Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Masern zerstören das Immunsystem

Der Masern-Virus zerstört das Gedächtnis des Abwehrsystems. Zwei aktuelle Studien belegen, dass noch Jahre später Patienten anfälliger auf andere Krankheiten sind.
Niklaus Salzmann
Mit den roten Punkten verblasst nach einer Maserninfektion auch das Immunsystem. (Bild: Urs Flüeler/Keystone)

Mit den roten Punkten verblasst nach einer Maserninfektion auch das Immunsystem. (Bild: Urs Flüeler/Keystone)

Das Fieber klingt ab, der Hautausschlag geht zurück – wer die Masern überstanden hat, kann erst mal aufatmen. Doch ausgestanden ist es damit nicht. Denn über Jahre hinweg wird er oder sie noch besonders anfällig für andere Krankheiten sein. Diese Hypothese stützen zwei neue Studien, die gestern in den renommierten Fachzeitschriften «Science» respektive «Science Immunology» publiziert wurden.

Dass auf die an sich schon gefährlichen Masern oft andere Erkrankungen folgen, wurde schon früh beobachtet: 1908 berichtete ein Privatdozent in der «Deutschen Medizinischen Wochenschau» von derartigen ­Erfahrungen. Bis heute sterben besonders in Ländern mit mangelhafter medizinischer Versor­gung oft Patienten an Folgeerkrankungen der Masern, etwa Lungenentzündungen.

Immunsystem von Kindern bis zu fünf Jahre lang geschwächt

Doch erstaunlicherweise zeigt sich die Schwächung des Immunsystems nicht nur während und kurz nach der Masernerkrankung, sondern noch zwei bis drei Jahre danach. Das hatte ein Team von Wissenschaftern um den US-amerikanischen Epidemiologen Michael Mina im Jahr 2015 aus Gesundheitsdaten aus England und Wales, den Vereinigten Staaten sowie Dänemark geschlossen.

Eine davon unabhängige Studie zeigte letztes Jahr sogar einen noch länger anhaltenden Effekt: Kinder mit Masern mussten in Grossbritannien bis fünf Jahre nach der Infektion häufiger mit Antibiotika behandelt werden. Philipp Jent, Oberarzt Infektiologie am Inselspital in Bern, sagt:

«Aus der klinischen Erfahrung ist bekannt, dass Menschen nach den Masern häufiger hospitalisiert werden müssen. Diesen Effekt gibt es auch bei anderen schweren ­viralen Infekten. Gut belegt ist er für ­Influenza, die echte Grippe.»

Weniger klar ist, wie die Infektion mit den vermehrten Gesundheitsproblemen in der Folgezeit zusammenhängt.

Die beiden gestern erschienenen Studien sollen nun mehr Licht in die Sache bringen. Diesmal hat das Team von Wissenschaftern um Michael Mina Blutproben von 77 Kindern vor und nach einem Masernausbruch in den Niederlanden untersucht. Betroffen waren vorwiegend orthodoxe Protestanten, die aus religiösen Gründen nicht geimpft waren.

Nach Masern ein Abwehrsystem wie ein Baby

Zwei Monate nach der Maserninfektion fehlten zwischen 11 und 73 Prozent der Antikörper im Blut der Kinder. Antikörper sind gewissermassen das Gedächtnis des körperlichen Abwehrsystems – sie erinnern sich an frühere Infektionen und können im Körper bereits bekannte Erreger rasch bekämpfen.

Das Immunsystem nähere sich durch die Masernerkrankung einem Zustand, wie er bei Babys zu finden sei, die nur beschränkt auf neue Infektionen reagieren können, hiess es gestern in einer Medienmitteilung zu einer der Studien. Der Effekt zeigte sich auch in Versuchen mit Menschenaffen und Frettchen. Die Masern könnten so sogar die Wirkung früherer Impfungen gegen andere Krankheiten auslöschen. Bei manchen Kindern sei der Effekt so stark, als würden sie Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems nehmen.

Die Forscherinnen und Forscher schliessen aus ihren Ergebnissen, dass die Masernimpfung auch Todesfälle durch andere Infektionen verhindert. Der Nutzen der Impfung könnte deshalb noch grösser sein, als von der Weltgesundheitsorganisation angegeben – dort rechnet man immerhin mit über 21 Millionen verhinderten Todesfällen seit dem Jahr 2000.

Bei einer Impfung wird das System nicht geschwächt

Tatsächlich scheint sich die langfristige Störung der körperlichen Abwehr nur bei einer Masernerkrankung zu zeigen, nicht aber bei einer Masernimpfung. Für Philipp Jent vom Inselspital ist das nicht erstaunlich. «Die Masern sind eine schwere Infektion, bei der das Immunsystem sehr stark reagiert und sozusagen in einen Überlebensmodus schaltet», sagt er. Und:

«Die Impfung alleine führt nicht zu dieser überschiessenden Reaktion des Körpers.»

Es gibt in Studien gar Hinweise darauf, dass Masernimpfungen den Körper bei der Abwehr anderer viraler Erkrankungen stärken könnten.

Früher waren Masern eine weitverbreitete Krankheit, an der regelmässig Leute starben. Seit der Einführung der Impfung – in der Schweiz im Jahr 1964 – tritt sie sehr viel seltener auf. Allerdings ist das Virus hochansteckend. Dieses Jahr sind in der Schweiz bislang etwas mehr als 200 Leute daran erkrankt, zwei sind gestorben. Eine Epidemie mit über 1000 Toten gab es Anfang Jahr in Madagaskar.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.