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Nach Palermo, wo Märkte Theaterbühnen sind

Chaos, Abfall, Mafia: Lange hatte die Hauptstadt Siziliens keinen guten Ruf. Nun erobern die ­Palermitaner ihre Stadt zurück. Und sind stolz, dass sie dieses Jahr italienische Kulturstadt ist.
Sigrid Mölck-Del Giudice
Taxis an der Strassenkreuzung «Quattro Canti». (Bild: Bilder:)
Vor der Trattoria Torremuzza wird der Fisch auf dem Grill zubereitet.
In diesem Lokal wird seit 180 Jahren gesottene Kalbsmilz aufgetischt.
3 Bilder

Palermo

Palermo fasziniert nicht jeden auf den ersten Blick. Laut, chaotisch, unübersichtlich – so wirkt die sizilianische Kapitale bei der Ankunft. Der Weg zu ihren Denkmälern führt in ein 3000 Jahre altes Labyrinth: zu den steinernen Zeugnissen, mit denen die jeweiligen Eroberer die Stadt immer wieder neu gestaltet haben. Irritiert steht mancher Besucher da und fragt sich: Ist San Cataldo mit seinen rosafarbenen Kuppeln denn nun eine Kirche? Oder vielleicht nicht doch eine Moschee? Und wieso sind manche Strassen in Arabisch und Hebräisch beschildert? Selbst die Palermitaner tun sich da manchmal schwer. Phönizier, Griechen, Byzantiner, Normannen: wie soll man sich da auch schon genau auskennen?

Als die Araber die Inselmetropole Anfang des 9. Jahrhunderts zur Hauptstadt ihres sizilianischen Emirats machten, errichteten sie Lustschlösser, zahllose Moscheen und legten legendäre Zitrushaine und Weingärten an. Die Stadt erwachte zu wahrer Blüte. Unter den Normannen, im 12. Jahrhundert, wurde dann Islamisches in Christliches umgebaut. Jede neue Herrscherschicht werkelte an den Palästen und Gotteshäusern herum. Die Kathedrale ist ein typisch sizilianischer Stilmix – allerdings mit erhabener Ausstrahlung.

Ein Parkplatz kommt einem Lottogewinn gleich

Eine Annäherung an Palermo bedarf einer gewissen Gelassenheit. Zur Stosszeit scheinen in der 670 000-Seelen-Metropole doppelt so viele Autos wie Einwohner unterwegs zu sein. Vespa­fahrer jeden Alters kämpfen waghalsig um jeden Zentimeter Asphalt. Ein Parkplatz in einer der modernen Einkaufsstrassen mit ihren eleganten Läden und Kaffeehäusern, in denen schon in den frühen Nachmittagsstunden das Leben tobt, kommt einem Lottogewinn gleich. Wer irgendwo in der dritten Reihe parkt, legt einfach einen Zettel mit seiner Handynummer aufs Armaturenbrett, damit er schleunigst herbeieilen kann, wenn jemand aus der zweiten Reihe rausfahren will.

Palermo ist vitaler als je zuvor. Wer noch vor wenigen Jahrzehnten in die von der Mafia gebeutelte Stadt kam, stand in tristen Gassen vor verriegelten Gotteshäusern und verfallenen Adelspalästen mit einst prächtigen Innenhöfen, die nun als Abfallhalden dienten. Die meisten Projekte zur Stadtsanierung kamen über die ersten symbolischen Arbeiten nicht hinaus. Gelder aus Rom und Brüssel verschwanden in den Taschen korrupter Bauunternehmer, die mit käuflichen Stadträten unter einer Decke steckten.

Bis nach der Ermordung zahlloser Unternehmer und Richter der Krieg der Mafia Anfang der Neunzigerjahre seinen Höhepunkt erreichte und die Toleranzgrenze der Palermitaner endgültig überschritten war. Eine anwachsende Anti-Mafia-Bewegung brachte neue Gesichter und vor allem einen kompromisslosen Bürgermeister ins Rathaus. Zwar konnte die Mafia nicht gänzlich ausgerottet werden, aber der Wille zum Aufbruch war da. Nach und nach wurden Strassen neu gepflastert und Teile der Altstadt saniert. In ehemalige Adelspaläste zogen Galerien und Luxushotels ein, die ein wenig «Gattopardo-Atmosphäre» versprühen. Couragierte Wirte eröffneten neue oder restaurierten alte Restaurants. Und vor allem wurde nach fast 30 Jahren das «Teatro Massimo», eines der grössten Opernhäuser Europas und ganzer Stolz der Palermitaner, wieder seiner Bestimmung übergeben.

Es riecht einladend nach gerösteten Innereien von Ziegen

Zum touristischen Pflichtprogramm gehören ebenso die Kathedrale mit den Königsgräbern, wie der Castello della Zisa oder der Normannenpalast mit seiner einzigartigen Cappella Palatina – eine perfekte Synthese des lateinisch-christlichen Westens, des byzantinischen Ostens und des Islam. Doch ihren wahren Reiz entfaltet die Stadt vor allem, wenn man ziellos durch die verwinkelten Gassen wandert und den ganz normalen Alltag beobachtet. Oft entdeckt man zwischen morschen Häusern wahre architektonische Schätze, besondere Plätze oder Märkte.

Die antiken Märkte, Vucciria und Ballarò, nehmen sich wie historische Theaterbühnen aus. Schon von weitem hört man die «abbaniate», mit denen die Händler ihre Waren anbieten. Es ist ein Singsang, der an den Ruf des Muezzin im Mittleren Orient erinnert. Die Menge der Kunden ist ebenso multikulturell zusammengewürfelt wie die der Verkäufer hinter ihren glitzernden Bergen von Kraken, Thunfisch, Muscheln und bunt sortierten Gemüsesorten. Es riecht einladend nach gerösteten Innereien von Ziegen und Lämmern, die traditionell am Spiess auf glühender Holzkohle bereitet werden. «Streetfood» gehört in der Altstadt von Palermo an allen Ecken zum Strassenbild.

Im antiken Stadtviertel La Kalsa sucht sich der Gast in manchen Restaurants im Freien den fangfrischen Fisch selber aus und lässt ihn gleich neben seinem Tisch grillen. Wer nach einem typisch palermitanischen Lokal für ein schnelles Mittagessen fragt, wird gern in die Antica Focacceria San Francesco geschickt. Dort werden schon seit 180 Jahren – nach den gleichen Rezepten –gesottene Kalbsmilz mit Fladenbrot aus Kichererbsenmehl und natürlich Arancini, die berühmten sizilianischen mit Fleisch oder Käse gefüllten und frittierten Reiskugeln, serviert.

Beim Spaziergang durch die engen Strassen stösst man auch immer wieder auf kleine Geschäfte, die gleichzeitig Werkstatt sind. Taschen, Gürtel, Kopfbedeckungen samt neumodischer Schirmmützen, einst ein Kennzeichen der «ehrenwerten Gesellschaft» – alles wird nach individuellen Wünschen und vor den Augen des Kunden hergestellt.

Nur für starke Nerven: Gruselkabinett in den Katakomben

Was früher einmal «igitt» war, kann man – intakte Nerven vorausgesetzt – in den «Catacombe dei Cappuccini», der grössten Mumiensammlung Europas, besichtigen. Dort stehen die Toten in schwarzen Anzügen, Spitzenkleidern und Kutten Spalier wie in einer Geisterarmee. Ein Gruselkabinett, das zu den touristischen Hauptattraktionen gehört.

Wer sich im Strassengewirr nicht auskennt, trifft sich gern an der Strassenkreuzung «Quattro Canti», Vier Ecken, wegen ihrer barocken Inszenierungskunst kurz «il teatro» genannt. Sie teilt die Stadt in vier annähernd gleiche Teile. Die belebte Shoppingmeile Via Maqueda führt schnurgerade an der Via Principe di Belmonte vorbei: Eine grüne Oase im Herzen der bevorzugten Gegend der Bourgeoisie, mit den ältesten Cafés der Stadt. Kürzlich, heisst es, sollen dort zur «Happy Hour» auch römische Abgeordnete gesichtet worden sein. Der Grund waren die Eröffnungsfeierlichkeiten im nahe gelegenen Teatro Massimo anlässlich der offiziellen Erklärung Palermos zur italienischen Kulturhauptstadt 2018 – mit fast 800 Events im Programm. Dazu findet in diesem Jahr die «Biennale Manifesta 12» in Palermo statt. Von Juni bis November wird die Kapitale zu einem Hotspot für zeitgenössische Kunst. «Doch diese einmalige Gelegenheit ist nicht als Kalender von Ereignissen zu sehen», stellte der Bürgermeister klar, «sondern wir zielen damit auf eine dauerhafte Entwicklung unserer Stadt.» In Palermo ist man entschlossen, in die Erste Liga der europäischen Kulturstädte aufzurücken. Die ersten Schritte wurden getan.

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