Interview
Marc Martel erhält die Queen-Songs am Leben: «Ich klang immer wie Freddie»

Marc Martel hat Freddie Mercury im Film «Bohemian Rhapsody» seine Stimme geliehen. Er beweist nun sein Können in Basel und Zürich.

Stefan Strittmatter
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Auch bald drei Jahrzehnte nach seinem Tod ist Freddie Mercury in aller Munde. Einer, der die Songs von Queen am ­Leben hält, ist Marc Martel. Ob mit The Queen Extravaganza oder mit One ­Vision of Queen, die aktuell auf Europa-­Tour sind: Der 43-jährige Kanadier verblüfft mit stimmlicher Ähnlichkeit zum 1991 verstorbenen Sänger.

Das Telefon-Interview eröffnet Martel mit einem Hustenanfall und einer Entschuldigung. Am Folgetag muss er das Konzert in Köln aus gesundheitlichen Gründen absagen. Die Auftritte in Basel und Zürich sind gemäss Veranstalter davon nicht betroffen.

Sie klingen erkältet. Welcher Song bereitet Ihnen nun die grössten Bauchschmerzen?

Marc Martel: Von den Hits dürften «The Show Must Go On» und «Who Wants to Live Forever» die schwierigsten sein. Hier ist Freddie ans Limit seines Stimmumfanges gegangen. Das Fiese daran ist, dass er das nur ein paar Mal im Studio gemacht hat, ich dagegen muss es jede Nacht auf der Bühne tun.

Live hat Mercury die hohen Noten ausgelassen. Dürfen Sie das nicht?

Nein. Wenn er das tat, war das für die Fans vollkommen ok. Aber ich werde an einem anderen Standard gemessen: Wer an meine Konzerte kommt, der will, dass es so klingt wie auf der Platte.

Sie müssen also der bessere Sänger sein als das Original?

(zögert)

Man könnte es so betrachten, aber ich würde das nie so sagen.

Wie schaffen Sie das?

Um zu klingen wie Freddie, darf ich auf keinen Fall so leben wie er. Sein Live­style war anders als meiner: Auf Tour hat er sich nicht sonderlich um seine Stimme gekümmert. Er war bekannt dafür, erst um 6 Uhr ins Bett zu gehen. Ich kann mir das nicht leisten. Ich gehe früh schlafen und mache nach Möglichkeit einen Bogen um Alkohol.

Abgesehen davon scheint es Ihnen sehr leicht zu fallen, wie Mercury zu klingen.

Ja, ich habe 14 Jahre lang meine eigene Musik gespielt und praktisch nach jedem Gig gehört, dass ich wie Freddie klinge. Das hat mir lange nichts gesagt, weil ich überhaupt kein Queen-Fan war.

Das glaube ich Ihnen nicht.

«Under Pressure» ist heute einer meiner Lieblings-Songs. Um zu beweisen, wie wenig ich von Queen wusste: Ich kannte «Ice Ice Baby» (das auf einem Sample der Basslinie basiert) lange davor. Ist das nicht traurig?

Dann war Mercury kein Vorbild?

Ich hatte andere Helden, die mich gesanglich inspiriert haben. Allen voran George Michael. Irgendwann habe ich mir dann die ganzen Queen-Sachen angehört. Ich fand die Band spannend und herausfordernd, fast wie eine Art Musikausbildung. Erst später merkte ich, dass Freddie einer der besten Rocksänger aller Zeiten ist. Nun hat es mir auch den Ärmel reingezogen und ich bin ein riesiger Fan.

Sie bezeichnen Queen als Schule. Was haben Sie konkret von Mercurys Gesang gelernt?

Ich habe die isolierten Aufnahmen studiert, die man auf Youtube findet. Ohne Musik hört man, wie er im Studio alles gegeben hat. Er ging ans Limit und weiter. Das hätte ich bei meiner Musik schon aus Selbstschutz nicht gemacht.

Wenn Sie sagen, Mercury habe seine Stimme forciert: War er rein technisch ein schlechter Sänger?

Ich hatte nie Gesangsstunden, aber Stimmcoaches haben mir mehrfach bestätigt, dass ich meine Stimme nicht beschädige. Und da ich klinge wie Freddie, nehme ich an, dass auch er mit seiner Stimme richtig umging. Aber im Rock darf man sich nicht an alle Regeln halten. Freddie hat hier sicher ein neues Level gesetzt.

Beim Singen gleicht Ihre Mimik jener von Mercury. Absicht?

Das höre ich oft. Zum Beispiel ziehe ich meine Unterlippe manchmal über die Zähne wie Freddie das tat. Aber ich habe nicht ihm das abgeschaut, sondern ich habe es von George Michael gelernt, der so einen luftigeren Ton bekam. Aber die Leute kommen an meine Konzerte, weil sie die Essenz von Freddie wollen, also versuche ich stimmlich alles, um ihnen das zu geben.

Sie sind ein Dienstleister?

Ich hätte mir nie vorgestellt, dass ich die Musik von jemandem anderen singen würde. Als Songwriter will man sein eigenes Zeug machen. Aber egal, was ich sang: Ich klang immer wie Freddie. Es gab kein Entkommen. Irgendwann habe ich das akzeptiert: Mein Kopf hat nun mal diese Form, die offenbar jener von Freddie ähnelt. So ist es nun mal. Und weil er vor mir kam, werde ich immer mit ihm verglichen werden.

Und deshalb sind Sie vor sechs Jahren zur Audition von Queen-Drummer Roger Taylor?

Es war eine verrückte Idee von Roger, mit der Queen Extravaganza eine offizielle Tribut-Band zu formieren, während es das Original weiterhin gibt. Ich mag verrückte Dinge, also ging ich zur Audition. Ohne die Zustimmung eines von Freddies engsten Freunden würde ich seine Songs nicht darbieten wollen. Ich habe zudem ganz am Anfang der Queen-Sache gemerkt, dass ich meine Identität bewahren muss. Ich werde mir also nie einen Schnauz ankleben oder eine gelbe Jacke tragen.

Wie reagierte Taylor, als er Sie singen hörte?

Vor Roger zu singen, war surreal. Ich hatte Mühe zu singen, während ich ­seine Reaktion auf meine Stimme ­beobachtete. Er war den Tränen nahe. Seither hat er oft das Wort «unheimlich» gebraucht.

Dann stellt sich die Frage, warum er Sie in der Coverband wollte und nicht bei Queen?

Ich wurde dafür nie angefragt. Adam Lambert kam in etwa zur gleichen Zeit zu Queen, als ich zur Extravaganza stiess. Ich habe diese Entscheidung der Band nie hinterfragt.

Obschon Sie deutlich mehr nach Mercury klingen als Lambert. Waren Sie zu nah am Original?

Ich kann hier nur Vermutungen an­stellen. Aber ich weiss, dass ich auch so handeln würde, wenn in meiner Band ein enger Freund stirbt. Mir wäre es sehr unangenehm, wenn mich der Neue immer an den Verstorbenen erinnern würde.

2019 kamen Sie dennoch dazu, in Mercurys Schuhe zu schlüpfen: Sie sind im Erfolgsfilm «Bohemian Rhapsody» zu hören.

Ja, ich habe da ein bisschen etwas gesungen.

Ist das der Satz, den Sie gemäss Stillschweige-Vereinbarung sagen dürfen? Gehe ich recht in der Annahme, dass man in dem Film hauptsächlich Ihre ­Stimme hört?

Jeder darf annehmen, was er möchte. Aber sagen wir es so: Sie liegen womöglich nicht ganz daneben. Ich darf wirklich nichts sagen, nur so viel: Im Abspann steht nur neben meinem Namen «additional vocals».

Hauptdarsteller Rami Malek wurde mit Lob überschüttet. Hat er Ihre Lorbeeren abbekommen?

Es war eine tolle Erfahrung und eine Teamarbeit. Das Ziel war, dass Malek in den Augen und Ohren der Betrachter zu Mercury wird. Deshalb verstehe ich auch die vertragliche Auflage, denn man will ja das Mysterium über den Film hinaus aufrechthalten. Dass viele Leute nun meinen, es sei sogar die Gesangsstimme von Freddie, freut mich. Ich nenne das: Mission erfüllt!

One Vision of Queen feat. Marc Martel: St.Jakobshalle, Basel, 29.Januar. Samsung Hall, Dübendorf. 1.Februar.

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