Marlene singt Marlene

Sie trägt ihren Namen und singt ihre Lieder: Marlene Indlekofer, gebürtige Marlene Dietrich aus St. Margrethen, entdeckte mit 66 ihr Talent, die rauchige Stimme des Stars aus den 40er-Jahren zu imitieren. Und hat damit immer mehr Erfolg.

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«Wie einst Lili Marleen»: In ihren wöchentlichen Gesangsstunden übt Marlene Indlekofer-Dietrich die Stimme ihres grossen Vorbilds. (Bild: Ennio Leanza)

«Wie einst Lili Marleen»: In ihren wöchentlichen Gesangsstunden übt Marlene Indlekofer-Dietrich die Stimme ihres grossen Vorbilds. (Bild: Ennio Leanza)

Ein kleines Studio an der Wildeggstrasse in St. Gallen. Der Blick schweift durch das geöffnete Fenster über die Dächer der Altstadt. Am schwarzen Flügel sitzt Winfried Stier, ehemaliger Statistik-Professor an der Uni St. Gallen, heute Hobby-Korrepetitor. Neben ihm steht Rodolfo Mertens, international gefragter Bariton und Gesangslehrer. Aus voller Kehle, mit rauchiger Stimme, singt seine Schülerin ins Mikrophon: «Bei der Kaserne vor dem grossen Tor steht ne Laterne, und steht sie noch davor, da wollen wir uns wieder sehn, bei der Laterne wollen wir stehn, wie einst Lili Marleen… »

Marlene Indlekofer, geborene Marlene Dietrich, strahlt. Sie ist ganz in ihrem Element, singt voller Inbrunst und mit einer Prise Frivolität die Lieder des gleichnamigen deutschen Stars der 30er- und 40er-Jahre. «Halt», unterbricht der Lehrer seine Schülerin. «Zieh die Sätze nicht in die Länge. Und atme in den Bauch!» Marlene beginnt von vorne, atmet tief durch: «…bei der Laterne wollen wir stehn, wie einst Lili Marleen…»

Das kleine Künstler-Team kennt sich seit drei Jahren. Jeden Dienstag um 16 Uhr trifft es sich, um gemeinsam das Repertoire von Marlene zu üben. Denn längst sind Lehrer und Pianist vom Talent ihrer fast 70jährigen Schülerin überzeugt.

Alles begann mit einer Hochzeit

«Marlene Dietrich singt Marlene Dietrich», lacht die Rheintalerin in der Pause. «Alles hat mit der Hochzeit meines Sohnes begonnen und mit meinem Mädchennamen, den jeder kennt. Als Stefan vor vier Jahren im Appenzellerland heiratete, wollte ich ihm eine Überraschung bereiten», erzählt die Mutter. «Weil mein Sohn Reden und Attraktionen nicht mochte, fürchtete ich, das Fest könnte langweilig werden.» Da sei ihr plötzlich eine Idee gekommen: «Ich erinnerte mich, dass ich als Mädchen Marlene Dietrich geheissen hatte. Warum also nicht ein paar bekannte Lieder der legendären Schauspielerin an der Hochzeit vortragen?» Die damals 66jährige hatte aber seit ihrer Kindheit nie mehr gesungen, konnte weder Noten lesen, noch waren ihr die Texte von Marlene Dietrich geläufig.

Im Wohnwagen geübt

Wer die lebensfrohe, willensstarke Hobbysängerin kennt, weiss, dass sie nichts von ihrem Vorhaben abbringen konnte. «Ich sperrte mich in meinem Ferien-Wohnwagen bei St. Margrethen ein, damit mich niemand hören konnte, und übte mit Hilfe des Tonbands Tag und Nacht die Lieder meiner Namensvetterin. Ich wählte all die berühmten Melodien: <Ich bin von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt>, <Ich habe einen Koffer in Berlin>, <Johnny> und natürlich <Lili Marleen>.»

Dank der Hilfe einer Freundin, die eine Künstleragentur hatte, engagierte Marlene Indlekofer einen Pianisten, der sie begleitete. Die Texte zu den Melodien schrieb sie von Hand auf und liess diese von einer Kollegin am Computer kopieren.

«Alles musste schnell gehen: Die Hochzeit war in vier Wochen. Meine Bekannten warnten mich, dass ich das Fest verderben würde, wenn meine Singerei ein Flop würde.» Ihre Darbietung wurde kein Flop. Im Gegenteil: Als die Mutter ihre Tracht heimlich mit einem langen, glitzernden Kleid tauschte und den 85 Gästen ein halbes Dutzend Marlene-Dietrich-Songs mit perfekt imitierter Stimme vortrug, blieb kein Auge trocken.

Nur nicht «Marlene»

Von diesem Tag an begann für Marlene Indlekofer ein neues Leben. Das Leben als Sängerin. Ihr Dasein hatte nach vielen schweren und auch einsamen Jahren wieder einen Sinn bekommen. Denn das jugendliche, stets sonnige Wesen der 69jährigen Rheintalerin verrät nicht, wie hart und unbarmherzig das Leben mit ihr oft umgegangen war.

