«Mein Job ist es, eine Illusion zu schaffen»: Was der einzige Panoramakarten-Maler der Schweiz über seinen Job sagt

Wer malt die Schweizer Skigebiete so, dass man alles sieht und sich gut zurechtfindet? Wir haben den Mann gefunden.

Nik Salzmann
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Arne und Martina Rohweder wohnen in Egg ZH.

Arne und Martina Rohweder wohnen in Egg ZH.

Bild: Severin Bigler

Kaum jemand kennt seinen Namen. Aber alle kennen seine Bilder. Gerade in diesen Tagen scharen sich die Leute wieder um die Werke von Arne Rohweder, tragen sie im Kleinformat in der Jackentasche mit sich herum oder studieren die Details auf dem Smartphone. Arne Rohweder ist Panoramakartenmaler. Und zwar der einzige der Schweiz.

In vielen Schweizer Skigebieten wäre beim genauen Hinsehen auf dem Pistenplan in einer unteren Ecke der diskrete Schriftzug zu erkennen: Rohweder. Wäre – doch kaum jemand macht sich beim Betrachten Gedanken, wer diese Karte gezeichnet hat. Das macht nichts, Rohweder sucht nicht den künstlerischen Ruhm. Der 58-Jährige hat ursprünglich Kartograf gelernt. «Im Zeichnen von Figuren ist meine Frau besser als ich», sagt er.

Wenn auf einer Rohweder- Panoramakarte eine Schlittschuhläuferin, ein Snowboarder oder ein Steinbock zu sehen ist, hat ihn nicht Arne, sondern Martina Rohweder gezeichnet. Diese Arbeitsteilung ist per Zufall vor fast zehn Jahren entstanden. Arne Rohweder sollte damals einer Bündner Agentur eine Karte mit Figürchen im Stil von Schellen-Ursli liefern. «Meine Zeichnungen haben ihnen nicht gepasst», sagt er. Seine Frau fährt fort: «Ich habe an dem Abend rasch ein Mädchen mit Schlittschuhen auf einen Block skizziert und mich schlafen gelegt. Und was tat er?» Arne Rohweder lächelt. «Ich habe die Skizze eingescannt und dem Kunden gesendet.»

Solche Karten und Pistenpläne mit Illustrationen seiner Frau gefallen ihm besonders gut. «Mit solch spielerischen Elementen beginnt die ganze Karte zu leben», sagt er.

Das Weglassen musste er erst lernen

Er selber musste sich vor dreissig Jahren, als er sich bei Orell Füssli für das Zeichnen von Panoramakarten weiterbilden liess, zuerst ein Stück weit vom kartografisch geprägten Denken lösen. «Meine erste Karte zeigte Andeer. Es war ein Übungsstück, ich hatte sechs Monate daran gearbeitet, das Gebiet durchwandert, fotografiert, wollte beinahe jeden Baum darstellen.» Rasch musste er dann zu einer weniger aufwendigen Arbeitsweise finden und auch das Weglassen lernen.

Es ist die Stärke eines Panoramamalers, dass er sich nicht hundertprozentig an die Realität halten muss. Dass er Nebensächliches übergeht, um Platz für Wichtiges zu schaffen – das Tal ohne Skipisten tönt er nur an, das Dorf vergrössert er dagegen. Und auch in der Perspektive ist er flexibel. Zwar geht er bei der Arbeit von Landkarten aus, und auch Google Earth ist per Shortcut auf dem Desktop nie weit. Doch erst in seiner Zeichnung können die beiden einander gegenüberliegenden Flanken eines Berges gleichzeitig betrachtet werden. «Mein Job ist es, eine Illusion zu schaffen», sagt Arne Rohweder.

Die Skiliftlängen stimmen im Verhältnis immer

Diese Illusion liegt oft näher an der menschlichen Wahrnehmung als eine massstabsgetreue Abbildung. Denn unser Gehirn ist darauf spezialisiert, unseren Blick zu fokussieren auf das, was uns interessant erscheint. Doch dann gibt es auch wieder Details, die auf der Panoramakarte exakt stimmen müssen, weil sich die Touristen daran orientieren, zum Beispiel die Längen der Skilifte im Verhältnis zueinander.

Korrekturen sind im digitalen Zeitalter einfach umzusetzen. Wenn sich von einer Saison zur anderen etwas verändert, kann Rohweder mit ein paar Klicks eine Skipiste verschieben oder ein Piktogramm ergänzen. Für das Erstellen einer Sommer- und Winterversion muss er nicht mehr auf transparente Folien zurückgreifen. «Die letzten Farbtuben habe ich vor fünfzehn Jahren in den Keller geräumt», sagt er. Zeichnen bedeutet für ihn, mit einem Stift über ein Grafiktablett zu fahren, das die Bewegungen auf den Bildschirm überträgt.

Seine Zeichnungen sind heute interaktiv

Einst hatte er befürchtet, die Digitalisierung werde ihn arbeitslos machen. Doch die Touristikbranche wünscht zunehmend, dass Karten Emotionen auslösen – statt trockener Piktogramme sind Zeichnungen von ­Menschen und Tieren gefragt. Digitale Geräte haben die ­Panoramazeichnungen nicht verdrängt, sondern integriert. Wer im Smartphone sucht, welche Pisten geöffnet sind, gelangt vielleicht auf die interaktive Version einer Rohwederschen Karte. «Unsere Produkte sind heute nicht mehr nur zur Information da, sondern auch ein Werbemittel», stellt Rohweder fest.

Um die 300 Karten hat er in den vergangenen Jahren wohl erstellt, schätzt er. Das Büro haben die beiden in ihrer Familienwohnung in Egg, einem Dorf zwischen Zürich- und Greifensee. Arne Rohweder erinnert sich noch gut an jenen Auftrag vor einer Korsika-Reise, den er in letzter Sekunde noch auf CD brannte, während die Frau mit den Kindern und einem Teil des Feriengepäcks bereits zur Tramhaltestelle ging.

Für das Zeichnen der Karten muss er den Bürostuhl nicht verlassen. Aber er ist gerne und oft draussen unterwegs und kennt fast alle Gebiete, die er gezeichnet hat. Eines seiner Hobbys betreibt er gar wettkampfmässig: den Orientierungslauf; sowohl zu Fuss als auch auf Skiern und auf dem Velo. «Etwas mit Karten muss es schon sein», sagt Arne Rohweder.