Rassismus
Mein Nachbar, der Neonazi: So lebt es sich im Dorf der Rechtsextremen

Wie lebt es sich in einem Dorf, in dem die meisten Einwohner rechtsextrem sind? Unser deutsch-iranischer Autor wollte es wissen und tauchte in eine Welt zwischen Volkszorn und Freundlichkeit.

Michel Abdollahi *
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Wissen Sie, was eine national befreite Zone ist? Ich wusste es nicht. Bis ich für vier Wochen in eine hinzog. Jamel, ein kleines Dörfchen am Ende einer Sackgasse. Ein Grossteil der Bewohner sind Neonazis, ehemalige NPD-Funktionäre und generell dem rechten Spektrum nicht abgeneigte Menschen, die diesen kleinen Ort mit seinen 40 Einwohnern zu einem rechten Musterdorf umgewandelt haben.

Das Dorf in Nordwestmecklenburg gibt es schon lange, 1230 erstmals urkundlich erwähnt, nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der DDR geworden und seit der Wiedervereinigung hauptsächlich in Verbindung mit Rechtsextremismus wieder in Erscheinung getreten, bis sich selbst der Bürgermeister 2007 in einem «Spiegel»-Interview dazu bekannte, das Dorf aufgegeben zu haben. Beste Voraussetzungen für einen Deutsch-Iraner, dort ein paar Wochen zu verbringen.

Die ganze Reportage «Michel Abdollahi: Im Nazidorf» bei «Panorama – die Reporter» auf NDR
3 Bilder
Hitlers Geburtsort ausgeschildert.
Im ostdeutschen Jamel wird man von einem völkischen Wandgemälde einer Arier-Familie empfangen.

Die ganze Reportage «Michel Abdollahi: Im Nazidorf» bei «Panorama – die Reporter» auf NDR

NDR

Für die NDR-Sendung «Panorama – Die Reporter» wurde dort eine Wiese gepachtet, ein Häuschen gebaut und ich reingesetzt. Für die Themenwoche «Heimat» wollten wir erfahren, was in diesen Menschen vorgeht, die sich selbst offen als Neonazis bezeichnen und Wegweiser aufstellen, die Orte wie Wien/Ostmark, Narvik in Norwegen oder Hitlers Geburtstort Braunau am Inn ausschildern. Warum stehen diese Menschen unserem Wertesystem und dem Staat so ablehnend gegenüber und warum haben sie hier eine Art Mini-Disneyland für stramm rechtsdenkende Menschen erschaffen?

Brandstiftung im Dorf

Der erste Tag war unangenehm. Das Haus provozierte, die Kameras filmten alles. Wir waren nicht zum Spass hier, sondern, um eine Fernsehreportage zu drehen. Mir wurde schnell klar, dass meine ausländischen Wurzeln nicht das Hauptproblem waren, sondern unsere Kameras. Die Medien hatten hier schon so viel verbrannte Erde zurückgelassen, dass kaum einer mehr bereit war mit uns zu sprechen. Eine Sache machte das Projekt ungewollt erst richtig spannend. Im Dorf wohnt seit Jahren die Familie Lohmeyer. Ein Künstlerehepaar aus Hamburg-St. Pauli, das sich selbst als eine Art Leuchtturm des Widerstandes gegen die Nazis versteht.

Die Lohmeyers hatten mal eine grosse Scheune, sie brannte vier Tage vor unserer Ankunft nieder. Man vermutet Brandstiftung, die Lohmeyers hatten die Schuldigen schnell gefunden, die Rechten. Die wiederum beteuern ihre Unschuld, der Brand ist bis heute nicht aufgeklärt. Aus meinem ruhigen Aufenthalt mit langsamen Andockversuchen wurde ein kleiner Krimi, mit viel Staatsschutz, Ermittlungsbehörden und einer omnipräsenten Polizei.

Der Brand war für mich Nebenschauplatz, ich wollte mit den Nazis ins Gespräch kommen und das kam ich langsam auch. Zu meiner Überraschung fühlte ich mich Schritt für Schritt immer wohler in meinem Dörfchen. Je mehr man mit mir sprach, desto befreiter wurde ich. Irgendwann wurde es immer schwerer, zwischen normalem Nachbar und menschenverachtender Ideologie zu unterscheiden. Kaum einer wollte vor die Kamera, bis auf den Dorfchef und bekannten Neonazi Sven Krüger, der zum Sprachrohr der Gemeinde wurde.