Aufgewachsen in Ravensburg, gab ihr die Mutter den Namen Marlene, passend zum Nachnamen Dietrich. «Mein Vater war sehr verärgert darüber, weil er auf keinen Fall eine Marlene Dietrich in der Familie haben wollte», erzählt die Sängerin. «Ich selbst hasste es, wenn man mich immer auf meine Namensvetterin ansprach, weil ich dann oft aufgefordert wurde, meine Beine zu zeigen.» Bald kam Marlene in eine Klosterschule. «Dort war es ohnehin verboten, die Lieder der Sex-Ikone zu singen.»

Mit 20 verliess sie Ravensburg und kam in die Schweiz, um in Aarau bei einer Konditorei zu arbeiten. «Ich musste ganz unten anfangen, nämlich als Angestellte im Privathaushalt der Inhaber. Meinen Traum, im Service des Cafés mitzuhelfen, gestattete man mir erst, nachdem ich an einem anderen Ort eine entsprechende Lehre absolviert hatte.» So verliess Marlene Aarau und ging nach Rheineck, um in der Café-Konditorei Indlekofer ihre Sporen abzuverdienen. Dort lernte sie ihren Mann kennen. Nach ihrer Heirat musste Marlene ihren Vornamen ablegen. «So heisst man doch nicht», sagte ihr Mann und nannte sie fortan Jeannette.

Schwere Jahre

Wenn Jeannette Indlekofer, alias Marlene Dietrich, auf ihre Ehe zurückblickt, erinnert sie sich an 17 schöne, aber auch harte Jahre: «Wir haben klein begonnen, doch bald hatten wir 20 Angestellte. Dann kamen meine Söhne Christof und Stefan zur Welt. Ich stand jeden Tag im Geschäft, bediente die Kundschaft. Die Konditorei war unser Leben. Für Freizeit blieb kaum Zeit.»

Als ihr Mann 1982 starb – Marlene war erst 44 und die Kinder noch nicht volljährig –, musste sie das Geschäft allein weiterführen. Später trat einer ihrer Söhne in die Confiserie ein. Als Christof vor zehn Jahren ganz unverhofft starb, brach für die Mutter eine Welt zusammen. Sie verkaufte das Geschäft, zog von Rheineck fort. «Vor lauter Kummer fiel ich in eine tiefe Depression, von der ich zum Glück fast ganz geheilt bin», sagt die Rheintalerin. «Seit ich meine neue Rolle als Marlene gefunden habe, ist das Leben wieder lebenswert.»

Immer mehr Auftritte

Auf ihren Auftritt am Hochzeitsfest ihres Sohnes folgten ganz unerwartet öffentliche Engagements. Im Café Schnell in Rorschach, zum Beispiel, im «Weissen Rössli» in Staad oder in der «Allgäu-Sonne» in Oberstaufen. «Die Menschen sind begeistert von meiner Stimme. Ich will Marlene Dietrich aber nicht als Mensch kopieren. Das wäre unmöglich. Sie war ein Vamp, ich bin eher ein burschikoser Typ. Sie hatte langes Haar, ich kurzes.» Sie fasziniere vor allem ihre Stimme. «Ich bewundere sie auch dafür, dass sie ihr Land während der Nazizeit verliess und nach Amerika auswanderte, um von dort aus gegen den Hitler-Faschismus zu kämpfen. Ich habe einige Bücher über ihr Leben und Wirken gelesen. Die vielen Briefe, die sie von Hemingway oder Jean Cocteau bekommen hatte, gefallen mir besonders gut.»

16 Lieder auswendig

Ihre neue Rolle kostet Marlene Indlekofer viel Zeit, bringt ihr aber auch viel Freude: «Inzwischen ist mein Repertoire auf 16 Lieder angewachsen. Ich kann alle Texte auswendig.» Die wöchentlichen Gesangsstunden seien ein fester Bestandteil ihres Alltags geworden. «Am liebsten übe ich draussen in der Natur: Dann spaziere ich über die Wiesen oder verstecke mich hinter einer Scheune und singe zu Marlenes Stimme auf meiner CD.» Ihre einzigen Zuhörer seien die Kühe.

Auf ihr Äusseres legt Marlene Indlekofer grossen Wert: «Ich trage noch immer die gleiche Kleidergrösse wie mit 20.» Regelmässig besucht sie ein Krafttraining oder schwimmt im alten Rhein neben ihrem Wohnwagen.

Zum Abschluss unseres Gesprächs singt Marlene Indlekofer mit ergreifender Stimme ihr Lieblingslied: «Johnny, wenn du Geburtstag hast, bin ich bei dir zu Gast, die ganze Nacht. Johnny, ich träum so viel von Dir, ach komm doch mal zu mir, nachmittags um halb vier…»

Es wird still im Raum. Die Zuhörer sind beeindruckt.

Yvonne Forster

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