Big Picture: Mensch, du bist klein!

In Zeiten der Kleinstbildchen via Smartphone zelebriert und hinterfragt das Aargauer Kunsthaus mit der Ausstellung «Big Picture» Grosses. Das Mass ist man selber.

Sabine Altorfer
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Hannah Villiger, Arbeit (12-teilig), 1980/1981, C-Print ab Polaroidvorlage, 355 x 475 cm. (Bild: Jörg Müller,)

Hannah Villiger, Arbeit (12-teilig), 1980/1981, C-Print ab Polaroidvorlage, 355 x 475 cm. (Bild: Jörg Müller,)

Haben Künstlerinnen und Künstler schon vor Jahrzehnten geahnt, dass wir einst via unsere Smartphones von Kleinstbildchen überwältigt werden? Dass Realität und Fiktion sich in eine Bilderflut verwandeln werden, die wie die Wellen des Meeres unaufhörlich auf- und abschwellend zu uns brandet, mal nur unsere Füsse netzt, mal als Brecher über unsere Köpfe schlägt?

Die Künstlerinnen und Künstler haben weit vor der Erfindung des Internets prophetisch auf die Flut auf unseren massstablosen Kleinstdisplays reagiert. Sie haben die Dimensionen ihrer Werke nicht nur ausgeweitet, sondern ins Monumentale, Überwältigende, manchmal auch Monströse übersteigert. Die Sammlerinnen und Sammler, die nicht übergrosse, überhohe Lofts bewohnen, stürzen sie damit ins Dilemma, und die Museumsdepots mussten seither laufend ausgebaut werden. Aber es ist beeindruckend, wenn diese «Big Pictures» nun wieder ans Licht kommen.

Grosse Körperlandschaften, ganz nah dran

Eine so eigenständige wie kunstvolle Vorwegnahme des Selfies praktizierte Hannah Villiger (1951–1997) schon um 1980. Mit der damals populären Polaroid-Sofortbildkamera umkreiste die Bildhauerin ihren Körper auf Armeslänge und komponierte mit Blow-ups eine zwar fragmentierte, aber doch ganzheitliche, eine grosse wie grossartige Sicht auf sich selbst. Wie auch ein Sinnbild für die brüchige menschliche Existenz an sich.

Wortwörtlich auf der Suche nach dem Profil ist Markus Raetz in seiner begehbaren Installation mit 432 menschlichen Profilbildern aus Draht, die leicht schwankend und sich stetig verändernd die Wände eines ganzen Raumes bedecken.

Mensch, Körper, wie kann ich dich bloss und pur – und doch nicht banal – ins Bild bringen?

Von solchen Fragen muss sich Balthasar Burkhard in sein Abenteuer der Körperfotografie gestürzt haben. Wie die Stämme einer Allee stehen acht monumentale Beine vor uns. Jedes Haar, jede Ader ist auf diesen Schwarz-Weiss-Aufnahmen ersichtlich. Aber unser Auge sucht nicht menschliche Unzulänglichkeiten, sondern empfindet staunende Freude wie vor einer barocken Säulenhalle.

Mit purer Grösse kann man verführen. Das praktizierten Olivier Mosset mit monochromen Tafelbildern, Markus Döbeli mit malerischen landschaftlichen Assoziationen oder Karim Noureldin mit geometrischen Kompositionen aus feinsten Farbstiftstricheleien. Für Michel Grillet dagegen reicht ein winziges Malkastentöpfchen als Bildträger für eine ganze Berglandschaft, und eine kleine Postkarte lieferte Zilla Leutenegger den Anstoss, sich als pinkelnden Mann per Video auf den Mond zu beamen. Raumgross dagegen müssen die Farberlebnisse bei Adrian Schiess sein: In den mit Autolack gespritzten Farbtafeln spiegelt sich die Welt, zwischen ihnen flanierend wandeln sich die grössenwahnsinnig anmutenden «flachen Arbeiten» zu einer leicht erfassbaren, sinnlich-schönen architektonischen Landschaft.

Materialschlachten, Panoramas und eine verrückte «Tour de Suisse»

Als begehbare Bildarchitektur gedacht waren einst die grössten Werke der alten Kunst, die Panoramas, die einen körperlich eintauchen liessen in die dargestellten Schlachten. Den umgekehrten Weg ging Hugo Suter (1943–2013) mit seinem riesigen, raumtrennenden Paravent, bei dem man erst beim Umschreiten den raffinierten Wechsel von spiegelnden, durchsichtigen und bildhaltigen Feldern wahrnimmt. Panoramas kann man auch mit Sammlungen erstellen: Ob mit typischen Schweizer Fotos (Fiona Tan), skurrilen Fundstücken (Augustin Rebetez) oder Kunstwerken (Ben Vautier) lassen sich Zeiten und Befindlichkeiten spiegeln. Selbst wenn die Jagdzeit so knapp bemessen war wie bei Christian Philippe Müllers verrückter «Tour de Suisse» durch die hiesige Museumslandschaft anno 1994, kann ein einmaliger und nostalgischer Überblick entstehen.

Mensch, bist du gross oder klein?

Das Aargauer Kunsthaus füllt mit «Big Picture» das ganze Parterre – und selbst in die neu gehängte Sammlung schwappt die Idee des Grossen sichtbar über. Das passt aber bestens, stammt doch alles Material für «Big Picture» aus der hauseigenen Sammlung. Unterschwellig und nebenbei dokumentiert und zelebriert das Aargauer Kunsthaus also auch die Grösse und die Bandbreite seines zeitgenössischen Kunstbesitzes – und die Potenz der Schweizer Kunst.

Zum Schluss steht man vor Guido Nussbaums «Hochhaus» von 1981. Doch hoppla, da ragt kein Wolkenkratzer über die Betrachterin hinaus, sondern ein Selbstbildnis des Künstlers, der im Businessanzug aus gut drei Metern Höhe mitleidig-neugierig nach unten schaut. Auf zwergenhafte Menschen, die sich zwischen seinen schwarzen Schuhen tummeln. Als Betrachterin steht man davor und dazwischen: Man schaut auf zum Künstler und runter zu den Figürchen. Mensch, bist du gross oder klein?

Big Picture, Aargauer Kunsthaus, bis 28. April.