Zwischen Dorfidylle, Wegweiser und dem Wandbild einer arischen Familie, das mich jeden Morgen durch mein Fenster aufs Neue daran erinnerte, wo ich hier gelandet war, entwickelten sich viele Gespräche. So zum Beispiel mit einer Dame am äussersten Ende des Dorfes, die ich immer wieder besuchte. Eine freundliche Dame, die die DDR in ihrer vollen Härte erlebt hatte, aber meinte: «Wenn es nach mir ginge, dann würde ich die Mauer wieder aufbauen. Drei Meter höher. Was will ich mit Reisefreiheit, ich bin doch seit der Wende nirgendwo hingefahren.» Eine wirklich nette Dame mit unglaublich viel Wut und einer ungemein ordentlichen Portion Alltagsrassismus, der ihr selbst aber, glaube ich, gar nicht wirklich klar war. Sie schmetterte einem die üblichen Parolen entgegen, die man heute mittlerweile täglich von Pegida und der AfD hört. Ob sie rechts sei, fragte ich sie. «Hören Sie mir auf damit. Ich habe mit den Nazis nichts zu tun», war die prompte Antwort. «Aber die (Nazis aus dem Dorf) helfen mir, wenn ich mal eingeschneit bin. Den Bürgermeister interessiert das einen Dreck. Obwohl es seine Aufgabe ist.»

Der Hass ist allgegenwärtig

Das die Nazis Nazis sind, wusste ich. Was sie wollen, wusste ich auch. Mittlerweile noch genauer. Deutschland den Deutschen, zurück zur alten Werteordnung (welche immer das auch sein mag), mehr Gemeinschaft, mehr Zusammenhalt, mehr Führung, etwas Nostalgie aus vergangenen Tagen, weg mit den Juden und dann wird Europa zurückerobert. Alles beim Alten.

Sie werden vom Staat genau beobachtet und beobachten den Staat zurück. Gucken, wie weit sie gehen können, stellen Wegweiser auf, malen arische Wandbilder, haben Waffen zu Hause und feiern Hitlers Geburtstag mit Reichskriegsflagge. Eine sichtbare, sehr präsente und nicht zu unterschätzende Gefahr. Dass im Dorf mit zehn Häusern aber sicher vier Parteien wohnen, die partout nichts mit dieser Ideologie zu tun haben wollen, aber dennoch von den meisten Menschen politisch hart rechts eingeordnet werden würden, zeigte mir die Ausmasse der Unzufriedenheit der Menschen in den neuen Bundesländern. Und die wirkliche Gefahr. Eine schleichende Gefahr, die sich in Ostdeutschland in dem hässlichen Unsinn namens Pegida ergiesst. Einen Namen haben sie auch für sich gefunden: besorgte Bürger. Klingt nämlich besser als nichtintegrierte Deutsche, die glauben Rassismus und Fremdenfeindlichkeit seien ein von der Meinungsfreiheit geschützter Standpunkt, den es zu verteidigen gilt. Und dieser Unsinn ergiesst sich gerade in Europa, das so viele Jahrhunderte für Werte wie Freiheit und Gleichheit gekämpft hat.

Egal wo ich in diesen vier Wochen war, gleich mit welcher Frage wir Passanten auf der Strasse konfrontierten, Demonstrationen von selbst ernannten Patrioten und sogenannten Heimattreuen besuchten, wurde immer klarer, dass der Hass nicht auf Jamel und seinen Wegweiser begrenzt ist, er ist in Ostdeutschland allgegenwärtig. Wo ich früher noch in die journalistische Trickkiste greifen musste und fragte, «Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber ...», reicht es einige Monate später, nur das Mikrofon hinzuhalten. Entweder schallt es zurück «Lügenpresse, mit solchen Leuten rede ich nicht» oder es sprudelt aus den Menschen nur so heraus. Diese Menschen suchen keinen Dialog, sie laden Frust und Hass ab.

Besorgte Rassisten

Es waren harte vier Wochen und es war nicht Jamel, sondern die gesamte Stimmung in Ostdeutschland, die es so unerträglich machte. Wir haben diese Menschen nach der deutschen Einheit in einer zeitlichen Transitzone zurückgelassen und ernten jetzt schlecht integrierte Deutsche, die mit der aktuellen Situation völlig überfordert sind und ihrem Frust auf der Strasse Luft machen. Bis vor kurzem nur durch Spaziergänge und bei Facebook, seit kurzem durch Messerattacken auf Politiker und hochgradig widerwärtige Inhalte der Redner unter dem Gelächter des Publikums, wie bei Akif Pirinçci.

In Jamel haben uns die Nazis ihr Gesicht immer wieder gezeigt. Der freundliche Nachbar von nebenan marschiert dann doch bei genau diesen Demonstrationen mit und verteidigt eine Heimat, die gar nicht danach gerufen hat, sie zu verteidigen. Aber bei meinem Nachbar, dem Nazi, weiss ich, woran ich bin. Bei den besorgten Rassisten weiss ich es nicht. Beides ist gefährlich, denn beides marschiert und gehört zusammen.

Ostdeutschland wurde nach der deutschen Einheit vergessen. Der Westen hat sie überrollt. Ich frage mich aber, warum es zu so einem massiven Rechtsruck in der Schweiz gekommen ist. Wer hat euch vergessen? Rassismus ist keine Meinung, es ist ein Verbrechen. Rechtspopulismus ist nichts anderes. Und was aus dem werden kann, wissen wir ja alle.

*Michel Abdollahi ist Deutsch-Iraner. Der Performance-Künstler und Literat lebte für die Sendung «Im Nazidorf» des NDR vier Wochen als Reporter in dem Nazi-Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern.