«Mehr Pornos und Sexspielzeuge»: Wie die Coronakrise das Sexleben von Paaren verändert

«Mehr Pornos und Sexspielzeuge»: Wie die Coronakrise das Sexleben von Paaren verändert

Die einen wollen, können aber nicht und die anderen können, wollen aber partout nicht. Beim Sex scheiden sich die Geister.

Deborah Gonzalez
Drucken
Teilen

Während die Welt seit über einem Monat gefühlt stillsteht, herrscht zu Hause das grosse Gefühlschaos. Bereits am Anfang des Lockdown haben Experten davon gesprochen, dass es in neun Monaten entweder einen Babyboom oder eine erhöhte Scheidungsrate geben wird – oder beides. Doch wie sieht es wirklich aus? Wie leben Paare mit der momentanen Situation, und – was noch viel wichtiger ist – was ist mit Sex? Die Killwangenerin Paar- und Sexualtherapeutin Nancy Glisoni sagt:

«Es gibt zwei Bedürfnisgruppen. Die Paare, die Kinder haben, und diejenigen, die keine Kinder haben. Das Verlangen nach Sex unterscheidet sich im Moment klar.»

Home-Office, Kinder und Verpflichtungen seien lustvollem Sex nicht immer förderlich.

«Die Paare sind schnell erschöpft und wünschen sich Abstand und Ruhe.»

Bei Paaren ohne Betreuungsverpflichtungen sieht das mehrheitlich anders aus. Dort gelten keine Regeln, ihnen steht alles frei. «Paare können jetzt am Morgen oder einfach einmal am Nachmittag Sex haben. Es öffnen sich ganz andere Zeitfenster», sagt Glisoni.

Doch nicht bei allen kinderlosen Paaren sieht das Sexleben rosig aus. Die 29-jährige Melina lebt seit vier Jahren mit ihrem Partner zusammen. Ein Paar sind sie schon seit sechs Jahren. Und die Lust auf Sex? Die gebürtige Italienerin erklärt:

«Seitdem das Coronavirus Thema ist, habe ich keine Lust mehr auf Sex.»

Normalerweise liebe sie den Geschlechtsakt, doch jetzt könne sie sich einfach nicht überwinden. Zu viele Sorgen und Ängste habe sie. Die Ansteckungsgefahr stehe ganz oben auf ihrer Liste.

Sollen Paare wegen Corona nur noch mit Masken nebeneinander schlafen?

Sollen Paare wegen Corona nur noch mit Masken nebeneinander schlafen?

Bild: Alamy

«Absoluter Quatsch», sagt Paartherapeutin Birgit Willi. «Wenn man im selben Haushalt lebt, kann man, auch ohne Sex zu haben, davon ausgehen, dass man den Virus hat, wenn der Partner ihn hat», erklärt die Zürcherin. Melina ist das egal, sie ist der Meinung, dass Sex die Situation verschlimmern würde. Dass sie mit ihrem Freund in einem Bett schläft und den ganzen Tag zu Hause mit ihm eingesperrt ist, mache keinen Unterschied.

«Selbst wenn ich mich nicht explizit beim Sex anstecke, kann ich nicht über meinen Schatten springen.»

Der Alltagsstress nehme sie zu sehr mit und belaste sie. Das wiederum sei ganz normal, sagt Paartherapeutin Willi: «Es herrscht Dauerstress, und das führt dazu, dass es einem schwerfällt, sich auf Sex einzulassen. Ausserdem steht er bei vielen nicht auf dem ersten Platz der momentanen Prioritätenliste.»

«Es gibt keinen Grund, keinen Sex zu haben»

Bei Melina scheint der Fall klar zu sein, aber wie sieht es bei ihrem Freund aus? «Es ist schwer für ihn, da wir früher oft miteinander geschlafen haben. Aber er muss sich daran gewöhnen – ihm bleibt ja nichts anderes übrig», sagt sie. Versucht habe er es oft. Am Anfang der Quarantäne sei insbesondere nachts die Hand oft auf Melinas Oberschenkeln hinaufgewandert. Doch sie hat ihn immer wieder abgewimmelt. Ihre Beweggründe verstehe er nicht, sagt die 29-Jährige. Trotz der Sexflaute ist sie sicher, dass sie nach dem Lockdown wieder in ihr gewohntes Sexleben zurückfinden wird.

