des Manifestes, mit denen er diesen Sommer seine Intendanz am Nationaltheater im belgischen Gent eröffnet hat.

Das erste dieser Gebote heisst: «Es geht nicht mehr nur darum, die Welt darzustellen. Es geht darum, sie zu verändern.» Mit seinem «Kongo-Tribunal» hatte er real den Rücktritt zweier Minister vor drei Jahren bewirkt. In «Die Wiederholung» will Milo Rau dieses Gebot aber zunächst auf das System Stadttheater verstanden wissen. Raus Dramaturgin Eva-Maria Bertschy sagte es im Vorgespräch in Chur so: «Was hat das, was auf der Bühne geschieht, mit dem zu tun, was wir auf der Strasse sehen?» Die Bühnenantwort: Einfache Sprache und Dialoge aus Recherchegesprächen, Darsteller sind mindestens zum Teil einfache Bürger, Kulissen sind simpel und alltäglich. Man könnte es auch so sagen:

Die Wirklichkeit der Strasse kommt ungekünstelt auf die Bühne und die Wirklichkeit des Theaterbetriebs wird auf ebendieser Bühne sichtbar.

Davon konnte man sich am Wochenende in Chur einen Eindruck machen. Das dortige Theater hatte zuvor schon zwei Rau-Stücke gezeigt: «Empire» und «Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs». In «Die Wiederholung» geht Milo Rau nun zu einem Ursprung dieser «altertümlichen Illusions- und Mitleidmaschine» zurück, wie er einmal das Theater bezeichnete: Unerklärliche, traumatische, sinnlose Gewalt und die Verarbeitung durch ihre Darstellung, also durch ihre Wiederholung.

Warum greifen die Zuschauer nicht ein?

Die Schwäche des Abends: Was gehen uns diese Täter-Dummköpfe an? Leider wenig. Die Hinweise auf Suff und Arbeitslosigkeit machen die Tat nicht nachvollziehbarer. Zwei Stärken des Abends: Die Theaterreflexion und die facettenreiche Umkreisung der Frage, was ein solcher Schrecken mit uns macht. Das ist formal in fünf Akten perfekt gelöst. Zwar werden billige Tricks wie schmerzlose Ohrfeigen vorgeführt und das Publikum mit der Frage drangsaliert, wann es eingreifen würde in die Realität: Wenn ein strangulierter Schauspieler nur von einem mutigen Zuschauer gerettet werden kann.

Aber dann vergleicht ein Schauspieler sein zurückhaltendes Auftreten mit einem Pizzaboten und sagt: Es gehe um die Pizza, nicht um das Getue des Boten. Das ist zwar nichts Neues und Milo Rau hat die einfache Sprache nicht erfunden. In der Inszenierung aber entfaltet dieses für alle Rau-Stücke charakteristische Sprechen Intensität. Etwa wenn Jarfis Ex-Freund das Wissen nicht erträgt, dass dieser völlig alleine starb: «Ich hätte so gerne seine Angst geteilt.» Dann ist auch bei Milo Rau Opfer-Sanftmut und Mitleid zu entdecken, die seinen Stücken seit je innewohnen. Man mag darin sogar einen christlichen Kern entdecken.