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Seine Herkunft war für den Thurgauer kein Thema – und dann hatte er plötzlich in Peru eine zweite Familie

Beni Stoller hatte kein Problem damit, adoptiert zu sein. Bis ein TV-Sender auf Veranlassung der Adoptivmutter seine leibliche Mutter im peruanischen Hochland fand und seine Welt aus den Fugen kippte.
Ingrid Schindler
Der Thurgauer Beni Stoller, 47, lernte dank RTL vor drei Jahren seine Ursprungsfamilie in Peru kennen. (Bilder: Andrea Stalder)Der Thurgauer Beni Stoller, 47, lernte dank RTL vor drei Jahren seine Ursprungsfamilie in Peru kennen. (Bilder: Andrea Stalder)
Die peruanische Familie: Fotos von Benis leiblicher Mutter und den Halbgeschwistern.Die peruanische Familie: Fotos von Benis leiblicher Mutter und den Halbgeschwistern.
Die Schweizer Familie: Beni Stoller mit seiner Frau Patricia (2. v. l.) und den drei Töchtern.Die Schweizer Familie: Beni Stoller mit seiner Frau Patricia (2. v. l.) und den drei Töchtern.
«Für mich ist und war sie mein einziges Mami»: Adoptivmutter Ella Stoller schaut mit Sohn Beni Fotos ihrer gemeinsamen Peru-Reise an.«Für mich ist und war sie mein einziges Mami»: Adoptivmutter Ella Stoller schaut mit Sohn Beni Fotos ihrer gemeinsamen Peru-Reise an.
Beni hält das Foto von Dominga in den Händen: Die Freude von seiner leiblichen Mutter über den wiedergefundenen Sohn ist unbeschreiblich.Beni hält das Foto von Dominga in den Händen: Die Freude von seiner leiblichen Mutter über den wiedergefundenen Sohn ist unbeschreiblich.
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«Meine Herkunft war für mich kein Thema»

Schwarzes Haar, feste Statur und warmes Milchschoggibraun, das man schwer verorten kann. Benjamin Tito Stoller fällt auf. Ein freundlicher, fleissiger, gelernter Maler, der in einer Seelenruhe friedlich schafft und geduldig in Thurgauer Mundart die Tücken eines Terrazzofino-Verputzes erklärt. Irgendwann frage ich ihn nach seiner Herkunft. «Viele wissen nicht, wo sie mich hintun sollen. Ich bin ein Schweizer aus Peru», antwortet er mit verschmitztem Lächeln. Irgendwo bei Chuquibambilla in den peruanischen Anden sei er geboren.

Ein paar Wochen später erfahre ich seine Geschichte: Benis Eltern, besser Adoptiveltern, gehen Anfang der 70er als Entwicklungshelfer nach Peru. Vater Stoller ist Käser aus dem Bernbiet und bildet im Rahmen eines Hilfsprojekts der Caritas Indios im Käsen aus. Mutter Ella, aus Thun, ist frisch verheiratet, schwer verliebt und schwanger. Sie lernt Spanisch und Ketschua, die meistgesprochene Indianersprache Südamerikas, unterstützt junge Indio-Mütter und bringt am 18. Mai 1971 ihr erstes Kind zur Welt.

«Iz hei me eifach zwöi Chind»

Fünf Wochen später, am 25. Juni 1971, gebiert die 18-jährige Schäferin Dominga ihr erstes Kind. Der Erzeuger hat sich aus dem Staub gemacht. Die Eingeborene lebt in primitivsten Verhältnissen, ist arm, schlecht ernährt, das Baby krank und viel zu leicht. Domingas Vater oder Ziehvater meldet es unter dem Namen Guillermo an. «Einen Tag später kam er zum Leiter unseres Hilfsprojekts und verlangte wie immer Vorschuss», erzählt Ella.

«Diesmal, weil das Büebli stirbt und begraben werden muss.»

Der Leiter bringt Mutter und Sohn ins Spital. Die Schäferin kehrt ohne das Neugeborene zu ihrer Herde zurück. Der Weg ins Spital ist weit.

«Bei einem unserer wöchentlichen Team-Essen auf der Hacienda habe ich beiläufig davon erfahren», so Ella weiter. «Nach zweieinhalb Monaten war das Büebli immer noch allein im Spital. Da habe ich gesagt, wisst ihr was, ich nehme das Chindli zu uns heim, dann hat’s Dominga viel näher und kann es besuchen.» Am 23. September holt sie es ab und erschrickt: aufgedunsener Bauch, immer noch schaurig unterernährt, nur Haut und Knochen. Tags darauf berichtet sie der Indigena, dass sie ihr Büebli nun jeden Tag bei ihr sehen und herzen könne, bis es genügend aufgepäppelt sei. Immer wieder fordert sie die Peruanerin auf zu kommen. Aber die kommt nie.

