Mendelssohn auf CD: Fast nichts Neues

Felix Mendelssohns 200. Geburtstag wird vielerorts mit Konzerten und Festivals gefeiert. Bei den grossen CD-Labels aber herrscht Funkstille – wer sucht, kann aber fündig werden.

Verena Naegele
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Die Klassikszene entdeckt die Musik von Mendelssohn, und das ist erfreulich, denn das Werk ist vielfältig und alles andere als biedermeierlich brav. Es umfasst von Sinfonien über Oratorien, Solokonzerte und Lieder bis Kammermusik ein breites Spektrum. Doch während Beethovens Sinfonien bis zum Überdruss eingespielt werden, herrscht bei Mendelssohn erstaunliche Schmalkost.

Die Solokonzerte

Der Hit schlechthin ist und bleibt das Violinkonzert e-Moll op. 64. Zum Jubiläum legt die DGG eine Neueinspielung von Anne-Sophie Mutter mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur vor. Das Gewandhaus, einst von Mendelssohn zur Hochblüte gebracht, fasziniert mit seinem vollen, weichen Klang. Derweil interpretiert Anne-Sophie Mutter eigenwillig, hebt sich mit ihrem zarten und süsslichen Ton aber auch gut vom Orchester ab. Ein Plus ist die Koppelung mit dem Klaviertrio d-Moll op. 49, ein kraftvolles, aufregendes Werk, hier allerdings etwas unausgewogen durch das dominante Zwiegespräch der Mutter mit ihrem Ex-Mann André Previn, derweil Lynn Harrells Cello zu sehr im Hintergrund bleibt.

Bei den Klavierkonzerten gibt es leider nichts Neues, wohl aber zwei empfehlenswerte Referenzaufnahmen, die beide bei Decca erschienen sind: die eine mit Andras Schiff und Charles Dutoit, die andere mit Jean-Yves Thibaudet, der mit dem ebenso warmherzig klingenden Gewandhausorchester unter Herbert Blomstedt eine sehr empfehlenswerte Aufnahme beisteuert.

Chorwerke

Das Repertoire war lange einseitig auf «Paulus» und «Elias» ausgerichtet. Wie umfangreich und reichhaltig Mendelssohns Vokalwerk aber ist, zeigt die mustergültige Einspielung der gesamten geistlichen Musik bei Carus durch den Kammerchor Stuttgart unter Frieder Bernius, die soeben mit «Kirchenwerke IX» abgeschlossen wurde. Der Kammerchor Stuttgart macht darin seinem Ruf, einer der besten Ensembles dieser Art zu sein, alle Ehre. Da wird schlank, transparent und klangschön gesungen, so dass etwa beim 98. Psalm «Singet dem Herrn» der Umgang mit alten Satztechniken klar hörbar ist.

Vom selben Ensemble ist bei Carus brandneu auch die 2. Symphonie «Lobgesang» erschienen, die lange wegen ihrer zwischen geistlichem und weltlichem Gestus changierenden Musik vernachlässigt wurde. Bernius legt in seiner Interpretation den Fokus auf technische Brillanz, auf das Auffächern der kompositorischen Dichte. Sowohl der Kammerchor Stuttgart als auch die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen spielen geschmeidig und unpathetisch, was die Wucht des Werks wohltuend dämpft. Der Chor singt einfach phänomenal und das Tenorsolo von Werner Güra ist liedhaft transparent. Insgesamt eine wunderbare Aufnahme mit innerer Emphase.

Die Sinfonien

Die «Schottische» und die «Italienische» gehören zu den Schlagern des Repertoires. Beide gibt es in mustergültigen Aufnahmen verschiedener Stilansätze. Zum einen mit romantischem Orchester, kraftvoll und mit Verve gespielt durch das London Symphony Orchestra unter Claudio Abbado (4 CDs bei DGG). Zum anderen auf alten Instrumenten in historisierender Aufführungspraxis durch Roger Norrington und seine London Classical Players auf Originalinstrumenten, fulminant, mit überraschender Phrasierung und aufgerauhtem Klang (bei Virgin Classics).

Abbado und Norrington haben die Mendelssohn-Interpretation beeinflusst. Dies zeigt sich bei den Heidelberger Sinfonikern unter Thomas Fey, die bei Hänssler eine neue Reihe der Sinfonien präsentieren. Dabei wird jede «etablierte» Sinfonie gekoppelt mit einer Auswahl der frühen Streichersinfonien, in denen Mendelssohn unter Anleitung Zelters die Formschemen erprobte. So wird etwa die «Italienische» mit den Streichersinfonien Nr. 7 und Nr. 12 gekoppelt. Die Heidelberger spielen schlank und direkt, weshalb gerade die Jugendwerke in ihrer Formstrenge gut klingen. Aber das Orchester spielt in der Dynamik extrem und in einem Tempo, das zuweilen etwas überzogen ist.

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