Mehr Transparenz

Konsum Lebensmittelverpackungen versprechen oft mehr, als der Inhalt hält. Eine deutsche Internetseite geht dreisten Täuschungen nach. Die Schweiz prüft eine vergleichbare Plattform. Yvonne von Hunnius

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Sind die Cornflakes in der Packung wirklich gesund oder ist der Zuckeranteil immer noch zu hoch? (Bild: fotolia)

Sind die Cornflakes in der Packung wirklich gesund oder ist der Zuckeranteil immer noch zu hoch? (Bild: fotolia)

Im Supermarkt kämpfen dreissig Joghurtsorten um die Aufmerksamkeit der Konsumenten. Kein Wunder, dass oft Gesundheit und Naturschutz zum Löffeln versprochen werden. Nur wer das Kleingedruckte liest, erfährt die ganze Wahrheit: Da entpuppen sich schwarze Oliven als gefärbt und Fitness-Frühstücksflocken als Kalorienbomben. Doch kaum jemand hat Zeit, sich mit der Zutatenliste näher zu beschäftigen oder Beschwerdebriefe an Hersteller zu senden. Das erledigt seit Juli dieses Jahres für deutsche Konsumenten die Internetplattform lebensmittelklarheit.de, die von Verbraucherzentralen geführt und durch die Bundesregierung finanziert wird.

Was ist wirklich drin?

Die Resonanz der Seite zeigt, wie viel Frust sich bei Konsumenten aufgestaut hat. «Zu Beginn verzeichneten wir zwei Millionen Zugriffe pro Tag, was für unser System zu viel war», sagt die Projektverantwortliche Janina Löbel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen Deutschland. Man musste technisch und personell aufrüsten. Denn wer sich getäuscht fühlt, kann es schlicht melden. Experten prüfen die Beschwerde und wenden sich an den Hersteller, der binnen sieben Tagen Stellung nehmen muss. Dann wird das Produkt mit oder ohne deren Kommentar veröffentlicht. In manchen Fällen hat das schon zu Konsequenzen geführt. So enthalten Wasabi-Nüsse von Lorenz nun Wasabi-Pulver statt lediglich dessen Aroma. Den Betreibern geht es nicht um die Aufdeckung von Rechtsbrüchen. Löbel sagt, dass die Hersteller sich durchaus an die Gesetze hielten. Herausgestellt werden soll, wo Graubereiche bei Aufmachung und Kennzeichnung bestehen.

Bern wird aktiv

Die Internetseite wurde auch in Bern aufgerufen. Michael Beer, Leiter der Abteilung Lebensmittelsicherheit des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), sagt: «Schön an der Seite ist, dass die Konsumenten zu mehr Informationen kommen. Denn unsere Aufgabe ist es, dass die Konsumenten ausreichend informiert sind.» Aber das Tool, mit dem die Konsumentinnen und Konsumenten einzelne Produkte oder deren Kennzeichnung melden können, sei umstritten. So könne man zwar besser herausfinden, wo genau den Konsumenten der Schuh drücke, sagt er. Aber es berge auch Tücken, unter anderem rechtliche. Konsumentenorganisationen haben grosses Interesse angekündigt. Sie fordern staatliche Unterstützung für eine ähnliche Website in der Schweiz.

Deshalb hat Beer Mitte September die vier Schweizer Konsumentenschutzorganisationen sowie die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) und das Eidgenössische Büro für Konsumentenfragen (BFK) eingeladen, um über Wünsche und Machbarkeit zu sprechen. Die Führung sollte eine der Organisationen übernehmen, das BAG will nur koordinierend wirken. Bald besucht eine Schweizer Delegation der Konsumentenorganisationen die deutschen Kollegen.

«Spätestens in zwei Jahren»

Der Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), Sara Stalder, kann es nicht schnell genug gehen: «Ich hoffe, dass wir im Frühjahr konkrete Pläne vorliegen haben und spätestens in zwei Jahren eine vergleichbare Seite online geht.» Das deutsche Konzept könnte in Grundzügen übernommen werden. Die Unterstützung des Bundes sei aber unerlässlich. «Wir setzen auf die Kooperationsbereitschaft der Lebensmittelhersteller, doch wenn diese ihre Justiz auffahren, brauchen wir einen starken Partner.»

Auch das Konsumentenforum (kf) begrüsst die Initiative. Vizepräsident Urs Klemm sieht in der Schweiz grossen Handlungsbedarf hinsichtlich der Auslegung des Täuschungsverbots, das im Schweizer Lebensmittelgesetz festgelegt ist (siehe Kasten). Neue Herausforderungen brächte auch eine baldige Harmonisierung mit EU-Verordnungen. Konsumenten sollen damit ihren Kauf «wohlinformiert» tätigen. Bei der Umsetzung der Plattform für die Schweiz müsse man laut dem neuen kf-Geschäftsführer Philippe Strub jedoch auf hiesige Besonderheiten eingehen. «Gerade die Mehrsprachigkeit muss berücksichtigt werden.»

Neuer Kanal zu Kunden

Mit der Plattform soll kein Pranger geschaffen werden. Die Erfahrungen aus Deutschland zeigen, dass zwar manche Hersteller die Stellungnahme verweigern, doch die meisten kooperieren. Der Lebensmittelkonzern Emmi etwa würde mitmachen. Schon heute werde jedes Konsumentenanliegen bearbeitet und beantwortet, eventuell auch durch eine Produktanpassung. Mediensprecherin Sibylle Umiker: «Diesen direkten und konstruktiven Dialog zieht Emmi einer öffentlichen Plattform grundsätzlich vor. Selbstverständlich würde Emmi aber auch zu Konsumentenanliegen Stellung nehmen, die ihr über eine amtliche Plattform zugetragen werden.»