«Nach drei Monaten haben wir mit dem Amt geredet, es musste ja endlich etwas geschehen. Dominga hatte keinerlei Bindung zu ihrem Sohn aufgebaut und meinte, für das Kind sei es besser, wenn es bei uns bleiben könnte.» Dann nehmen die Dinge ihren Lauf. Die Stollers nehmen den Buben offiziell als Pflegekind auf, ein Jahr später adoptieren sie ihn. Sie nennen ihn Benjamin Tito, «denn, wenn wir einen Buben bekommen hätten, wäre es ein Benjamin geworden». Jetzt hätten sie halt zwei Kinder. Béatrice, fünf Wochen älter, grösser, weisshäutig, blond, und Beni, braun, klein, schwarzhaarig, wachsen wie Zwillinge auf. Beni sagt:

«Für mich gab es nie ein anderes Mami und einen anderen Papi.»

Der Bub entwickelt sich prächtig

1974 besteigt die vierköpfige Familie im Hafen von Lima das Schiff und erreicht nach 18 Tagen Genua, mit dreieinhalb Jahren kommen die Kinder erstmals in die Schweiz. Zwei Jahre später lässt sich die Familie im Thurgau nieder. «Mengisch» hätten ihr Bauersfrauen schon «blöds Züg» gesagt, findet Ella, aber «an sich bedeutungslos». Kontakt mit Dominga kann sie nicht halten, eine feste Adresse, Telefon, Briefe, Fotos, das hatten bzw. kannten die Indios nicht.

Der gutmütige Bub mit der Sonne im Herzen lernt Schwiizerdütsch und Deutsch – und vergisst Spanisch, seine «Muttersprache». Sprachbegabung ist seine Stärke nicht, ansonsten entwickelt er sich prächtig, nimmt das Leben leicht. Er ist «en Liebä», ein «Herziger», einer, den man gern hat. Familie, Verwandte und Umfeld behandeln ihn gut, die Schulzeit ist schön. «Probleme wegen meiner Hautfarbe gab es nie. Ich habe mir nichts dabei gedacht, dass ich anders aussehe als die anderen um mich herum. Kein Hänseln in der Schule, keine Anfeindungen, nichts. Im Gegenteil, alle haben mich bewundert, weil ich anscheinend immer so lang in den Ferien gewesen war», erinnert sich Beni. Relativ früh erfährt er von seinen Eltern, dass er adoptiert ist, aber das interessiert ihn nicht.

«Mir ging es gut, und ich fühlte mich wohl, warum also hadern? Meine Herkunftsfamilie kannte ich ja nicht.»

Die Adoption sei erst mit den eigenen Kindern zum Thema geworden. Seine beiden älteren Töchter wollen wissen, wo ihre Wurzeln liegen und warum sie anders aussehen. Beni spricht mit der Adoptivmutter. Auch die findet, dass der Sohn unbedingt seine biologische Mutter kennen lernen sollte. Und sie würde dieser so gern zeigen, was aus dem Würmchen geworden ist.

Die berühmte Stecknadel im Heuhaufen

Ella bringt den Stein ins Rollen. Sie will herausfinden, wo Dominga lebt. Nicht, dass man sich später Vorwürfe machen müsse. Sie wendet sich an die TV-Serie «Happy Day», um mit Hilfe der Redaktion die Indianerin zu finden. Wie eine Stecknadel im Heuhaufen. Der Sender winkt ab. Dann bewirbt sie sich mit Beni zum Schein bei «Wer wird Millionär?». Ein RTL-Team kommt zum Casting ins Haus. Ella und Beni fallen durch, nur eine von zehn Fragen beantworten sie richtig – in Wirklichkeit wird geprüft, ob sich Benis Geschichte für die RTL-Reihe «Vermisst» eignet. Bis zuletzt ahnt dieser nicht, dass Ella seine leibliche Mutter mit Hilfe von RTL suchen lässt.

Das ist drei Jahre her. Beni verreist mit Frau und Töchtern fünf Wochen nach Kanada, da er nach 20 Jahren von seinem Arbeitgeber Sonderurlaub bekommt. Just aus den Ferien zurück, schickt ihm die «Vermisst»-Moderatorin eine Videobotschaft: Visum, Impfung, Koffer packen, die peruanische Mutter sei nach langer Suche gefunden.

«E chli mis dihei» – und RTL live dabei

Bis dahin zog es Beni nie nach Peru. Nun sitzt er mit Ella im Flugzeug nach Juliaca. Die Stadt liegt auf 3800 m Höhe auf dem Altiplano, der Hochebene am Titicacasee. Dort wird ihm zum ersten Mal bewusst, «dass alle aussehen wie ich und die Leute nicht mich, sondern meine Mutter anschauen». Seine Welt steht kopf. «Ich spürte, da isch eh chli mis dihei. Alle reden auf Spanisch auf mich ein, weil sie mich für einen Einheimischen halten, aber ich verstehe kein Wort.» Das Spanisch der frühen Kindertage ist weg, vergessen, er kann es nicht mehr. Nichtsdestotrotz faszinieren ihn Land und Leute, deren Musik, Kultur und Einfachheit. «Ich habe gefühlt, das ist meins.»

Er lernt die Moderatorin und seine Betreuerin von RTL vor Ort kennen. Profis, die wissen, wie man mit hochemotionalen Situationen umgeht. Zum Warm-up reist man erst einmal wie Touristen durchs Inka-Land. Machu Picchu, Titicacasee, Cusco... Aufregend, aber nichts im Vergleich zum Höhepunkt der Reise in Macarimayo: Das Zugehen auf die Frau, die ihn geboren hat. Beni sagt:

«Sie zu drücken und zu umarmen, spüren, wo ich herkomme, wissen, wie sie aussieht, wer ich bin – das war etwas vom Schönsten in meinem Leben.»

Und Ella? Für sie war das Treffen der beiden der bewegendste Moment ihres Lebens: «Nach 44 Jahren Dominga wiederzusehen und ihr zu zeigen: ‹Schau, das ist aus deinem Bub geworden!› Das war der Moment meines Lebens. Etwas Schöneres habe ich nicht erlebt.»

Die Inka-Mutter ist sehr klein, zwei Köpfe kleiner als Beni, der mit seinen 1,70 m selber kein Hüne ist. Mitgenommen, alt und verbraucht, findet er, sieht die damals 62-Jährige aus. Auch seine vier jüngeren Halbgeschwister sehen viel älter aus als er. Das liegt nicht nur an den Lebensumständen, sondern an der Höhe und Sonne. Wenn man 4000 m Höhe nicht gewöhnt ist, löst das Kopfschmerzen und Übelkeit aus, wie bei der TV-Crew, die Benis Begegnung mit der Herkunftsfamilie filmt.

Dominga hoffte immer, ihn noch einmal zu sehen

Deren Häuser bestehen aus primitiven, winzigen Lehmhütten mit Blechdach, ohne Wasser und Strom. Plumpsklo auf der Wiese, ein Ofen aus Dung, eine Gasplatte zum Kochen. Drei Nächte verbringt Beni dort. Eine bei seiner Mutter, je eine bei seinen leiblichen Brüdern, einem Käser und einem Melker. «Es war einfach schön, bei der Mutter zu sein, nicht im Geringsten befremdlich», erzählt Beni.

«Dominga war glücklich. Sie hoffte immer, dass es mir gut gehe und sie mich noch einmal im Leben sehen könne. Dann könne sie sterben.»

Puh, das geht ans Herz. Unterhalten können sich die beiden nur mit Händen und Füssen und mit Ellas Hilfe bzw. der seiner Halbschwestern, die ins Spanische übersetzen. Dominga spricht nur Ketschua, die Sprache der Inkas.

Plötzlich eine zweite Familie

Zum Abschied wollen die Indios dem wiedergefundenen Bruder ein Kälbli und vier Laib Käse mitgeben. «Das Kälbli konnte ich ihnen ausreden, den Käse nicht», so Beni. «Sie haben nichts im Vergleich zu uns und geben einem so viel.» Er überlegt: «Ich hätte nie gedacht, dass man, wenn man an seinen Ursprung geht, merkt, man ist daheim. Das hat sehr viel verändert.» Nun hat er zwei Familien, zwei Daheim. Sein Leben gerät aus der Bahn.

Zu Hause in der Schweiz spricht er wenig, zieht sich zurück, möchte wieder nach Peru zurück. Eine schwierige Zeit für die Familie, «das hat uns auf die Probe gestellt», sagt Benis Frau Patricia. Sie und die Töchter finden ihn aggressiv, kommen nicht mehr an ihn heran. Er fragt sich, wie geht es den Brüdern, was machen sie gerade, wo gehöre ich hin? Ein Jahr später reist er erneut mit Mutter Ella und Schwester Béatrice nach Peru. Er will dort leben, weiss nicht mehr, wohin er gehört.

«Als die Fernsehleute mir gesagt haben, dass die Begegnung mit der Herkunftsfamilie eine substanzielle Krise auslösen kann, habe ich’s nicht geglaubt.»

Seine Frau rät ihm, Hilfe anzunehmen, sonst zerbreche die Familie. Kurzum, eine Kinesiologin in Weinfelden und Freunde helfen ihm, in sein altes Leben zurückzufinden. «Meine Familie, mein Leben, mein Daheim ist in der Schweiz. Eine zweite Familie in Südamerika habe ich dazubekommen.» Er ist sich sicher, dass er wieder hinfahren wird. Wie es ihn durchgeschüttelt hat, es seiner Frau erging und die Mädchen reagierten, wäre eine Geschichte für sich. Die älteste Tochter hat Adoption zum Inhalt ihrer Abschlussarbeit in der Schule gemacht.

Inzwischen waren seine peruanischen Brüder in der Schweiz. RTL hat die Reise bezahlt und die Stollers mit dem Besuch überrascht. Natürlich war der Sender live dabei. Das Wiedersehen wurde im Herbst 2018 als dritter Teil von Benis Geschichte ausgestrahlt. Taschentücher legt man sich am besten griffbereit, schon beim Trailer werden sie gebraucht.

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