Fast 30 Jahre älter als Melina ist Ruth. Sie schwebt auf Wolke sieben und ist, laut ihrer eigenen Aussage, in Sachen Sex am Höhepunkt angelangt. Seit drei Wochen datet sie jemanden, den sie als ihren festen Freund bezeichnet. Das erste Mal Sex hatten die zwei vor zwei Wochen.

«Es war magisch, und seitdem können wir auch nicht mehr aufhören.»

Das Virus mache weder ihr noch ihrem Partner etwas aus. «Sex macht Spass, und es lässt einen den Stress vergessen.» Auch die Paartherapeutinnen raten dazu, weiterhin Sex zu haben. «Mit Sex fühlt man sich lebendig. Es gibt keinen Grund, keinen Sex zu haben. Und je öfter man es macht, desto entspannter ist man danach», sagt Willi.

Normale Sextoy-Geschäfte litten unter der Coronakrise – Onlineshops dagegen profitierten.

Normale Sextoy-Geschäfte litten unter der Coronakrise – Onlineshops dagegen profitierten.

Bild: Keystone

Von Telefonsex über Sexting bis hin zu Mindful Sex

Ein grösseres Zeitfenster für Sex hat Ruth aber nicht, denn sie und ihr Partner arbeiten trotz Corona normal. Trotzdem nehmen sie sich viel Zeit für Berührungen und Sex, sagt die Aargauerin. Es sei ihr wichtig, diese Zweisamkeit zu teilen. «Dann ist man nicht allein, und das hilft enorm.»

Mit der Beziehung habe sie auch neue Interessen entfaltet. Sexspielzeug sei etwas, was sie früher nicht einmal angeschaut hätte. Heute hat sie zusammen mit ihrem Partner sogar etwas bestellt. Und nicht nur sie, wie Paartherapeutin Glisoni sagt:

«In der Quarantäne schauen die Leute nun mehr Pornos, bestellen Spielzeug und setzen sich mit dem Thema Sex auseinander.»

Auch wenn das heisst, dass man sich mit seiner eigenen Sexualität auseinandersetzen muss. Denn nicht alle Paare haben das Glück, zusammenleben zu können. Die 23-jährige Nora trennen 320 Kilometer von ihrem Freund, der in München lebt. Normalerweise kann das Paar gut mit der Entfernung umgehen, erzählt die Zürcherin. Doch seit dem Lockdown ist es anders:

«Wir haben uns seit einem Monat nicht mehr gesehen. Ich bin am Durchdrehen.»

Sex ist derzeit nicht möglich. Irgendwie doch, sagt Glisoni. «Man kann natürlich auf eine andere Art von Sex zurückgreifen.» Telefonsex, Sexting und Selbstbefriedigung seien grosse Themen in Zeiten des Coronavirus. Auch Nora und ihr Partner haben alles probiert, um sich nahe sein zu können. «Wenn es nicht körperlich geht, dann halt so», sagt sie.

Am Anfang sei es befremdlich gewesen, sich gewisse Sachen per Telefon zu sagen, doch jetzt empfinde sie es sogar als «sehr heiss». «Es ist sicher etwas, was wir auch nach der Quarantäne machen werden», sagt sie.

Etwas neu zu entdecken, sei in der momentanen Lage typisch, sind sich beide Paartherapeutinnen sicher. Wichtig ist es, mit dem Partner zu reden, auf einer Wellenlänge zu sein und sich zu verwöhnen. «Egal wie», sagt Glisoni. Sei es durch wohlwollende Gespräche, Berührungen oder Zärtlichkeiten. «Wichtig ist es, auf den Partner einzugehen.» Stichwort: Mindful Sex, was so viel heisst wie durch Achtsamkeit zu mehr Genuss beim Sex zu kommen. «Das liegt momentan im Trend, ist aber nicht jedermanns Sache», sagt Paartherapeutin Willi. Man müsse sich in der Partnerschaft bewusst werden, wie man zur Lust kommt und welche Fantasien man hat. Achtsamer Sex sei aber kein Muss, sagt die Zürcherin, denn:

«Im Endeffekt muss der Sex befriedigend sein.»